Von der Kulturrepräsentanz zum kulturellen Dienstleiter

Es ist nicht so, dass sich Gabriele Becker hier nicht wohl fühlt. Von ihrem lichtdurchfluteten Büro im vierten Stock einer eleganten Villa an der Fifth Avenue blickt die Direktorin des New Yorker Goethe-Instituts auf die monumentale Freitreppe des Metropolitan Museum, der vielleicht reichsten Kulturschatzkammer der Welt. Und gleich hinter dem Kunsttempel beginnt der Central Park, jener weitläufige Prachtgarten im Herzen der Stadt, dessen Ränder zu den begehrtesten und teuersten Wohnlagen Manhattans gehören.
"Wir haben es schon sehr schön hier", gibt Becker zu. Und doch sieht die Institutsleiterin der Region Nordamerika es positiv, dass eine dringend erforderliche Sanierung das Goethe-Institut derzeit dazu zwingt, seinen vornehmen Standort vorübergehend aufzugeben. Ab Ende Oktober wird die Nummer 1014 Fifth Avenue modernisiert und das Institut verteilt sich voraussichtlich drei Jahre lang auf drei Gebäude an der Lower East Side Manhattans. "Es ist ein echte Chance", sagt Becker. "Eine Frischzellenkur zur rechten Zeit."
Der temporäre Umzug des New Yorker Goethe-Instituts ist symbolisch für einen Neubeginn. Schon rein geographisch kam der alte Hauptsitz an der Fifth einer Kern-Klientel entgegen, die es heute so praktisch nicht mehr gibt: Die Deutsch-Amerikaner, die sich in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts an der Upper East Side unweit des Metropolitan Museums angesiedelt hatten und die eine kulturelle Bindung zu ihrer Heimat aufrecht erhalten wollten. Vom ehemaligen "Germantown" gibt es mittlerweile hier jedoch nur noch wenige Spuren – eine Metzgerei, eine deutsche Kneipe namens "Heidelberg", eine katholische Kirche, in der die Messe noch auf Deutsch gelesen wird. Es sind Inseln in einem gesetzten Wohnbezirk, der von der angelsächsischen Upper-Class geprägt wird.
Die Lower East Side, wo sich das Institut in den kommenden Jahren ansiedelt, wird hingegen von einem jungen, ethnisch durchmischten, sowie stark kulturinteressierten Publikum beherrscht. Die neue Lage entspricht perfekt dem veränderten Selbstverständnis des New Yorker Instituts. Weit weniger als bisher möchte man am Hudson eine Repräsentanz im klassischen Sinn sein. Stattdessen soll sich das Goethe-Institut zu einem Player im unendlich reichhaltigen aber auch hart umkämpften New Yorker Kulturbetrieb mausern. Es soll weniger im konventionellen Sinn deutsche Hochkultur exportiert werden, als vielmehr das Publikum vor Ort in einen "lebendigen transatlantischen Dialog" verwickelt werden, wie Gabriele Becker es ausdrückt.

Als erstes lud die "Storefront" junge amerikanische Innenarchitekten dazu ein, mit dem Berliner "Institut für angewandte Urbanistik" über öffentlichen Raum und dessen Gestaltung zu diskutieren. Besser als mit dieser Veranstaltungsreihe hätte man nicht illustrieren können, wie das New Yorker Institut seinen neuen Auftrag begreift. Junge Vordenker von beiden Seiten des Atlantiks trafen sich zu einem offenen und öffentlichen Ideenaustausch, der auch noch zum Thema hatte, wie sich Austausch fördern und gestalten lassen.
Seit September steht der Raum im Wyoming dauerhaft der Öffentlichkeit als Treffpunkt zur Verfügung und etabliert sich hoffentlich auf der Lower East Side als Kommunikationszentrum einer jungen Avantgarde. Das gleiche Ziel hat auch die Bibliothek, die im November in der Spring Street, an der Grenze zu Chinatown einzieht. "Wir wollen ein Ort der Begegnung werden", sagt Bibliotheksleiterin Brigitte Doellgast. Ein Ziel, das an dem hübschen aber isolierten Standort gegenüber des Metropolitan Museum schwer zu verwirklichen war. Der einzigen öffentlichen deutschsprachigen Bibliothek der USA fehlte dort schlicht die Laufkundschaft. Wer dorthin kam, hatte meist ein sehr spezielles Interesse. Als modernes Multimedia-Zentrum in einem jungen lebendigen Bezirk soll sich das nun ändern.
