Die Geschichte

© Goethe-Institut Vietnam

„Der durch das Tal geht“

Ein Musiktheater für Sänger, Schauspieler, Tänzer und großes Orchester von Pierre Oser nach dem Libretto von Tankred Dorst, Mitarbeit Ursula Ehler

Erzählt wird in „Der durch das Tal geht“ die zeitlose und universal gültige Geschichte von Parzival, der als unwissender junger Mann aus den Armen der Mutter ausbricht, um die Welt zu entdecken. Er tötet und leidet, bis er die Liebe und das Mitgefühl mit anderen Menschen kennenlernt und, dadurch gereift, seinen Platz im Leben findet.

Der Mythos und die Vorlagen

© Goethe-Institut VietnamDer Parzival-Stoff stammt ursprünglich aus der mittelalterlichen europäischen Mythologie. Der historische Parzival – wenn es ihn denn gegeben hat – soll um das Jahr 827 von Herzeloide geboren worden sein, während sich sein Vater Gamuret auf einer Fahrt in den Orient befand, von der er nicht wiederkehrte. Parzival sei Herzeloide im Alter von 14 Jahren davongelaufen, sei an den Hof von König Artus gelangt, von wo er aber vertrieben wurde. Danach habe er viele wilde Abenteuer erlebt und soll (um 848?) an der Artushof zurückgekehrt sein, um Gralskönig zu werden.

Der deutsche Poet Wolfram von Eschenbach (geboren um 1170, gestorben um 1220) hat zwischen den Jahren 1200 und 1210 ein großes Parzival-Versepos mit 25810 Versen geschaffen. Es erzählt die Geschichte von Parzivals Vater Gahmuret, die Geschichte von Parzival selbst, seinen Erlebnissen am Hof von König Artus und seiner Suche nach dem heiligen Gral (nach christlicher Sage ein Gefäß mit dem Blut Christi – bei Wolfram ein Stein, der auf wundersame Weise Speisen und Getränke hervorbringt und der jugenderhaltende und lebensverlängernde Kräfte besitzt) und die Abenteuer des heldischen Ritters Gawain. Die Sage von Parzival und dem Gral ist durch den französischen Dichter Chrétien de Troyes in die europäische Literaturgeschichte eingeführt worden und bildet auch für Wolfram die entscheidende Quelle. Vielfach ist dieser Stoff bis heute in der Literatur, im Schauspiel, in der Oper sowie im Film verarbeitet worden. Das bekannteste Beispiel ist wohl Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel“ „Parsifal“.

„Der durch das Tal geht“

Vorspiel © Goethe-Institut VietnamMerlin, der große Zauberer, gerät in einen Krieg. Der berühmte Krieger Gamureth kämpft tapfer, aber er stirbt in der Schlacht. Voller Schmerz will auch seine Frau Herzeloide sterben.

Aber sie muss für ihren kleinen Sohn Parzival weiter leben. Sie flieht mit ihm in den tiefen Wald. Parzival soll nie erfahren, dass es Waffen und die grausame Welt der Krieger gibt.

1. Szene- Merlins Lied

Viele Jahre sind vergangen. Parzival ist beinahe erwachsen. Merlin, der sich für Parzival interessiert, hat sich in einen Vogel verwandelt und fliegt fröhlich in den Wolken. Da holt ihn ein Stein aus der Luft.

2. Szene – Roter Vogel

Parzival hat den Vogel abgeschossen. Gerade noch rechtzeitig kann Merlin aus dem Vogelkörper schlüpfen. Herzeloide kann Parzival nicht erklären, dass der Vogel tot ist – Parzival versteht noch nichts vom Tod, genauso wie er auch noch nichts von der Welt versteht.

3. Szene – Parzival läuft durch den Wald

Parzival tanzt durch den Wald. Im Wald kann er alles, weiß er alles. Wie die Luft schmeckt, was der Hirsch tut, wo das Wasser in der Quelle sprudelt. Er ist eins mit dem Wald und seinen Bewohnern. Dann entdeckt er zwei glänzende Gestalten: Das müssen mächtige Engel sein!

4. Szene – Herzeloide

Herzeloide will weiterhin alleine mit Parzival im Wald leben. Aber plötzlich wird ihr klar: Ihr Sohn will etwas anderes. So erzählt sie ihm von der feindlichen Welt und dem schrecklichen Tod seines Vaters Gamureth. In einer Traumvision sieht Parzival den Vater Gamureth und seine kriegerischen Vorfahren - sie erscheinen ihm schön und mächtig. Parzival will ein Krieger werden wie sein Vater. Herzeloides Macht ist gebrochen. Parzival hat seinen eigenen Willen entdeckt.

