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Interview Norbert Lechner

© Rat Pack Filmproduktion© Goethe-Institut Hanoi

„Ente gut! Mädchen allein zu Haus“ ist ein Abenteuerfilm mit viel Witz und Energie. Was war das schönste Erlebnis am Set?

Eine der ergreifendsten Szenen, die wir gedreht haben, war für mich die Szene nach der Begegnung mit Frau Trost vom Jugendamt. Pauline hat der Beamtin vorgelogen, Linh und Tien seien seit Tagen bei ihrem Vater – und die beiden Schwestern wissen nicht mal wer ihr Vater ist. Es ist klar, nun wird alles auffliegen! Linh ist am Ende ihrer Kräfte und beginnt hemmungslos zu weinen. Für Schauspieler ist es ja eine enorme Herausforderung, aus dem Stand heraus so eine Szene zu spielen. Wir drehten die Szene an einem unserer letzten Drehtage. In der Vorbereitung hat sich Lynn Dortschack zusammen mit ihrer Coachin Yvette Dankou überlegt was sie sehr, sehr traurig machen würde. Und ihr fiel der Abschied von ihrer „Filmfamilie“, d.h. dem Filmteam ein, mit dem sie ja nun zwei Monate gedreht hatte. Sie stellte sich beim Drehen dann vor wie dieser Abschied sein würde – und schon flossen die Tränen. Ich war beim Drehen so ergriffen von der Szene, dass mir auch die Tränen gekommen sind.

Wie kam es zu der Entscheidung für die bekannten vietnamesischen Schauspieler Chieu Xuan und Manh Cuong für den Film?

Die Entscheidung, die vietnamesischen Erwachsenenrollen in Vietnam zu casten, habe ich getroffen als ich feststellt hatte dass es nur sehr wenige vietnamesischstämmige Schauspieler in Deutschland gibt und die meisten sehr jung sind, zwischen 20 und 30. Die waren zu jung für unsere Rollen. Mein Regiekollege La Van Phuong, der in Vietnam geboren ist und in München lebt, hat uns bei dem Casting unterstützt. Er ist im Oktober 2014 nach Ho Chi Minh City gereist und hat das Casting vorbereitet. Manh Cuong hatte ich vorher schon in dem wunderbaren Film „Three Seasons“ gesehen, Chieu Xuan wurde wohl über unsere Castingausschreibung auf das Casting aufmerksam. Wie bekannt die beiden in Vietnam sind, war mir ehrlich gesagt da auch noch gar nicht klar. Ich habe das erst bemerkt als sie in Deutschland waren und hier von Vietnamesen auf der Straße immer erkannt wurden!

Was gefällt Ihnen daran, Filme für Kinder und Jugendliche zu drehen?

Ich drehe wahnsinnig gerne mit Kindern, sie sind so offen und unvoreingenommen, auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, weil sie z.B. gerade keine Lust haben. Und mit Kindern zu drehen ist immer ein enormer Stress, da die Drehzeiten mit Kindern beschränkt sind, und in der eingeschränkten Zeit muss alles in den Kasten! Aber die Arbeit mit ihnen ist wunderbar. Und ich erzähle sehr, sehr gerne Geschichten für Kinder!

Was macht einen guten Kinderfilm in Ihren Augen aus?

Abgesehen davon, dass die Geschichte gut und ergreifend sein muss, finde ich extrem wichtig, dass Kinder darin ernst genommen werden. Ich stelle immer wieder fest, dass manche Filmleute glauben, für Kinder müsste man Geschichten „mit dem Holzhammer“ erzählen, weil sie es sonst nicht kapieren würden. Was für ein schrecklicher Unsinn! Mit dem Ergebnis, dass großartige Schauspieler inszeniert werden wie Knallchargen – also völlig plump und überzeichnet.

Ich finde, ein Kinderfilm muss „auf Augenhöhe“ der Kinder erzählt werden. Er soll das erzählen, was Kinder wirklich bewegt.

Was ist Ihr liebster Kinderfilm?

Ich glaube mein liebster Kinderfilm ist „Die Kinder von Bullerbü“ von Lasse Hallström. Ein Film den ich auch sehr mag ist die alte Schwarzweißverfilmung von „Krieg der Knöpfe“. Und es gibt ein paar wunderbare Filme, die aber keine „reinen Kinderfilme“ sind, z. B. „Am großen Weg“ („Le grand chemin“) von Jean-Loup Hubert und „Die Karte meiner Träume“ (“The Young and Prodigious T.S. Spivet”) von Jean-Pierre Jeunet.
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