Stromausfall
Stromausfall
von Vanja Simeonova
Die Stadt hat einen Herzinfarkt.
Der Strom ist ausgefallen.
Der Puls, der niemals stehen bleibt
sackt ein, versagt, und pocht verzweifelt.
Ein grenzenloses Loch gähnt schwarz, wie ausgebrannt,
als wäre hier nie etwas gewesen,
und weckt verängstigte Erinnerungen wach
an Urknall, Eiszeit, Endzeit,
und an Ewigkeit…
Verwirrt, verworren drängt sich der Verkehr,
in einem fürchterlichen Durcheinander eng
gefangen in dem dicht gestrickten Netz
von Straßen, Gassen, Kreuzungen und Eisen-Bahnen.
Verängstigt flüchtet sich der Mensch in eine ferne Ecke,
sperrt alle Türen ab
und drückt sich an die kahle Wand.
Die Leuchten, die seit unbekannten Zeiten
zu scheinen glaubten, und versprachen trügerisch
die Helligkeit zu wahren, Tag und Nacht, in weiß,
in rot, in gelb und blau, in allen Regenbogenfarben,
sind ausgelöscht, entwischt.
Es gibt sie nicht.
Als hätte’s nie das Wort gegeben: „Es werde Licht!“
Der nackte Straßenkörper zuckt zusammen in der kalten Nacht,
vibriert, erfriert, erstarrt, verliert an Kraft;
der Kreislauf flattert, flackert zaghaft schwach…die Blutbahn stockt.
Zerrissen wird die Dunkelheit von den hysterischen Sirenen
verirrter Krankenwagen, die,
weil sie den Weg verloren,
bis zum Entsagen auf die Hupe drücken.
Die schrillen Schreie tausender Verzweifelter, Erschrockener, Betroffener,
Entsetzter, Atemloser, Schwacher
entsteigen dieser schauderhaften Finsternis
und bleiben schattenlos an ihrem Rande hängen, ohne zu verhallen…
Es sind die ohrenbetäubenden
gnadenlos läutenden Glocken
einer verschwundenen Kathedrale im Nichts.
Ein, auf der mit der gestrigen Zeitung bedeckten Parkbank,
unter dem freien Himmel schlafender Mann
wird von dem schwarzen Kurzschluss der Stadt,
warum auch immer, nicht wach.
Blackout
by Vanja Simeonova
The city is having a heart attack
The current has been interrupted.
The pulse that never slackens
Seizes up, fails, throbs despairingly
A gulf that knows no bounds gapes blackly
burnt away
As if nothing had ever been here.
Uneasy echoes wake to mind
Of Big Bang, Ice Age, Doomsday, and
Eternity…
Snarled, confused, the traffic
presses on in frightful chaos, jammed
tight within the closely woven net
of streets, alleys, intersections, railroad crossings.
Terrified, the public flees into far corners
bolts every door
presses tight to the bare wall.
The lights, that from time immemorial
expected to shine, and treacherously pledged
to keep the brightness safe, day and night,
in white, in red, in blue and yellow—all
the colors of the rainbow—are extinguished,
vanished, don’t exist. As if the command
“Let there be light” had never been spoken.
The bare physicality of streets twitch in the cold night
vibrating, freezing, growing stiff, losing power;
the circulation wavers, flickers, timid, weak…the bloodflow stalls.
Tearing the darkness, come the hysterical sirens
of ambulances gone astray, whose drivers,
having lost their way,
pound their horns till they are utterly exhausted.
The wailing cries of thousands bewildered, shocked, dismayed,
appalled, breathless, weak
rise up from this hideous dark
only to catch, shadowless, on the brink,
but raise no echo…
the ear-numbing, mercilessly tolling bells
of a vanished cathedral in nothingness.
One man, asleep on a park bench, under the free sky,
covered with yesterday’s newspaper,
remains, for whatever reason, unaware
of the black short circuit of the town.
-Translated by Lane Jennings
断电
作者:宛佳 西蒙诺娃
城市心肌
梗塞,断电。
从未停息的脉动
陡然封闭,在绝望中挣扎。
黑暗张开巨口,像无边的灰烬
似乎此处从未存在过什么,
唤醒了,关于
开天辟地的元初爆炸,冰川期,
末世,以及亘古的恐怖记忆
惊慌失措的车流
拥挤成堆
陷入街衢,路口,铁道
编织而成的细密之网
每一个人都锁上门栓
向远处的角落逃逸
紧靠着赤裸的墙壁
源自远古的灯火
许下了虚假的承诺:
无论白天黑夜,都会用赤黄蓝白
照耀人间---可是所有彩虹的光色
今夜一并消失,逃遁
无处寻觅
好像上帝不曾说过“要有光”
街道裸露的身躯在寒夜中瑟缩
振颤、僵冷、麻木,渐趋无力
循环渐弱,气如游丝,
终于血脉滞塞
救护车疯狂的尖叫撕裂黑暗
迷路的司机在绝望中
揿坏了喇叭
在令人秫栗的黑暗之上,升腾起
绝望、惊恐、畏惧、胆怯,窒息、懦弱
千万个凄厉的嚎叫
没有形影相吊,也没有回声
只有震耳欲聋
冷酷的教堂钟声
消失于虚无之中
这时,在自由的天幕下
在铺着旧报纸的公园长凳上
酣睡着一个人,不知为何
他对城市的断电,浑然不晓
-Translated by Wenke Wei, Gonzaga College High School
Über die Dichterin: Vanja Simeonova
Geboren in Bulgarien, studierte Vanja Simeonova Englische Philologie and der Universität von Sofia und arbeitete mehrere Jahre in der englisch-sprachigen Abteilung der Redaktion des bulgarischen nationalen Radios. Sie emigrierte 1990 nach Deutschland und ist heute am Bonner Theater beschäftigt. Sie schreibt Theaterstücke, Kurzgeschichten und Gedichte.
Über das Gedicht: Stromausfall
Es mag nicht das Ende der Welt sein, aber ein großflächiger Stromausfall ist ein erinnerungswürdiges Erlebnis in jeder Großstadt. Die hier verwandte dramatische Beschreibung unterstreicht kraftvoll, wie fragil die Energie- und Transportsysteme sind, auf die sich jeder Stadtbewohner blind verlässt und für gegeben hält. Wie es scheint, wird jede Generation zunehmend unselbständiger, weniger fähig, Unterbrechungen in ihrer Routine zu meistern. Wie Edward Morgan Forster bereits vor genau 100 Jahren in seiner visionären Kurzgeschichte Die Maschine versagt (1909, dt. 1947) gewarnt hat: Ein System, das für zu lange Zeit zu gut operierte, wird seine Nutzer hilflos zurück lassen, sollte es letztendlich versagen.








