Gedichte nach Kultur

Wir stehen zusammen auf hohem Gipfel, Sonett Sechzehn

我们站立在高高的山巅
十四行之十六

作者:冯至

我们站立在高高的山巅
化身为一望无边的远景,
化成面前的广漠的平原,
化成平原上交错的蹊径。

哪条路,哪道水,没有关连,
哪阵风,哪片云,没有呼应;
我们走过的城市、山川,
都化成了我们的生命。

我们的生长,我们的忧愁
是某某山坡的一棵松树,
是某某城上的一片浓雾;

我们随着风吹,随着水流,
化成平原上交错的蹊径,
化成蹊径上行人的生命。


We Stand On a Lofty Peak, Sonnet Sixteen

by Feng Zhi

Side by side on a lofty peak
We stand, becoming
The vast plain before us
With its criss-crossing paths.

Is any road or river unconnected?
Does any wind or cloud not call to others?
The cities, mountains, rivers we have passed
Become our lives.

Our growth, our grief,
Are like a lone pine on some distant slope,
Or thick mist over a city.

We follow the blast of the wind, the flow of water,
Become the paths criss-crossing on the plain,
Become the lives of travelers on these paths.
-Translated by Dominic Cheung, University of Southern California


Wir stehen zusammen auf hohem Gipfel, Sonett Sechzehn 
von Feng Zhi

Wir stehen zusammen auf hohem Gipfel
Und werden zur Ferne, die wir nicht schauen können,
Zur weiten Ebene vor uns,
Zu Pfaden, die sich kreuzen

Alle Wege und Wasser gehören einander,
Jeder Wind, jede Wolke ist Ruf und Antwort:
Die Städte, und Landschaften, einmal durchquert,
Werden all zu unserem Leben

Unser sein, unser Schmerz
Ist wie eine Kiefer auf ungenannten Hängen,
Wie dichter Nebel über einer Stadt;

Mit dem Wehen des Windes und dem Fliessen des Wassers gehen wir hin,
Werden zu Pfaden in den Ebenen,
Werden zum Leben unterwegs
-Übersetzt von Wolfgang Kubin, Universität Bonn


Über den Dichter: Feng Zhi (1905-1993)
Bereits als Student veröffentlichte Feng in Literaturzeitschriften. Zwischen 1930 und 1935 studierte er Literatur und Philosophie in Deutschland. Schon früh in seiner Karriere favorisierte er die Sonett-Form und verstand sich selbst als Geschichten-Dichter. 1964 wurde er an der renommierten Pekinger Akademie der Sozialwissenschaften zum Dekan der Fakultät für westliche Sprachen und Literatur ernannt.

Über das Gedicht: Wir stehen zusammen auf hohem Gipfel, Sonett Sechzehn
In einfachen, doch eindringlichen Worten zeigt dieses Gedicht Gemeinsamkeiten, die Menschen überall verbinden. Fremde in einer Stadt - wie Pfade, die sich kreuzen oder Bäche, die zu Flüssen werden - leben nie in Isolation. Als Individuen mögen wir uns manchmal einsam wie eine Pinie an einem steilen Abhang fühlen, aber unsere Einsamkeit ist nur eine Illusion. Unsere verschiedenen Identitäten erschaffen etwas Großes und Greifbares, obwohl dies schwer verständlich ist – ähnlich den Tröpfchen im Nebel, die Boden und Gebäude, an denen sie haften bleiben, zu etwas Ganzem verbinden. Wie Reisende zu den Wegen werden, die sie betreten; so leben Menschen nicht einfach in einer Stadt: sie sind die Stadt.