Auch es nicht von allen Vertretern der Zeichenkunst begrüßt wurde, wurde der Begriff "Graphic Novel" in den 60er Jahren eingeführt, um den Comics einen Hauch von Ehrbarkeit zu verleihen. In dem halbe Jahrhundert, das inzwischen vergangen ist, sind "Graphic Novels" weit über sich selbst hinaus gewachsen. Spätestens seit Art Spiegelmanns Buch
Maus einen Pulitzer Preis erhielt, wurde deutlich, dass das Genre ohne Mühen einen Stoff von historischem Gewicht behandeln kann. Die deutschen Graphic Novels des 21. Jahrhunderts vereinen das Beste der zeitgenössischen Illustration mit allen Arten von originalen oder adaptierten Texten und Verlagshäuser wie Reprodukt, Carlsen, Edition 52, Avant-Verlag und DuMont – um nur einige zu nennen – entwickeln das Genre ständig weiter. Während unser Bestand auch eine große Zahl unterhaltsamer Graphic Novels aufweist, wollen wir im folgenden auf ein paar eher ernsthafte Werke dieser Gattung aufmerksam machen.
Isabel Kreitz: Deutschland. Ein Bilderbuch
Zum 60-jährigen Jubiläum der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland hatte die Tageszeitung
Frankfurter Rundschau die Illustratorin und Graphic-Novel-Autorin Isabel Kreitz beauftragt, wöchentlich ein Ereignis aus der Geschichte der BRD zu skizzieren.
Deutschland. Ein Bilderbuch ist die Sammlung dieser brillanten Kurzporträts. Historische Ereignisse werden aus den verschiedensten gesellschaftlichen Perspektiven gezeigt: Die Redakteure eines Provinzblattes diskutieren 1959 das Für und Wider einer Besprechung von Günter Grass Roman
Die Blechtrommel; der Stammtisch eines Wirtshauses kommentiert die Hinrichtung von Adolf Eichmann im Jahr 1962; Willy Brandt führt per Knopfdruck 1976 das Farbfernsehen ein. Die Finanzkrise des Jahres 2008 führt uns Isabel Kreitz aus der Perspektive der Kellner eines Restaurants vor Augen, die die Auswirkungen schnell zu spüren beginnen. Jede dieser Szenen ist in sich selbst eine pralle Erzählung, eine Mischung von Geschichte, Schlagzeilen und den Sorgen oder Glücksmomenten, die sie bringen.
Moritz Stetter: Bonhoeffer. Graphic Novel
Der junge Illustrator Moritz Stetter zeichnet gekonnt das Leben des Theologen Dietrich Bonhoeffers durch eine eindrucksvolle Collage aus Texten, die hauptsächlich Bonhoeffers Schriften entnommen wurden sowie einer breiten Palette von Skizzen, Karikaturen und realistischen Portraits. Auch wenn es sich um keine Biographie im traditionellen Sinn handelt, gelingt es
Bonhoeffer ein lebhaftes Porträt der zahlreichen Einflüsse und Beziehungen zu zeichnen, die Bonhoeffers Leben, seine moralische und politische Überzeugung, seine Widerstandsbewegungen und seine daraus resultierende Ermordung durch das nationalsozialistische Regime geprägt haben. Die Geschichte beginnt mit seiner Verhaftung im Jahr 1943 und entwickelt sich durch eine Serie von Rückblenden. Auch wenn die Texte eine gewisse Kenntnis der Geschichte des Dritten Reichs voraussetzen, bietet
Bonhoeffer einen hervorragenden Einstieg in die Materie und ist vor allem für Studenten der Fächer Deutsch, Europäische Geschichte und Theologie sehr zu empfehlen.
Klaus Kordon, Christoph Heuer, Gerlinde Althoff: Der Erste Frühling
Klaus Kordon publizierte seine 500 Seiten umfassende
Trilogie der Wendepunkte über 9 Jahre, von 1984 bis 1993.
Der erste Frühling war der dritte Teil dieser Trilogie und 2007 publizierte der Carlsen Verlag eine Graphic-Novel-Version dieses preisgekrönten Buches mit Texten von Gerlinde Althoff und Illustrationen von Christof Heuer.
Der erste Frühling spielt im Frühling 1945. Der Krieg ist zu Ende als die russische Armee auf Berlin vorrückt und die Stadt von den Alliierten zerbombt wird. Die 12-jährige Änne lebt bei ihren Großeltern, seit ihre politisch links orientierten Arbeitereltern verhaftet wurden. Eines Tages taucht ein Fremder auf – ihr Vater, der aus dem Konzentrationslager Buchenwald heimkehrt…
Klaus KordonHorus: Schiller! Eine Comic-Novelle
Das Schiller National Museum und das Deutsche Literaturarchiv haben den Graphic-Novel-Autor Horus damit beauftragt einen Comic über Schiller zu machen. Horus liefert keine Standardbiographie, sondern konzentriert sich auf die Jahre 1871-1872, einen kritischen Wendepunkt in Schillers aufkeimender Karriere als Autor. Unter voller Ausschöpfung aller graphischen Möglichkeiten, die ihm das Genre bietet, illustriert Horus den inneren Dialog Schillers als er sich von den Diensten unter Herzog Karl Eugen lossagt. Jedes Detail von Schillers Erscheinung und seiner Umgebung - von der Mode des späten 19. Jahrhunderts bis zum Möbelstil der Zeit – wurden von Horus in Vorbereitung für diesen Comic genauestens studiert, wodurch das Werk eine große Authentizität ausstrahlt.
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