Politik und Zeitgeschichte

Deutsche Nerven getroffen – was vom Papstbesuch übrig blieb

Begrüßung Papsts Benedikt XVI. durch Bundespräsident Christian Wulff und Frau Bettina Wulff vor dem Schloss Bellevue in Berlin; © Wikipedia/CC/WDKrauseBegrüßung Papsts Benedikt XVI. durch Bundespräsident Christian Wulff und Frau Bettina Wulff vor dem Schloss Bellevue in Berlin; © Wikipedia/CC/WDKrauseKaterstimmung, Enttäuschung, Verunsicherung: Solche Vokabeln beherrschten das Medienecho auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. Von einem historischen Besuch spricht die Bischofskonferenz. Bei genauerem Hinsehen hat der deutsche Papst empfindliche Nerven auf allen Seiten getroffen.

Als am 7. Oktober 2011 die Herbstversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda zu Ende ging, hatte sie manche Personalentscheidung getroffen und etliche Sachthemen diskutiert. Im Zentrum der Pressekonferenz des Vorsitzenden Erzbischof Robert Zollitsch stand jedoch der Papstbesuch im September in seinem Heimatland.

Zollitsch sprach von einem „historischen Ereignis“ und von „intensiven und wunderbaren Tagen“. Solche Formulierungen konnten jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass der Besuch Benedikts XVI. einige Irritationen verursacht hat – auch unter den Bischöfen.

Gegen kirchliche Privilegien

Geradezu aufgescheucht hatte der bayerische Besucher aus Rom die deutsche Kirchenführung, als er ausgerechnet in Freiburg – dem Bistum Zollitschs – eine „Entweltlichung der Kirche“ forderte: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden“. Konnte das mit deutschen Verhältnissen vertraute Kirchenoberhaupt damit etwas anderes als die typisch deutsche Verflechtung von Kirche und Staat, die Kirchensteuer, die Trägerschaft großer Institutionen des Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesens meinen?

Vor dem Gottesdienst fährt Papst Benedikt XVI. im Papamobil eine Ehrenrunde durch das Olympiastadion in Berlin; © Wikipedia/CC/Andreas E. Neuhold

Aber Benedikt XVI. blieb bei Andeutungen. Die machten auch einige deutsche Kirchenvertreter, die seine Freiburger Rede begrüßten. So äußerte sich der Kölner Kardinal Joachim Meisner in einem Bild. Die deutsche Kirche gleiche einem Auto mit zu großer Karosserie und zu kleinem Motor: zu viele Strukturen, zu wenig Glaubenskraft. Aber was heißt das konkret?

Unmut im politischen Katholizismus

Jedenfalls nicht die Abschaffung der Kirchensteuer, legt sich Erzbischof Zollitsch fest. Die sei nämlich gar kein Privileg, sondern eine „institutionelle Ausgestaltung der Religionsfreiheit“, sagte er am Ende der Versammlung von Fulda. Allerdings sprach er von einer grundsätzlichen Bereitschaft der Kirche, über eine Ablösung der direkten Staatszahlungen an die Kirchen – Spätfolgen der Säkularisierung von 1803 – zu sprechen.

Logo vom Papstbesuch 2011;  © Verband der Diözesen Deutschlands (VDD)Schon gleich nach dem Papstbesuch hatten Presseberichte eine Verstimmung unter politisch einflussreichen Katholiken festgestellt. Bei einem Empfang in der katholischen Akademie Berlins hätten manche von ihnen dem Papst Weltferne attestiert. Der Tagesspiegel etwa zitierte eine ungenannte CDU-Politikerin, die sich über die Privilegien-Schelte ärgerte: „Ausgerechnet in Freiburg, wo die Caritas gegründet wurde!“

Weltzuwendung statt „Entweltlichung“?

Tatsächlich ging der Präsident des größten katholischen Wohlfahrtsverbands, Prälat Peter Neher, offen kritisch mit dem Papstwort von der Entweltlichung um. „Ich halte diesen Begriff für schwierig“, sagte er in einem Interview: Schließlich sei Gott Mensch geworden in dieser Welt, habe sich ihr also zugewandt. Deshalb könne der Papst auch nicht den Abschied von sozialer Weltzuwendung gemeint haben.

