Bildende Kunst

Timm Ulrichs – Betreten der Ausstellung verboten!

Sprengel-Museum und Kunstverein richten dem Konzept-Künstler Timm Ulrichs in dessen Geburtsstadt Hannover eine Doppelausstellung aus.

Die Doppelausstellung findet zu einem besonders günstigen Zeitpunkt statt. Zum einen kann man den Konzept-Künstler anlässlich seines am 31. März 2010 gefeierten 70. Geburtstags in seinem Wohnort Hannover damit gebührend würdigen, und zwar unter dienstvollem Engagement derjenigen wichtigen Institute, die sich erst in den 1970er-Jahren in die Reihe größerer Präsentationen eingeklinkt hatten. Zum anderen ist in der derzeitigen Kunstszene vieles von dem erneut virulent, was Ulrichs bereits seit den 1960er-Jahren angezettelt hat.

Ideen en masse

Dies betrifft nicht nur jene Künstler, die sich wie etwa Jonathan Monk dezidiert auf historische Positionen beziehen. Viel entscheidender ist, dass man wohl erst heute ermessen kann, was Timm Ulrichs quer durch sämtliche Medien und Kunstrichtungen als erster oder zeitgleich mit Kollegen erforscht, erfunden und erprobt hat: Wie Ulrichs hat etwa auch Giuseppe Penone Eingriffe des Menschen in die Natur vorgeführt und seinen Handabdruck in einem Baumstamm hinterlassen; wie er ist auch Hans-Peter Feldmann früh obskuren, enthüllenden fotografischen Zeitdokumenten nachgegangen; wie Ulrichs hat auch Dennis Oppenheim der Landschaft künstlerische Zeugnisse eingeschrieben; die Daumenspirale des Europäers steht den Land-Art-Ideen des Amerikaners in nichts nach.

Schließlich lassen sich auch die Körperaktionen von Vito Acconci zum Vergleich heranziehen, ganz zu schweigen von zeitgleichen Sprach-Künsten. Kurz – das Spektrum Ulrichs’scher experimenteller Ideen ist riesig und früh angelegt.

Das Original muss nicht einmalig sein

Bekanntlich liegen ja manche Fragestellungen und Innovationen zu bestimmten Zeiten entwicklungsgeschichtlich in der Luft und werden unabhängig voneinander an mehreren Orten aufgeworfen. Die Doppelausstellung im Sprengel-Museum und im Kunstverein Hannover und mehr noch der Katalog zur Ausstellung werden da einiges ins rechte Licht rücken. Auf Urheberrechten zu beharren, ist allerdings müßig und widerspricht sogar eklatant Ulrichs eigenem Verständnis, gemäß dem erweiterten Kunstbegriff einem Original nicht mehr die Einmaligkeit zuzubilligen, stattdessen die Idee für wichtiger zu erklären als das Kunstobjekt und darüber hinaus Leben und Kunst in eins zu setzen.

In der „Werbezentrale für Totalkunst“

Und damit ist auch der Anfang der Ausstellung im Kunstverein und zugleich der abrupte Einstieg von Ulrichs in die Kunst benannt. Bereits 1961 erklärte er seinen Wohn- und Arbeitsraum in Hannover zu einer „Werbezentrale für Totalkunst“ inklusive „Zimmer-Galerie und Zimmer-Theater“, und er stellte sich selbst als erstes lebendes Kunstwerk aus. Ein Großfoto von dieser Aktion läutet das ausgreifende Thema der Selbstinszenierung ein, bei welcher Ulrichs mit naturwissenschaftlichen, statistischen, messtechnischen und sprachphilosophischen Mitteln sich selbst analysiert, exemplarisch für den Menschen überhaupt.

Wenn er eine langgehegte Idee, nämlich die Ähnlichkeit der abstraktesten Zeichen Null und Unendlich zu veranschaulichen, für die Schau überzeugend als Skulptur realisiert, führt er diese mathematisch-philosophische Überlegung letztlich bis hin zur Todesthematik. Hiermit ist verbunden, dass sich Ulrichs selbst oftmals an Grenzen und in Gefahr begibt, etwa wenn er sich stundenlang in einen ausgehöhlten Findling einschließen lässt (1981).