Von diesem Geist der Offenheit und des Dialogs war auch die zweite Veranstaltungsreihe im Wyoming getragen – eine Reihe hochkarätiger Podiumsdiskussionen zum Thema ökologisch verantwortungsvoller Architektur. Nachhaltigkeit ist in den USA spätestens seit dem Erfolg des Al Gore-Films zum Treibhauseffekt ein breit diskutiertes Thema und grünes Bauen hat sich in den Städten längst zum Standard verfestigt. Wie bei jedem Trend-Thema sind die Begriffe dabei jedoch häufig unscharf. Und genau da sieht das Goethe-Institut die Gelegenheit zu einem bedeutungsvollen Beitrag; "Wir haben uns überlegt auf welchem Gebiet wir zu den wichtigen Debatten hier vor Ort etwas hinzuzufügen haben", sagt Gabriele Becker. Umwelt sei dabei, aufgrund der deutschen Vorreiterschaft auf diesem Gebiet, das erste Thema gewesen, bei dem die New Yorker Goethe-Mannschaft glaubte, Deutschland könne dem inneramerikanischen Diskurs Impulse geben.
Deshalb haben die Goethe-Institute Nordamerikas auch die Umwelt zum ersten von vier Schwerpunktthemen für die gesamte Region ausgewählt. Die weiteren Themen sind der transatlantische Dialog, die Digitalisierung der Öffentlichkeit, sowie das Thema Migration. Wie beim Thema Umwelt ist das Goethe-Institut im nordamerikanischen Kontext auch bei den anderen Themen prädestiniert, einen Beitrag zu leisten. Der transatlantische Dialog gehört ohnehin zur Kernkompetenz des Instituts, die Goethe-Bibliotheken beschäftigen sich täglich in ihrem Umstellungsprozess zu einem modernen multimedialen Informationsnetzwerk mit der Digitalisierung. Und durch das Institut in Mexiko, das auch der Region Nordamerika angehört, sind die Migration und die Nord-Süd-Problematik als globales Gegenwartsthema für das Goethe-Institut äußerst präsent.
Wichtig ist Gabriele Becker dabei, dass das Goethe-Institut auf eine Art in diese Diskurse eingreift, die seinen Stärken und seinem Selbstverständnis entspricht: "Wir wollen die Debatten auf ein hohes intellektuelles Niveau heben", sagt Becker. So veranstalten die Institute in Montreal, Boston, San Francisco und Mexiko derzeit in Zusammenarbeit mit dem kulturwissenschaftlichen Institut in Essen eine Serie von Workshops zum Thema "Kulturelle Folgen des Klimawandels", an der junge Geisteswissenschaftler aus Kanada, Deutschland und den USA teilnehmen. Die Workshops sollen im Laufe des kommenden Jahres zu einer Serie von Podiumsveranstaltungen führen.
Das Projekt zum Schwerpunktthema Umwelt ist indes nur ein Beispiel für die durchgehend enge Kooperation zwischen den nordamerikanischen Instituten, die in allen Bereichen besteht. So sorgen fünf Trainernetzwerke an den Instituten in New York, Washington, Boston, San Francisco und Chicago für die Fortbildung der Lehrerfortbilder im ganzen Land. "Es gibt etwa 5000 Deutschlehrer in den USA, die können wir nicht alle einzeln erreichen", erklärt die Leiterin des Sprachbereiches, Eva Marquart. Deshalb kümmere man sich über das Netzwerk der Institute darum, dass die Deutschlehrer an amerikanischen Schulen auf einem möglichst hohen Qualitätsniveau arbeiten.
Kern der Spracharbeit sind allerdings nach wie vor die kommerziellen Sprachkurse für Erwachsene an den Instituten. Dabei ist das Goethe-Institut Nordamerika Weltmeister, wenn es darum geht, Sprachkurse in Deutschland zu vermitteln: Aus keinem anderen Land der Welt reisen so viele Sprachlernende zu Kursen nach Deutschland.
Das Goethe-Institut Nordamerika macht derzeit große Schritte bei seinem Wandel von einer traditionellen Kulturrepräsentanz zu einem modernen Dienstleister sowie einem aktiven Teilnehmer am kulturellen Leben und den aktuellen gesellschaftlichen Debatten vor Ort. Die New Yorker Veränderung von einem botschaftsartigen Sitz zu drei offenen, äußerst flexibel genutzten Räumen im Zentrum des Kulturlebens dokumentiert diese Entwicklung. Und so ist zu hoffen, dass das Institut in drei Jahren seine neue Identität mit zurück in die altehrwürdigen Räume tragen kann. Ein Hauch von Downtown wird dann allerdings schon alleine dadurch durch die Flure der Nummer 1014 Fifth Avenue wehen, dass dort neben Verwaltung, Veranstaltungen und Medienzentrum Künstlerwohnungen für ein "Artist in Residence" Programm entstehen sollen. Es soll ein lebendiger Ort werden mit einer Vielfalt und Vielschichtigkeit kulturellen Lebens – eine wahrhaft angemessene Vertretung eines modernen Deutschlands in den USA.
[Quelle: politik und kultur - Zeitung des Deutschen Kulturrates • Ausgabe: Nr.06/09 • November/Dezember 2009]










