Musik

„Lisztomania“ – der Pianist, Dirigent und Komponist Franz Liszt

Am Klavier „ein Göttlicher“, als Hofkapellmeister in Weimar in aller Munde. 2011 wäre Franz Liszt 200 Jahre alt geworden.

„Saus und Braus“, überschrieb Franz Liszt die hohe Zeit seines Lebens, die Jahre zwischen 1838 und 1848, in denen er auf „Concert Reisen“ in ganz Europa unglaubliche Erfolge als Pianist feierte. Geboren wurde Liszt 1811 im deutschsprachigen Raiding, das damals Ungarn zugehörte. Der Vater unterrichtete das Kind zunächst selbst, brachte den Zehnjährigen aber für die weitere Ausbildung nach Wien zu dem Beethoven-Schüler Carl Czerny. Den Jahren als Wunderkind folgte nach 1830 eine Zeit des „herum tastenden Studierens und Produzierens in Paris“, wo Liszt rasch Zugang zu den Salons fand, die für Künstler ein unersetzliches Podium boten. Hier lernte Liszt Ende 1832 die verheiratete Marie d’Agoult kennen, mit der er drei Kinder bekommen sollte, Blandine-Rachel (1835), Cosima (1837) und Daniel (1839).

Jahrzehnt der Konzertreisen

1838 begann jenes Jahrzehnt der Konzertreisen nach Paris, London, Berlin oder Petersburg, doch auch in die Provinznester, das für unser heutiges Bild von Franz Liszt prägend geworden ist. Liszt führte das Genre des reinen Klavierabends ein. Zu seinem Repertoire, das er stets auswendig wiedergab, gehörten neben Kompositionen von Bach über Beethoven bis Chopin eigene Werke wie der beim Publikum äußerst beliebte Grand Galop chromatique, virtuose Arrangements von Volksliedern oder Klavierliedern (zum Beispiel Schuberts Erlkönig), zudem Opernparaphrasen als tönende Schnelldurchläufe durch populäre Opern (etwa die Réminiscences de Don Juan). Gerade in den wenigen Monaten des Berliner Aufenthalts im Frühjahr 1842 entwickelte sich eine regelrechte „Lisztomania“ (Heinrich Heine) – man genoss Liszts Brillanz am Klavier, riss sich um Gebrauchsgegenstände aus seinem Besitz und war tief beeindruckt, wenn es unter seinem Spiel zu zertrümmerten Flügeln und gerissenen Saiten kam. „Ein Göttlicher, und wir lauschen auf den Knien“, notierte Robert Schumann.

Hofkapellmeisterjahre in Weimar

1841 ernannte man Liszt nach einem Konzert in Weimar zum dortigen Hofkapellmeister. Das Amt selbst trat er erst im Januar 1844 an, im selben Jahr kam es zum endgültigen Bruch mit Marie d’Agoult. 1847 lernte Liszt Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein kennen. Sie zog ihm nach Weimar nach, wo die beiden in der Altenburg residierten und jahrelang – am Ende vergeblich – darauf warteten, dass der Vatikan Carolynes noch bestehende Ehe annullieren würde und sie heiraten könnten. Die Zeitgenossen mögen gestaunt haben, dass es Liszt nach den großen Erfolgen in den europäischen Metropolen in eine so kleine Stadt zog. Für ihn jedoch waren die Möglichkeiten immens. „Sammlung und Arbeit in Weimar“, urteilte Liszt selbst über die Jahre zwischen 1848 und 1861.

In Weimar kam Liszt zur Ruhe. Hier entwickelte er seine Fertigkeiten als Dirigent, hier konnte er als Komponist mit neuen Formaten experimentieren, vor allem mit der Symphonischen Dichtung als Verquickung des symphonischen Gedankens mit poetischen Inhalten (Tasso, Orpheus, Bergsinfonie (Ce qu’on entend sur la montagne, nach Victor Hugo)), einer Hinwendung zur Programm-Musik also, die ab der Jahrhundertmitte zu heftigen Diskussionen führte, dem Streit um die sogenannte Neudeutsche Schule.

