Einheit von Kirche und Kunst – Dominikuszentrum in München
München wächst innerhalb seiner Grenzen ständig weiter – deshalb entsteht auch immer wieder ein neuer Kirchenbau. Das Dominikuszentrum in der Siedlung Nordheide erfüllt mit einem Kindergarten, einer katholischen Jugendstelle und Einrichtungen der Caritas aber hauptsächlich soziale und kulturelle Aufgaben. In die ganze Anlage wurden Kunstwerke integriert, vor allem in die unverwechselbare Kapelle.
Kompaktes Bauwerk
In diesem neuen, aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Kirchenzentrum möchte man Hausmeister sein, und nicht nur, weil dessen Dienstwohnung mit einer eigenen Dachterrasse über 140 Quadratmeter umfasst. Alle Bereiche in der multifunktionalen Anlage sind großzügig geschnitten, klar gestaltet und meist von Tageslicht durchflutet – da muss die Betreuung einfach Freude machen. Das Dominikuszentrum bildet den östlichen Eckpunkt der in den vergangenen Jahren errichteten Siedlung Nordheide. Auf einer Fläche, die zuvor als „Panzerwiese“ militärischen Zwecken diente, stehen nun zahlreiche mehrgeschossige Wohnbauten, deren überwiegend kräftige Farbgebung den strengen Zeilencharakter zu mildern sucht. Da es für das Kirchenzentrum keine städtebaulichen Ansatzpunkte gab, entschied sich der Münchner Architekt Andreas Meck für ein kompaktes, aus fünf länglichen Quadern gebildetes Gebäude, das somit auch energetisch vorteilhaft ist. Überragt wird die um einen zentralen Innenhof gestaffelte Anlage durch den Baukörper der Kapelle.Homogene Erscheinung

Die Kompaktheit des baulichen Ensembles wird gesteigert durch das Material, mit dem alle Fassaden verkleidet sind. Es ist ein hochwertig gebrannter Ziegel, wobei mit Bedacht unregelmäßige Steine eingesetzt wurden, um den Fassaden einen möglichst lebendigen Ausdruck zu geben. Abgesehen davon, dass die Steine einen menschlichen Maßstab vermitteln, hat der Ziegel im Münchner Kirchenbau eine lange Tradition – das prominenteste Beispiel ist der Liebfrauendom. Beim Gang durch das Dominikuszentrum stellt man dann fest, dass das gleiche Material auch als Belag für den breiten Hauptzugang, den Innenhof sowie für die drei eingeschnittenen Dachterrassen verwendet wurde. Diese homogene Erscheinung der Anlage als einer architektonischen Skulptur betont ihre herausgehobene Rolle in der neuen Siedlung: Sie stellt die „kulturelle und geistige Mitte“ dar. Auf die sakrale Nutzung weisen 300 goldfarbene Kreuze aus Bronze hin, die in die Außenwände des hohen Andachtsraums eingemauert sind. Die baukulturelle Gesamtleistung wurde erst kürzlich mit dem renommierten Fritz-Höger-Preis 2011 für Backstein-Architektur ausgezeichnet.
Freundliches Ambiente

Den größten Teil der Anlage belegen die sozialen und kulturellen Einrichtungen. Auf der Südseite erstreckt sich neben dem Andachtsraum der flache Trakt von Pfarr- und Jugendheim. Der nach Osten gerichtete höhere Quader beherbergt das örtliche Caritas-Zentrum mit Büros und Mehrzweckräumen, wobei die inneren Zonen im obersten Geschoss durch Dacheinschnitte ausreichend Tageslicht erhalten. Der nördliche Bauteil enthält die Räume der Jugendstelle, die sich auf zwei ummauerte Dachterrassen orientieren, um den Jugendlichen geschützte Freibereiche zu bieten. Den Westtrakt nimmt die Kindertagesstätte mit drei Gruppenräumen ein, die sich durch voll verglaste Wände zu einem Garten öffnen. Jeder Gruppenraum verfügt über eine wirklich kindgerecht gestaltete Spielgalerie mit Ausblicken in die „innere Straße“. So teilt sich in allen Einrichtungen mit, dass es dem Architekten nicht auf formale Spielereien ankam, sondern auf eine hohe Qualität der Arbeitsplätze und Aufenthaltsbereiche. Das ebenso freundliche wie ruhige Ambiente beruht auch auf der konsequenten Verwendung von wenigen und zugleich robusten Materialien. So wurden etwa die Einbauten, die der Architekt ebenfalls selbst entwerfen durfte, in Seekiefer ausgeführt.
Blaue Kapelle

Das baukulturelle Meisterstück der Anlage ist der unverwechselbare, introvertierte Andachtsraum, der nur auf den ersten Blick rechteckig erscheint: Die beiden Außenwände sind leicht gedreht, um dem Raum eine spürbare Dynamik zu geben. Seinen besonderen Charakter erhält er durch die Beiträge von drei Künstlern, deren Werke in die Architektur integriert sind und diese wirkungsvoll steigern. Nach ihrem Konzept „Raumikone 2“ hat Anna Leonie die Ziegelhülle blau gefasst. Weil aber die in mehreren Schichten aufgetragene Farbe von den Steinen ganz unterschiedlich angenommen wurde, wirkt sie an vielen Stellen durchscheinend. Zudem verändert das wechselnde Licht die Farbigkeit von einem intensiven Blau bis hin zu rötlichen Tönen. Vor der Altarwand steht das von Rudolf Bott entworfene Kreuz aus quadratischen Alabasterscheiben: Das durchscheinende Material ist eine Antwort auf die gefärbten Ziegel. Einzige natürliche Lichtquelle ist das hoch liegende Glasfenster „Credo“ von Andreas Horlitz. Im Format von 4,70 mal 13 Metern werden auf insgesamt sechs Glas- und Schriftebenen der Text des Glaubensbekenntnisses in lateinischer Sprache und ein Auszug aus einem handschriftlichen Missale des 15. Jahrhunderts überlagert. Was so oft vermisst wird, das ist hier gelungen: eine spannungsvolle Einheit von modernem Kirchenbau und zeitgenössischer Kunst.
Wolfgang Jean Stock
arbeitet seit vielen Jahren als Architekturkritiker für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für die Süddeutsche Zeitung.
arbeitet seit vielen Jahren als Architekturkritiker für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für die Süddeutsche Zeitung.
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Dezember 2011
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