Dossier

Die angemessene Sprachwahl bei internationalen Kontakten

Im Umgang mit Personen, die eine Fremdsprache gelernt haben, ist es höflich, wenn man sie die erworbenen Kenntnisse praktizieren lässt. Copyright: Colourbox

Franzosen sprechen meist selbstbewusst und ganz selbstverständlich in aller Welt Französisch. Damit stoßen sie möglicherweise manchen Gesprächspartner vor den Kopf. Die Deutschen dagegen verzichten bei internationalen Kontakten gern auf den Gebrauch ihrer Muttersprache. Sie glauben, das sei höflich und zurückhaltend. Der Sprachwissenschaftler Ulrich Ammon ist anderer Meinung: Für Lernende ist das Insistieren auf einer anderen Sprache unter Umständen ein Schlag ins Gesicht. Außerdem verlieren Sprachen ihre Attraktivität als Fremdsprachen, wenn Muttersprachler freiwillig auf ihren Gebrauch verzichten.

Zum Auftakt eine kleine Blütenlese aus Beispielen fragwürdiger Sprachwahl bei internationalen Kontakten:
  1. Beim Welt-Soziologenkongress in Neu Delhi 1986 überraschte der deutsche Botschafter die rund hundert Soziologieprofessorinnen und -professoren seines Landes, die er zum Abendessen in seine Residenz geladen hatte, mit einer Ansprache ganz in Englisch. Später wurde als Begründung für diese Sprachwahl getuschelt, dass auch ein britischer Gast erwartet wurde – der aber nicht gekommen sei.
  2. Bei einer Konferenz am Goethe-Institut Paris 2004, die dieses mit einem französischen Partner veranstaltete, begrüßte die Institutsleiterin die Gäste ganz auf Französisch; der französische Partner ebenfalls. Meine anschließende Frage unter vier Augen, ob nicht eine halb deutsche und halb französische Ansprache angemessener gewesen wäre, bejahte die Institutsleiterin, mit dem Zusatz, dass die Sprachwahl oft schwierig sei.
  3. Ein Gymnasium in Rheinhausen, so berichtete die Rheinische Post, hatte endlich wieder Besuch von britischen Schülern, die Deutsch lernten. Auf deutscher Seite sah man den Vorteil aber hauptsächlich darin, dass die deutschen Schüler ihr Englisch üben konnten. Die Briten hatten kaum Gelegenheit, Deutsch zu sprechen.
  4. Der koreanische Mit-Herausgeber meines Buches Die deutsche Sprache in Korea (2003), Chong Si-Ho, berichtete mir, ein Siemens-Manager habe im koreanischen Fernsehen zum Entsetzen aller Deutschlerner zur besten Sendezeit geäußert, Englischkenntnisse seien für Koreaner, die bei deutschen Firmen arbeiten wollten, viel wichtiger als Deutschkenntnisse, was auf die vorherrschende Sprachwahl im Konzern schließen ließe.
Bei aufmerksamer Beobachtung entdeckt man viele ähnliche Beispiele. Eine ganze Sammlung hat Harald Weydt vorgelegt und die häufige Verweigerung des Deutschsprechens beklagt.

Motive verfehlter Sprachwahl

Bei Konferenzen mit internationalem Publikum ist die Sprachwahl oft schwierig. Copyright: Uwe Steinbrich/www.pixelio.deEs geht hier wohlgemerkt nur um die Sprachwahl bei internationalen Kontakten, also gegenüber Personen anderer Muttersprache und Nationalität. Unter sich sprechen Deutsche natürlich Deutsch, weshalb man nicht fürchten muss, dass die Sprache bald ausstirbt. Vorherrschende Motive für den Verzicht auf Deutsch bei internationalen Kontakten, für die Jim O’Driscoll eine umfassendere theoretische Begründung bietet, sind: Bemühen um bessere Verständlichkeit, sprachliche Höflichkeitsvorstellungen (und Zurückhaltung wegen der deutschen Vergangenheit), Bekundung von Weltläufigkeit sowie Vorweisen von Fremdsprachenkenntnissen. Sie sind ehrenwert, abgesehen vom Angeben mit Fremdsprachenkenntnissen, das in den eingangs genannten Beispielen keine Rolle spielt. Inwieweit ist die Sprachwahl dort aber dennoch verfehlt? Vor allem aus den folgenden beiden Gründen.