Die deutsche Sprache und das Ende der Welt

Doch dicht neben dem Todernst lauern nicht selten Witz und geistreiche Ironie. Beides betreibt er auf dem Felde der Sprache auf unnachahmliche Weise. Wie Joseph Kosuth dekliniert auch Ulrichs die semiotische Differenzierung eines Objektes in das reale Ding, seinen Begriff und sein Zeichen haargenau durch. Tautologien und Kontradiktionen zeigen ein geistreiches Spiel mit Logik und den Grenzen des Sagbaren, welches Ulrichs im Sinne Wittgensteins mit dem Ende der Welt gleichsetzt. Hinderlich für seine internationale Karriere, die Ulrichs wahrhaftig zusteht, war und ist die deutsche Sprache, die eben nicht wie das Englische eines Robert Barry weltweit verstanden wird.

Der Weg zwischen Kunstverein und Sprengel-Museum ist markiert durch emaillierte Schilder mit Aufschriften wie „Lesen Sie diesen Satz nicht zu Ende!“. Folgt man diesen Hinweisen bis zum Ziel Museum, dann eröffnen sich dort ganz andere Seiten des „Ideenproduzenten“ und „Totalkünstlers“. Hier heißt eine amüsante Version der Installation von geräuschvoll quietschenden Türen willkommen. Weniger erquicklich, weil etwas überzählig und monoton präsentiert sind Ulrichs originelle Modelle von und für Arbeiten im öffentlichen Raum. Es bewahrheitet sich, dass ein Kunstwerk nur dann überzeugt und auf Dauer besteht, wenn ein Rest unenträtselbar bleibt. Die raffinierten Stuhl- und Tischskulpturen werden hoffentlich einmal in eine Ausstellung über das Verhältnis von Kunst und Möbel eingehen.

Fotografie und Video

Umwerfend und von einer noch nie gesehenen formalen und inhaltlichen Vielfalt sind Ulrichs fotografische Serien. Ganz abgesehen von brisanten Themen geht Ulrichs dem Medium selbst mit seinen Möglichkeiten und Grenzen auf den Grund. Seine Videos sind nicht weniger aufschlussreich. Gerade hier eröffnet sich ein Blick in das Zentrum seines Lebens und Kunstverständnisses: Ulrichs erobert sich die Welt beim sehen, lesen, flanieren, sammeln und denken. Geist und Sinne sind simultan im Einsatz und das Leben selbst liefert genügend Stoff für ein Kunstwerk; es bedarf nicht, zu Farbe oder Ton zu greifen.

Andererseits genügt ihm auch nicht eine blasse Formulierung: sie muss leibhaftige Gestalt annehmen. Dieser Konzeptkünstler der ersten Stunde rührt – im Unterschied zu den kopflastigen Arbeiten mancher Zeitgenossen – schon von Anfang an mit anschaulichen Bildern an unerhörte Verhältnisse und bringt wesentliche Dinge auf den Punkt.

Gewissenhafter Pedant und liebenswerter Chaot in einem

Es ist Ulrichs Arbeiten anzumerken, dass er über außergewöhnliche pädagogische Fähigkeiten verfügen muss. Diese hat er tatsächlich jahrzehntelang an der Kunsthochschule Düsseldorf Abteilung Münster eingebracht; hier hat er seine Studenten nachweislich gewissenhaft und inspirierend betreut; überraschenderweise ist er sogar noch nach seiner Pensionierung dem Standort Münster treu geblieben und zeichnet heute als Wohnsitze: Münster – Hannover – Berlin.

Wer Timm Ulrichs erlebt, dem stellt er sich gleichzeitig als gewissenhafter Pedant und ungemein liebenswerter, unkonventioneller Chaot dar. Wen wundert es, wenn in der Presse-Information zu lesen ist: „Unverwechselbare Kennzeichen der Arbeiten Timm Ulrichs’ sind die außerordentliche Verbindung von Leichtigkeit und intellektuellem Witz mit Genauigkeit und analytischem Hintersinn sowie die geistreiche Analyse von Sprache, ihren Grenzen und ihren logischen Missverständnissen.“

Katalog: Hrsg. Kunstverein Hannover und Sprengel Museum Hannover: Betreten der Ausstellung verboten! Timm Ulrichs. Werke von 1960 bis 2010, 160 Seiten, Verlag Hatje Cantz, ISBN 978-3-7757-2794-5
Renate Puvogel
ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

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