Musik

Im Eifer des Geflechts – das C3-Festival

C3 / Sven ThielemannJorge Sánchez-Chiong von Trio ESJ, C3 Festival Berlin, Foto: C3 / Michael FelschDas C3-Festival in Berlin, Essen und Danzig leuchtete aktuelle Stilüberschreitungen zwischen ernster und unterhaltender Musik aus. Das Resultat der vom Publikum gefeierten Experimente weist in Richtung Grenzenlosigkeit.

Rechts auf der Bühne steht Sebastian Meissner. Der Berliner Laptop-Musiker hat in den letzten Jahren nicht nur hintergründige Elektronik-Alben, sondern auch verspielte House-Platten produziert. Auf der Bühne trägt er eine dicke Winterjacke. Er beugt sich über seinen Laptop und nickt unmerklich mit dem Kopf. Meissner spielt düstere Beats und erratische Loops, Samples, deren Herkunft sich in der Wiederholung verliert.

Links auf der Bühne stehen die vier Musiker von Kwartludium, einem Ensemble für zeitgenössische Musik aus Gdansk und Warschau. Kwartludium arbeitet sich sonst an den komplexen Partituren junger Komponisten wie Dariusz Przybylski oder Frank Zabel ab. Heute abend scheinen sich die Musiker zu vergessen. Die Lippen leicht nach vorne geschoben, die Augen zusammengekniffen – es wird wild improvisiert. Die Grenzgänger imitieren das elektronische Material oder reichern es mit verwegenen Geräuschklängen an.

Musikalische Unwahrscheinlichkeiten

Julian Elvira & Jesus Navarro, C3 Festival Berlin, Foto: C3 / Michael FelschDass Sebastian Meissner und Kwartludium gemeinsam im Berliner Club Berghain auf der Bühne stehen, ist eine musikhistorische Unwahrscheinlichkeit ersten Ranges. Denn auf den ersten Blick verbindet die beiden wenig. Wer aber genauer hinschaut, sieht, dass längst ein Geflecht von möglichen Bezügen zwischen dem House-Produzenten und dem Avantgarde-Ensemble entstanden ist. Meissner hat zum Beispiel mehrfach Werke der Neuen Musik gesampelt. Viele seiner CDs haben mit dem herkömmlichen Verständnis von Popmusik nichts mehr gemein. Das Ensemble Kwartludium wiederum stellte seine ästhetische Offenheit unter Beweis, als es 2011 gemeinsam mit zwei „Human Beatboxern“ eine CD veröffentlichte, mit Vokalperkussionisten also, die sonst im Hip-Hop zuhause sind, also üblicherweise eher mit „phetten Beats“ als mit filigranen Rhythmen im Pianissimo agieren.

Das Konzert mit Meissner und Kwartludium fand im November 2011 im Rahmen des Festivals C3 statt. C3, weil es um „Club“, um „Contemporary“ und um „Classical“ geht. „Exploring the undefined in contemporary classical and electronic club music“, heißt es erläuternd im Festivalprogramm, das damit den Finger auf einen heiklen Punkt im gegenwärtigen Musikleben legt. Denn längst lassen sich viele musikalische Arbeiten nicht mehr mit den bislang geläufigen Kategorien „klassische Musik“ oder „Popmusik“ beschreiben.

Organische Symbiosen

Jacaszek & Silva erum, C3 Festival Danzig, Foto: C3 Festival Crossover nannte man früher die Bemühungen der Künstler, verschiedene musikalische Stile miteinander zu verbinden. Heute ist der Begriff schon deshalb unzutreffend, weil solche Grenzüberschreitungen nicht mehr als mutwilliges Konstrukt ins Werk gesetzt werden, sondern sich ganz selbstverständlich aus den Biografien und dem ästhetischen Fokus der Künstler ableiten. Wenn der Avantgarde-Komponist Jorge Sanchez-Chiong seine vertrackten rhythmischen Instrumentalpartien am DJ-Pult begleitet, dann ist das vollkommen organisch gedacht. Im Rahmen von C3 war Sanchez-Chiong mit zwei Bassblockflöten-Muikern als Trio ESJ zu hören. Plattenspieler und Flöten gehen dabei vollkommen ineinander auf. Kein Clash der Klangkulturen also, sondern eine Symbiose, die aus sich heraus den Rahmen der musikalischen Kommunikation entwickelt.

