Museen und private Sammlungen – eine Frage der Verhältnisse?

Rineke Dijkstra: The Buzzclub, Liverpool, UK / Mysteryworld, Zaandam, NL, 1996/97, Still, 2-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), 26‘ 40“ | Courtesy Sammlung Goetz
Obwohl nicht wenige private Sammler seit einigen Jahren ihren Kunstbesitz lieber nach eigenen Vorstellungen in selbst betriebenen Räumen und Bauten präsentieren, zeigen aktuelle Beispiele, dass das Interesse an der Kooperation mit staatlichen oder städtischen Museen wieder wächst.
„Für mich geht es um Partnerschaft – und das hat etwas mit Gleichberechtigung und gegenseitiger Wertschätzung zu tun. In dieser Hinsicht muss sich noch mancher Museumsdirektor etwas bewegen“, erklärt der Berliner Sammler Axel Haubrok und begründet die Übergabe von 13 Dauerleihgaben an die Nationalgalerie Berlin im vorigen Jahr so: „Die wichtigsten Arbeiten der Sammlung haben wir in eine Stiftung eingebracht, um den ‚Kern‘ der Sammlung für die Zukunft zu erhalten. Dieses sind gleichzeitig auch einige der physisch größten Werke, die besser museal präsentiert werden sollten. Alle Arbeiten müssen innerhalb von zehn Jahren mindestens einmal gezeigt werden. Ich kann sie, wenn sie nicht anderweitig gezeigt werden, für eigene Ausstellungen ausleihen. Der Leihnehmer lagert und pflegt die Arbeiten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit den verschiedenen prominenten Häusern ist für uns ein optimaler Partner. Außerdem weiß ich aus Gesprächen, dass es auch für die Künstler gut ist, dass sich die Arbeiten in unserer Stiftung und jetzt auch zusätzlich im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befinden.“
Es sind die guten Museen, die den Ritterschlag geben
Im Haus der Kunst in München präsentiert Ingvild Goetz seit 2011 ihre viel gerühmte Video-Sammlung. „Schon länger überlegte ich, die Sammlung auch außerhalb meines Museums zu zeigen“, erläutert die Grande Dame der deutschen Kunstszene. Da das bayerische Kunstministerium interessiert ist, die Werke in München zu halten, die dafür vorgesehene Renovierung des Westflügels im Haus der Kunst jedoch verschoben wurde, schlug der vormalige Direktor Chris Dercon, der die Zusammenarbeit initiiert hatte, den ehemaligen Luftschutzkeller des Museums vor.„Ein neues Konzept war geboren – sowohl fürs Haus der Kunst als auch für die Sammlung Goetz“, berichtet die Münchnerin, die bereits 1993 ein eigenes Museen eröffnet hat. „Die Kooperation ist zunächst auf vier Jahre angelegt, mit Ausstellungen im halbjährlichen Wechsel. Die ersten zwei Ausstellungen wurden von mir kuratiert, die nächste vom Haus der Kunst, die weiteren dann im Wechsel. Es gibt keine bestimmten inhaltlichen Vorgaben; die Werke werden nach unterschiedlichen Kriterien des Kurators ausgewählt und präsentiert. Die laufenden Kosten werden geteilt, die Einnahmen erhält das Haus der Kunst. Es freut mich, mit so einer bekannten Institution eine längerfristige Partnerschaft eingehen zu können.“
Die langjährige Sammlerin, die im eigenen Museum nur in begrenztem Umfang Videokunst zeigen kann, hofft auch, ein anderes Publikum zu erreichen. Teile der Sammlung – mit 480 Arbeiten von etwa 170 Künstlern eine der europaweit bedeutendsten – werden 2012 im Nordstern Videokunstzentrum Gelsenkirchen, die Arte Povera-Arbeiten im Kunstmuseum Basel zu sehen sein. Die Villa Stuck in München zeigte Fotografien aus ihrem Bestand. Noch immer seien es die guten Museen, die einem Künstler den Ritterschlag geben, ist die geschätzte Mäzenin überzeugt.
Manipulierte Hypes
Doch Ingvild Goetz bestätigt auf Nachfrage auch, dass die privaten Sammler allgemein einen zu großen Einfluss nehmen würden. Deutsche Sammler hingegen seien allerdings überwiegend zurückhaltend, meint sie. „Andere Sammler handeln jedoch sehr manipulativ – sie biedern sich den Museen insofern an, als dass sie nur noch Leihgaben machen, wenn die Museen umgekehrt ihren Künstlern in naher Zukunft eine große Schau versprechen. Kunstwerke und Künstler in Museen können schnell gehypt werden, wenn Geld im Spiel ist.“Kunst-Institutionen ohne eigene Sammlungen versprechen sich durch die Kooperation mit privaten Sammlern ein interessanteres Programm, ein besseres internationales Renommee und Vorteile im globalen Leihverkehr. Die Deichtorhallen Hamburg zeigten eine ganze Reihe von Ausstellungen mit Privatsammlungen. Seit 2005 arbeiten sie mit der Foto-Sammlung FC Gundlach fest zusammen. 2011 wurden nicht nur die Werke, sondern auch die Räume der Sammlung Falckenberg in den Harburger Phoenix-Hallen als Leihgabe übernommen. Den Deichtorhallen, vor 20 Jahren als „Tor zur internationalen Kunstwelt“ eröffnet, könne so die Symmetrie zurückgegeben werden, sagt Intendant Dirk Luckow. 500.000 Euro jährlich plus eine Kuratoren- und Volontärstelle stellt die Stadt Hamburg dafür zur Verfügung. Bis zum Jahr 2023 können der Sammler, der energisch auf „Counter Culture“ setzt, und die städtische Institution, die sich letztlich auch über die Quote legitimieren muss, den Schulterschluss proben.
Robert Lucander: „Man muss Gutes in Frage stellen, um Perfektes zu schaffen“, 1999. 100 x 140 cm. Aus der Ausstellung „Psycho“ in der Sammlung Falckenberg (Dezember 2011 bis März 2012) | Courtesy Sammlung Falckenberg
Kunstmarkt und Museum sind keine Parallelwelten
Viele der hiesigen staatlichen oder städtischen Museen sind historisch aus privaten Sammlungen – adligen oder bürgerlichen – hervorgegangen. Das, was sie heute ihr eigen nennen und ausstellen, spiegelt Interessenslagen und Kräfteverhältnisse. Das gerät oft aus dem Blick.Dass gerade seit den 1980er-Jahren international, aber auch in Deutschland, extrem viele private Sammler aktiv sind, hat nicht zuletzt mit dem Verhältnis von (Kunst)Politik und Finanzmarkt zu tun. Der Einfluss finanzkräftiger Kunstliebhaber und -investoren in Zeiten knapper öffentlicher Kassen steht längst außer Frage.
Prekär und zu wenig bekannt ist: Der Begriff „Museum“ ist in Deutschland nicht geschützt, Auftrag und Aufgaben – das Sammeln, Bewahren, Forschen und Dokumentieren, Ausstellen und Vermitteln – sind nicht gesetzlich verankert. So ergeben sich doch Fragen: Warum hat selbst eine örtliche Sparkasse einen größeren Kunstetat als das städtische Kunstmuseum? Was kommt in die Museen und warum?
Sigrun Hellmich
ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie lebt in Leipzig.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011
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internet-redaktion@goethe.de
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