Unter Liszts Leitung gelangte das Weimarer Hoftheater ebenso wie die Hofkapelle zu internationalem Ruhm. Ein bedeutender Kreis von Schülern und Adepten versammelte sich um ihn. Die Uraufführung von Richard Wagners Lohengrin 1850 wurde in ganz Europa wahrgenommen. Freilich ließ das lokale Publikum es an Anerkennung und Loyalität für Liszt immer wieder fehlen. Zu dieser Enttäuschung trat die Trauer über den Tod des erst zwanzigjährigen Sohnes Daniel im Jahre 1859. Liszt gab sein Kapellmeisteramt Ende 1861 auf und wandte sich vermehrt dem Komponieren zu.

Im Kloster Monte Mario in Rom

Seit seiner Jugend überaus interessiert an religiösen Themen, entwickelte er nun Ideen zu einer Reform der Kirchenmusik. 1863 zog er nach einem längeren Aufenthalt in Rom in ein Kloster auf dem Monte Mario, trat am 25. April 1865 in den geistlichen Stand ein und wurde wenig später zum katholischen Weltgeistlichen, zum Abbé, geweiht. Von nun an war Franz Liszt wenn nicht Priester, so doch Kleriker; die Soutane begleitete ihn selbst dort, wo er im Alter noch einmal Konzerte gab. Neben Weimar und Budapest, wo Liszt Präsident der neugegründeten Ungarischen Musikakademie wurde, blieb Rom einer der Wohnsitze des alten Franz Liszt.

Liszt und Wagner

Wer von Liszt berichtet, muss auch von Richard Wagner sprechen. Vor allem die gemeinsame Sicht auf die Zukunft des Komponierens in Deutschland stiftete starken Zusammenhalt zwischen den Komponisten. Für die Nähe zu Wagner war aber auch dessen von Liszt zunächst kritisch gesehene Verbindung zu Cosima von Bülow, der zweiten Liszt-Tochter, von Bedeutung. Cosima war es, die nach dem Tode Wagners die Leitung der Bayreuther Festspiele übernahm, und hier, bei seiner Tochter in Bayreuth, starb Liszt am 31. Juli 1886.

200 Jahre Liszt

Den 200. Geburtstag des Komponisten, Pianisten, Dirigenten und Musikschriftstellers Franz Liszt begehen viele deutsche Städte. Vor allem in Weimar findet eine Vielzahl von Veranstaltungen statt. Die Altenburg, in der heute die Hochschule für Musik und das Franz-Liszt-Zentrum sowie die Franz-Liszt-Gesellschaft Weimar residieren, kann ebenso besichtigt werden wie das Domizil der Jahre 1869–1886. Bis zum 31. Oktober ist die Landesausstellung Franz Liszt. Ein Europäer in Weimar zu sehen, zum einen im Schiller-Museum, zum anderen im Schlossmuseum, wo unter dem Motto Kosmos Klavier die technische Entwicklung des Instrumentes und sein kulturgeschichtlicher Kontext in der Ära Liszt gezeigt wird.

Neben das seit 2004 stattfindende Kunstfest Weimar Pèlerinage (nach einem Klavierzyklus von Franz Liszt), das die Liszt-Ururenkelin Nike Wagner künstlerisch betreut (19. August bis 11. September 2011), tritt im Rahmen des Liszt-Festes Lisztomania ’11 vom 17. bis 23. Oktober 2011 etwa eine Konferenz Liszt-Interpretationen, weiters eine Wiederholung des historischen Konzerts zur Einweihung des Goethe-Schiller-Denkmals von 1857 mit authentischem Programm, ein Liszt-Beethoven-Konzert auf historischen Flügeln, ein Festkonzert unter der Leitung von Christian Thielemann und das Finalkonzert des gemeinsam mit der Stadt Bayreuth ausgetragenen Klavierwettbewerbs FinaLISZT mit der Staatskapelle Weimar.
Dr. Christiane Tewinkel
hat in Freiburg Schulmusik, Germanistik und Anglistik und an der Harvard University Musikwissenschaft und Musiktheorie studiert und ist in Würzburg promoviert worden. Sie lebt als Musikwissenschaftlerin und freie Autorin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2011

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