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Tankred Dorst über den Mythos Parzival – Dramatiker

© Tankred Dorst
© Tankred Dorst
Sie haben sich in vielen Prosawerken und Theaterstücken mit dem Parzival-Stoff beschäftigt: Was ist für Sie das Faszinierende an der Figur des Parzival und seinem Kosmos?

Die Parzivalgeschichte ist ein Komplex in dem Stück „Merlin oder das Land der Wüste". Später habe ich den Stoff noch einmal aufgegriffen, daraus wurden mehrere Theaterprojekte entwickelt. „Der durch das Tal geht“ ist eine neue Variante dieses Stoffes.

Parzival ist mir seit frühester Jugend vertraut, hat mich immer fasziniert. Ich bin als Kind mit einem Holzschwert durch den Wald gerannt und habe auf Büsche und Bäume eingeschlagen und dachte, ich bin ein tapferer Ritter. Parzival, das ist die Geschichte einer Menschwerdung. Der wilde Knabe kennt seinen Vater nur aus den Erzählungen seiner Mutter, die den Sohn von den Menschen fernhalten will, um ihn vor Gefahren zu bewahren. Er aber will mit aller Kraft aus dem Wald heraus, sucht die menschliche Gesellschaft. Er stürmt los, er weiß nichts von der Welt, muss alles erst lernen. Er weiß nicht, was Leben und Tod ist, er kennt die Regeln nicht, nach denen die Menschen miteinander umgehen. Er weiß nicht, was Schuld ist.

In fast allen Parzival-Bearbeitungen, wie zum Beispiel der berühmten Oper von Richard Wagner, ist die Hauptsache das Finden des Grals. Warum wählen Sie dagegen für dieses Theaterstück Parzivals Jugend als Thema?

In der Überlieferung ist der Gral ein christliches Erlösungssymbol. Für mich hatte er immer eine andere Bedeutung. Den Gral suchen, das hieß für mich, die Aufhebung der Gegensätze in der Menschenwelt anzustreben. Dieses Gralthema ist dem Stück immanent. Kann man aber diesen Gral überhaupt finden? Besteht das Leben nicht aus unlösbaren Konflikten, Widersprüchen und Kampf?

Worauf sind Sie am meisten gespannt, wenn Parzival nun nach Vietnam geht?

Ich bin gespannt darauf, wie ein vietnamesisches Publikum mit ganz anderen Traditionen und Mythen diese Geschichte aufnimmt, vielleicht einen Zusammenhang mit der eigenen kulturellen Prägung entdeckt, ob es im Fremden Vertrautes findet. Manchmal entdeckt man ja mit dem Blick auf Fremdes, Ungewohntes das Eigene neu. Und ist es nicht schön, dass in dieser Arbeit vietnamesische Tänzer, Schauspieler und Musiker mit Europäern, einem deutschen Komponisten und einer deutschen Regisseurin zusammen arbeiten? Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis.