Tanzplattform 2012 in Dresden – Vorhang auf für einen farbigen Szene-Mix

Am 23. Februar 2012 startet in Dresden die zehnte Ausgabe der Tanzplattform. Ein Gespräch mit Jury-Mitglied Kerstin Evert von K3 – Zentrum für Choreografie / Tanzplan Hamburg, über die Auswahl und die Erwartungen, die sich mit der Tanzplattform verbinden.
Drei Tage lang wird sich die freie Szene ein Stelldichein geben und dabei sowohl Fachleuten wie dem breiten Publikum einen Überblick über die aktuelle deutsche Tanzlandschaft ermöglichen. Ausrichter ist Hellerau – das Europäische Zentrum der Künste Dresden, einer der elf Veranstalter, die das im Zweijahres-Turnus stattfindende Festival reihum organisieren. Die 2012-Edition wartet mit runderneuertem Profil auf: Aus der Fülle der Arbeiten hat die Fachjury nicht nur zehn Produktionen herausgepickt, sondern zehn weitere Projekte zu halbstündigen Präsentationsrunden eingeladen. Das Semperoper-Ballett steuert einen William-Forsythe-Abend bei, das Festspielhaus Hellerau vier großformatige Gastspiele.
Frau Evert, ist die Tanzplattform ein „Best of“ der freien Szene?
Diese Erwartung gibt es, aber sie ist meines Erachtens ein Missverständnis. Bei der Tanzplattform geht es darum, ein Spektrum abzubilden, also die Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland zu zeigen, und das in einer konzentrierten Form. Dafür haben wir eine Palette von unterschiedlichen Ansätzen, Themen, Formaten und Stilrichtungen zusammengestellt.
Welche Kriterien hat die Jury angelegt?
Wichtig ist zunächst, dass die eingeladenen Produktionen, die sich dem internationalen Fachpublikum vorstellen, prinzipiell auf Tour gehen können. Dass sie also unter technischen und konzeptionellen Gesichtspunkten gastspieltauglich sind und das Stück auch anderswo funktioniert. Deshalb haben wir auf die einzelnen Arbeiten geschaut und uns gefragt, was könnte international interessant sein?
Sie haben sich demnach weniger an Choreografen-Namen orientiert.
Ja, denn zehn Stücke aus der Menge an Tanzproduktionen auszusuchen, die in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland entstanden sind – das ist eine schwierige Aufgabe! Deshalb haben wir nicht nach Künstlern, Künstlerinnen oder Gruppen gesucht, die wir generell interessant finden, sondern intensiv jedes einzelne Stück und die Herangehensweise betrachtet. Aufs Ganze gesehen spiegelt die Auswahl dennoch verschiedene Genres – Bewegungsforschung, Tanztheater, Narration, thematische Collage
Außer den Eingeladenen werden zehn weitere Choreografen ihre Projekte in Pitchings vorstellen. Was versprechen Sie sich davon?
Die zehn Künstler, die ihre Arbeit zusätzlich vorstellen, haben wir im Auswahlprozess sehr intensiv diskutiert. Das Pitching eröffnet die Möglichkeit, mehr künstlerische Ansätze und Projekte zu zeigen und damit auch die Szene etwas umfassender zu repräsentieren.
Die Tanzplattform hat kein Dachthema und ist kein kuratiertes Festival. Hat die Jury im Lauf des Auswahlprozesses trotzdem bestimmte Tendenzen ausfindig gemacht?
Ich glaube nicht, dass sich flächendeckende Trends abzeichnen. Wir haben in Deutschland eine ausgeprägte Vielfalt an Stilen, Themen und Formaten. Wobei die prekäre Fördersituation es mit sich bringt, dass Soli und Zweierbesetzungen immer noch in der Überzahl sind. Interessanterweise sind aber auch, zumindest nach meiner Beobachtung, immer mehr Trios zu sehen. Also Konstellationen, die an der Schwelle zur kollektiven, gruppenorientierten Arbeitsweise stehen.
Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen?
Ich mache, auch jenseits dieser Jury-Aufgabe, die Erfahrung, dass bei den Tanzschaffenden selbst das Bewusstsein für ihre Kunstform wächst. Es sind, nicht zuletzt dank verbesserter Aus- und Weiterbildungsstrukturen, viele sehr gut ausgebildete Leute auf dem Markt, gerade auch unter den Jüngeren. Zugleich fragen sich viele, wie sie je aus dem Nachwuchs-Status rauskommen sollen …
Wie steht es mit der traditionellen Opposition von freier Szene hier, Stadt- und Staatstheater-Betrieb dort?
Da bröckeln alte Fronten und ich glaube, dass die Tanzplattform das auch zeigen wird. Es gibt Grenzgänger wie Laurent Chétouane und Malou Airaudo, die zwischen den Systemen hin und her wechseln. Das ist eine Riesenchance, denn daraus kann fruchtbarer Austausch entstehen.
Was wird der Zuschauer nach drei Tagen Tanzplattform mit nach Hause nehmen?
Im schönsten Fall die Erkenntnis: Da passiert sehr viel auf hohem Niveau – aber im Einzelnen ist das durchaus divers und das ist auch gut so!
Eszter Salamon: Dance for Nothing
Antonia Baehr: For Faces
Christoph Winkler: Baader. Choreografie einer Radikalisierung
Anna Konjetzky: Abdrücke (Installation)
Malou Airaudo / Renegade: Irgendwo
Laurent Chetouane: horizon(s)
Sebastian Matthias: Tremor
Helena Waldmann: revolver besorgen
Antje Pfundtner: TIM ACY
Ioannis Mandafounis/Fabrice Mazliah/May Zarhy: Cover Up
Von den Veranstaltern gesetzt wurden:
The Forsythe Company: N.N.N.N.
Constanza Macras/Dorky Park: berlin elsewhere
Meg Stuart/Damaged Goods: Violet
Sasha Waltz: Métamorphoses
In Pitchings präsentieren sich:
Jenny Beyer, Christina Ciupke und Nik Haffner, Begüm Erciyas, LaborGras, Helge Letonja, Isabelle Schad, Zufit Simon, Stefanie Thiersch, Kat Valastur, Silke Z.
führte das Gespräch. Sie arbeitet als Feuilleton-Autorin und Tanzkritikerin, unter anderen für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Zeit“ und „tanz".
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Dezember 2011
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