Und die „Privilegien“? „Ohne finanzielle Mittel ist es schwer, Gutes zu tun“, sagte Neher. „Die Frage ist nur: Stehen die finanziellen Mittel im Mittelpunkt oder der notbedürftige Mensch.“ Und das habe der Papst wohl sagen wollen. „Das Verhältnis von Staat und Kirche hat sich bewährt“, meint auch Stefan Vesper, Geschäftsführer des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK). Es werde definitiv keinen Rückzug aus der Gesellschaft geben, das sei auch nicht die Absicht des Papstes.

Proteste anlässlich des Papstbesuches in Erfurt; © Wikipedia/CC/ Pilettes

Sigrid Grabmeier von der Bewegung Wir sind Kirche wollte sich auf solche Interpretationen nicht einlassen. Sie kritisierte in Fulda auf einer eigenen Pressekonferenz, dass der Papst eine sehr schwierige Situation in Deutschland hinterlassen habe, weil er sich nicht verständlich und eindeutig geäußert habe.

Mehr Symbole als klare Worte

Der kritische Katholizismus von Wir sind Kirche hat den Papstbesuch wie viele nicht organisierte Kirchenmitglieder weitgehend als Absage an Kirchenreformen verstanden. Dabei spielte vor allem eine Rolle, wozu Benedikt XVI. schwieg: zum gemeinsamen Abendmahl von Katholiken und Protestanten, zum kirchlichen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, zum Zölibat, zur Mitwirkung von Laien in der Kirche. Statt Stellungnahmen zu diesen Reizthemen der deutschen Kirche gab es Predigten über Demut und Gehorsam. Über den seit einigen Monaten eingeleiteten offiziellen Dialogprozess von Kirchenoberen und Laiengremien in Deutschland verlor er öffentlich kein Wort.

Papst Benedikt XVI. an seiner heiligen Messe in Freiburg, anlässlich seines dritten apostolischen Reise in Deutschland; © Wikipedia/CC/Wici

Wer den Besuch freundlicher deutete, verwies auf die Symbolhandlungen des Papstes: Er traf sich mit einer Gruppe von Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester. Er besuchte mit Vertretern der evangelischen Kirche das Erfurter Kloster von Martin Luther. Er empfing deutsche Muslime und sprach ihnen gegenüber davon, der Islam sei „ein Merkmal dieses Landes“ geworden. Das war offensichtlich eine Anspielung auf die Diskussion um die Formulierung von Bundespräsident Christian Wulff (CDU), der vom Islam als Teil Deutschlands gesprochen hatte. Josef Ratzinger wählte in seiner Heimat eine ähnliche, aber vorsichtigere Formulierung.

Naturrechtslehrstunde im Bundestag

Das Lieblingsthema des Professoren-Papstes, das Verhältnis von Glaube und Vernunft, hatte Benedikt XVI. diesmal schon zu Beginn seines Besuches abgehandelt, bei seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag. Diese Rede hatte schon im Vorfeld für Wirbel gesorgt, weil Abgeordnete der Linken ihr demonstrativ fern blieben. Ein Religionsführer habe nicht im Bundestag zu sprechen. Was sie dann verpassten, war eine Vorlesung zur christlichen Rechts- und Moralphilosophie. Politiker als Gesetzgeber müssten sich davor hüten, das positive Recht mit dem wahrhaft gültigen Recht zu verwechseln. Politisches Recht müsse sich vielmehr am Naturrecht orientieren, und das könne man mit der Vernunft sehr wohl erkennen.

Die anschließenden Reaktionen der Politiker zeugten von viel Respekt, aber auch davon, dass so mancher dem hintergründigen Gedankengang nur oberflächlich folgen konnte. Auf jeden Fall hat offenbar ein konservativer deutscher Theologe mit großer Treffsicherheit empfindliche deutsche Nerven berührt.

Gregor Taxacher
ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.

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Oktober 2011

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