Falsche Vorstellungen von sprachlicher Höflichkeit

Was höflich gemeint ist, ist in Wirklichkeit unhöflich. Weydt warnt vor der Fehleinschätzung, „dass es a priori höflich sei, uns jedes Mal, wenn wir mit einem Nicht-Deutschen sprechen, des Englischen zu bedienen. Das kann eine ganz große Kränkung sein.“ Dies lässt sich aus der Höflichkeitstheorie von Penelope Brown und Stephen C. Levinson begründen, die an Erving Goffman anknüpft. Dieser hat seine Terminologie aus der Redensart abgeleitet, dass man „sein Gesicht verlieren“ kann. Die Höflichkeitstheorie geht davon aus, dass jeder Mensch zwei Grundbedürfnisse hat, nämlich die Wahrung seines „positiven“ und seines „negativen Gesichts“. Letzteres ist das Bedürfnis nach persönlicher Freiheit, dem eigenen „Territorium“, und ersteres nach Respekt bei den Mitmenschen. Nur das positive Gesicht ist im vorliegenden Zusammenhang relevant. Im Hinblick darauf ist die Bezeugung von Anerkennung höflich.

Für unser Thema folgt daraus: Im Umgang mit Personen, die eine Fremdsprache gelernt haben, ist es in der Regel höflich, wenn man sie – in Anerkennung ihres Engagements – die erworbenen Kenntnisse praktizieren lässt. Nicht immer also ist Verzicht auf die eigene Muttersprache ein Ausdruck interkultureller Sensibilität. Im Gegenteil: Das Insistieren auf einer anderen Sprache ist unhöflich, unter Umständen ein Schlag ins Gesicht. Selbstverständlich gilt dies nur für Personen, welche die gelernte Fremdsprache gerne hören und sprechen.

Mangelndes Verständnis der Interessen der Beteiligten

Die Verweigerung des Gebrauchs anderer Sprachen als Englisch schadet den Interessen der Beteiligten. Es ist im Interesse aller Sprecher, ob Fremdsprachler oder Muttersprachler, dass ihre Sprache in möglichst vielen Situationen gebraucht wird. Daraus bezieht sie ihren Wert als Kommunikations- und Kognitionsmittel wie auch als berufliches Qualifikationsmerkmal, mithin ihre Attraktivität als Fremdsprache. Wer eine Sprache nicht gebraucht, wo sie aufgrund der Sprachkenntnisse der Beteiligten gebraucht werden könnte, beschädigt den Wert der Sprache, zum Nachteil von Fremdsprachlern und Muttersprachlern.

Hinweise auf eine angemessene Praxis

Prof. Dr. phil. Ulrich Ammon. Copyright: Universität Duisburg-Essen. Das Wissen um die Problematik hilft bei der Vermeidung verfehlter Sprachwahl, zu der – wie die genannten Beispiele zeigen – gerade die Deutschen neigen. Beim persönlichen Kontakt sollten sie erwünschtes Deutsch keinesfalls verweigern. Bei öffentlichen Reden gilt es, die vorhandenen Deutschkenntnisse zu ermitteln, notfalls durch eine Frage ans Publikum. Passend für den Anfang ist ein Gruß in der Landessprache, notfalls in Englisch. Bei mangelnden Deutschkenntnissen im Publikum können symbolisch ein Gruß und ein oder zwei Sätze in Deutsch folgen. Im Falle des ersten Beispiels wäre eine kurze Begrüßung auf Englisch und die Erläuterung, dass man mit Rücksicht auf das Gros der Teilnehmer auf Deutsch fortfährt, angemessen. Auch in den anderen Situationen hätte Deutsch gehöriges Gewicht gebührt. Bei Lernern und Lehrern von Deutsch als Fremdsprache darf auf Deutsch keinesfalls verzichtet werden – auch nicht im schriftlichen Verkehr; der Gebrauch anderer Sprachen richtet sich nach dem Anteil von Personen, die kein Deutsch können.

Literatur

Ammon, Ulrich/ Chong Si-Ho (Hgg.) (2003) Die deutsche Sprache in Korea. München: Iudicium. (Darin auch Beiträge zur Sprachwahl, z. B. von Kim Ok-Seon zur Sprachwahl in deutschen Betrieben in Korea, 119-134).

Ammon, Ulrich (2007) Die Wichtigkeit und Schwierigkeit von Deutsch als Arbeitssprache in den EU-Institutionen. Muttersprache 117: 98-109.

Brown, Penelope/Levinson, Stephen C. (1987) Politeness. Some Universals in Language Use. Cambridge UK usw.: Cambridge University Press.

Goffman, Erving (2003) Wir alle spielen Theater. München: Piper./Goffman, Erving (1957) The presentation of self in everyday life. New York: Anchor Books

O’Driscoll, Jim (2001) A face model of language choice. Multilingua 20: 245-268.

Weydt, Harald (2004) Offener Brief zu Volker Honemann: „Usbekistan – Deutschland. Oder: wollen wir die Zukunft unserer Sprache und unserer Literatur weiterhin gefährden?“ Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 134: 124-128.
Ulrich Ammon
ist Professor für Germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen. Copyright : Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

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Mai 2009
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