Theater

„Augenblick mal“ und der „KinderStückePreis“ – Kinder- und Jugendtheater 2011

„Nach Schwaben, Kinder!“, Junges Ensemble Stuttgart; Foto: Tom PingelIm Mai 2011 fanden das elfte deutsche Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick mal“ in Berlin und zum zweiten Mal der „KinderStückePreis“ in Mülheim/Ruhr statt.

Alle zwei Jahre trifft sich in Berlin bei dem vom „Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland“ organisierten Festival Augenblick mal die deutsche Kinder- und Jugendtheaterszene. Zehn Kuratoren wählen jeweils fünf Kinder- und fünf Jugendtheaterinszenierungen aus, die zu den herausragendsten der letzten beiden Spielzeiten zählen.

„Augenblick mal“ – das Festival der Ensembleprojekte und Adaptionen

„Nach Schwaben, Kinder!“, Junges Ensemble Stuttgart; Foto: Tom PingelSo war im Mai 2011 in Berlin eine kunterbunte Vielfalt von Formen und Stoffen zu besichtigen, vom Schauspiel über Figuren- bis hin zum Tanztheater, sowie Cross-over-Produktionen. Zu letzteren etwa zählte die Inszenierung A Clockwork Orange des Regisseurs und Puppenspielers Hans-Jochen Menzel, die im Zusammenspiel von Schauspiel und Puppentheater eine ganz eigene Wirkung erzielt. Diese Produktion am Jungen Theater Konstanz trotzt der sperrigen Geschichte von Gewalt ganz neue Einsichten ab. Gezielte Schwerpunkte ließen sich bei dem Treffen, das zum elften Mal stattfand, nicht festmachen. Auffallend war bei dieser kuratierten Auswahl allerdings das konstant hohe spielerische Niveau der Aufführungen.

Alle neun Inszenierungen von den zehn ausgewählten (ein Novum: eine Bühne nahm die Einladung nicht an) sind selbst entwickelte Stücke oder Adaptionen wie Live fast – Die young von Nuran Davis Calis nach Frühlings Erwachen von Frank Wedekind in einer Aufführung des Zwinger 3 aus Heidelberg: Fast will es scheinen, als ob literarische Texte verpönt sind. Selbst entwickelte Ensembleprojekte erreichen durchaus literarische Qualität, wie das Beispiel Nach Schwaben, Kinder! vom Jungen Ensemble Stuttgart zeigt. An einem historischen Stoff aus dem 19. Jahrhundert – der Zug der armen Kinder von Südtirol zu den reichen Bauern in Oberschwaben, um sich dort für einen Hungerlohn sommers zu verdingen – zeigt sich zugleich eine aktuelle Parabel über Ausgrenzung.

Internationale Koproduktionen

„Waldlinge“ (Regie: Randi De Vlieghe), eine Koproduktion des Staatstheater Oldenburg und des Kopergietery Gent (Belgien); © Phile DeprezIm Beiprogramm zeigte Augenblick mal drei verschiedene Möglichkeiten einer Koproduktion, die durch den Fonds Wanderlust der Kulturstiftung des Bundes finanziell gefördert werden. Das gastgebende Theater in der Parkaue und die Cyprus Theatre Organisation aus Nikosia beauftragten gemeinsam die Autorin Katja Hensel, sowohl auf Zypern als auch in Berlin unter Jugendlichen zu recherchieren und aus diesen Recherchen ein Stück zu entwickeln, das dann in Berlin beziehungsweise Nikosia in eigenen muttersprachlichen Inszenierungen herauskam. Sicherlich die einfachste Lösung stellte die Zusammenarbeit des Staatstheater Oldenburg und des Kopergietery Gent (Belgien) mit der nonverbalen Form des Tanztheaters in Waldlinge vor. Das schwierigste Wagnis hingegen ging das Freiburger Theater im Marienbad in der Koproduktion mit dem Dramatic Arts Center Teheran (Iran) ein: Hier stehen Schauspieler aus Freiburg und Teheran gemeinsam auf der Bühne, sprechen jeweils in ihren Landessprachen. Während ein Darsteller Persisch spricht, wird auf eine Leinwand zugleich die deutsche Übersetzung projiziert und umgekehrt. Mit Simurghs letzte Feder kommt das berühmte Buch der Könige zur Darstellung, das im Iran jedermann kennt und in der Bundesrepublik nur wenige. Obwohl die unterschiedlichen Spielstile nicht immer harmonierten, entstand dennoch eine intensive, starke Aufführung, die verdeutlichte, wie eine gelungene internationale Kooperation aussehen könnte.

Der Autor im Zentrum: Mülheim

„Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ von Michael Müller; Uraufführung am 14. Januar 2011 im Utopia-Mobil-Bus, Regie: Johan Heß; © Oliver FantitschFür Autoren für Kinder- und Jugendtheaterstücke gibt es seit 2007 das Festival KinderStücke als Teil der renommierten Mülheimer Theatertage Stücke, das seit 2010 den Mülheimer KinderStückePreis vergibt. Während in Berlin die Einladung zu Augenblick mal selbst der Preis ist, wählt in Mülheim eine dreiköpfige Jury aus sechs eingeladenen Inszenierungen einen Preisträger. „Alle Stücke, die wir als gelungen empfunden und eingeladen haben, werden auch von ihrer Inszenierung getragen“, betont der Sprecher des Auswahlgremiums Thomas Irmer Preisträger wurde 2011 Michael Müller, der am Jungen Schauspielhaus Hamburg als Dramaturg, Autor und Koordinator theaterpädagogischer Projekte arbeitet. In seinem ausgezeichneten Stück Über die Grenze ist es nur ein Schritt verhandelt er auf eindringliche Weise die Geschichte von Dede, der nach einer langen Flucht aus Ghana in Hamburg in der Illegalität lebt.

Ein würdiger Preisträger ist das Stück auch deshalb, weil Müller die Flüchtlingsproblematik sehr direkt anhand eines Einzelschicksals auf die Bühne bringt und zeigt, dass auch ein so schwieriges Thema Gegenstand von Erzähltheater sein kann.

Manfred Jahnke
ist freier Theaterkritiker für „Die Deutsche Bühne“ und hat Lehraufträge an der Universität München, der Theaterakademie der darstellenden Kunst Ulm und der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

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Juli 2011

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