Und Projekte wie das Trio ESJ sind seit einigen Jahren keine Seltenheit mehr. Klassische Instrumentalisten suchen die Zusammenarbeit mit Elektrowizards aus dem Clubbereich. Das Ensemble Zeitkratzer etwa, ein etabliertes Neue-Musik-Ensemble aus Berlin, hat gemeinsam mit Manuel Göttsching dessen legendäres Album „E2-E4“ neu arrangiert. Das Barockorchester Elbipolis tritt mit dem Postpunk-Elektroniker Brezel Göring auf. Die Akademie für Alte Musik Berlin lässt Händel live von Ignaz Schick am Plattenteller remixen. Natürlich ist das auch ein Versuch, das tradierte Repertoire neu aufzuarbeiten und zu aktualisieren. „Die Plattenindustrie ringt um ein neues Publikum für die klassische Musik“, analysierte der britische Produzent und Remix-Spezialist Matthew Herbert diese Entwicklung unlängst im Interview, nachdem er selbst gerade eine Mahler-Sinfonie für eben diese Industrie im Studio überarbeitet hatte.

Synthesizer – Software – Studio

Kai Schumacher, C3 Festival Danzig, Foto: C3 / Araa RazulakWenn es darum geht, Brücken zu schlagen zwischen dem, was einmal E und U hieß, spielen elektronische Speichermedien eine entscheidende Rolle. Die Annäherung zwischen der jugendlichen Popkultur und der bürgerlichen Avantgarde hat sich zunächst vor allem im Bereich der Elektroakustik vollzogen, weil sich die Synthesizer und die Software, mit denen Avantgardekomponisten und Bedroomproducer produzieren, weitgehend gleichen. Arrivierte Techno-Größen nannten deshalb auch Komponisten wie Karlheinz Stockhausen als wichtige Referenz.

Das ist keine Koketterie, sondern eine Anerkennung der Pionierleistung, die in der musikalischen Avantgarde der Fünfziger- und Sechzigerjahre stattfand. Eine Anerkennung, die sich bis in das Sounddesign der Gegenwart hinein fortsetzt. Die vielen verschiedenen Pseudonyme, unter denen Marcus Schmickler veröffentlicht hat, sind ein Paradebeispiel dieser Entwicklung: als Pluramon, Wabi Sabi oder Param, aber auch unter bürgerlichem Namen. Schmickler studierte Komposition, verlor das diskursive Potenzial der Clubkultur aber dabei nie aus den Augen.

Hooked on Clubculture

Victoire, C3 Festival Berlin, Foto: C3 / Michael FelschZwei Dinge sollte man, auch das hat C3 deutlich gemacht, nicht aus den Augen verlieren. Zum einen markieren Tonalität und Rhythmizität nach wie vor eine bestimmte musikalische Sphäre: Wer heute in Dur oder im 4/4-Takt musiziert, steht der Popkultur gewiss näher als der Avantgarde. Zum anderen ist die Grenzüberschreitung nicht per se ein Gewinn. Auch Rondo Veneziano oder der Disco-Track „Hooked On Classics“ haben in den Achtzigerjahren Grenzen überschritten, ohne damit gleich musikhistorisch bedeutsam zu werden. Trotzdem zeigt ein Festival wie C3, dass die Szene insgesamt in Bewegung ist. Und dass Kategorien wie „ernste“ und „unterhaltende“ Musik als Gegensätze zumindest aus künstlerischer Perspektive mehr und mehr überflüssig werden. Auch das ist eine ästhetische Folge der Clubculture.

Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011

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