5. Szene – Engel

Parzival sieht wieder die Engelsgestalten. Er merkt nicht, dass es zwei verirrte Krieger sind, die sich im Wald nicht halb so gut auskennen wie er. Die Krieger Bevidere und Pinel de Savage verachten ihn und lachen ihn aus. Sie sehen nur den kleinen Wilden, sie sehen nicht Parzivals Potenzial.

6. Szene – Parzival will in die Welt ziehen

Herzeloide kann Parzival nicht mehr davon abhalten, in die Welt zu ziehen. Sie hat Angst, dass er getötet wird. So schärft sie ihm ein, niemanden zu lieben, niemandem zu helfen, niemandem zu trauen. Dies alles seien tödliche Bedrohungen! Dann steckt sie ihn in lächerliche Kleider, damit man ihn nicht ernst nimmt. Als Parzival aufbricht, zerspringt ihr Herz vor Leid. Parzival versteht den Tod noch immer nicht und schimpft mit der stummen Leiche seiner Mutter. Er bricht auf ins Tal seines Lebens.

7. Szene – Lektion I

Parzival begegnet dem ersten Menschen außerhalb des Waldes, einem kleinen Mädchen. Auch sie lernt, genau wie Parzival, aber aus Büchern. Merlin greift ein, bevor sich Parzival zu sehr für die Bücher und das Mädchen interessiert. Als Adjutant des glorreichen Kriegers Ither lenkt er Parzival ab. Parzival ist hingerissen von Ithers roter Rüstung.

8. Szene – Society

© Goethe-Institut Vietnam Merlin liebt Partys, er spielt und verkleidet sich gerne. Zum Beispiel als Hofdame bei einem königlichen Fest. Hier kann er seinen Spaß haben und gleichzeitig Parzival ärgern. Am Hof feiern die glitzernden Krieger und eleganten Frauen ihre Macht. Der prächtigste von ihnen ist Gawain, der Held der Kämpfe und der Frauen. Dann platzt Parzival in die Party. Man lacht ihn aus, Merlin ärgert und quält ihn. Gawain, der Parzival als falscher König vorgestellt wird, findet den jungen Wilden interessant und sagt ihm, es gäbe noch einen höheren Herrn, nämlich Gott. Und noch eine Person am Hof ist an Parzival interessiert: Blanchefleure. Die Hofgesellschaft sieht nur Parzivals Narrengewand und ahnt nicht, das er schrecklicher und stärker sein kann, als sie alle zusammen. Gawain schickt ihn zu Ither. Er soll sich doch dessen rote Rüstung holen.

9. Szene – Der rote Ritter

Ither will seine Rüstung natürlich nicht freiwillig hergeben. Zum ersten Mal wird Parzival so oft geschlagen, bis er nicht mehr lacht. Er verliert seine Frohnatur, seine wilde Kämpfernatur und der Dämon des Tötens werden geweckt.

10. Szene – Jetzt bin ich ein General

Der Hof ist schockiert über Parzivals grausamen Mord an Ither. Merlin fühlt sich schuldig. Er wollte Parzival doch nur ärgern. Auch Gawain fühlt sich schuldig und bittet Parzival um Verzeihung. Aber Parzival lehnt Gawains Freundschaft „als Bedrohung des Todes“ ab, wie es ihn seine Mutter gelehrt hat. Doch er hat, was er wollte: die rote Rüstung. Jetzt will er das allerhöchste Wesen der Welt finden, den höchsten Gott!

11. Szene - Parzivals Weg

Parzival zieht in die weite Welt auf der Suche nach einem Herrn, der seiner Dienste würdig ist.

12. Szene – Wo ist Gott?

Parzival sucht den größten Gott bei den großen Religionen. Aber die Menschen verstehen ihn nicht. Sie lachen ihn aus, haben Angst vor ihm oder schlagen ihn.

Parzival trifft auf den ekstatischen, verrückten Galahad. Galahad bietet ihm seine Freundschaft an, aber Parzival hat Angst vor dessen mächtigen Gefühlen.

Lektion II

Das kleine Mädchen lernt aus Büchern. Aber auch in den Büchern, in der Wissenschaft kann Parzival Gott nicht finden.

Parzival sucht Gott auf den einsamen Gipfeln der höchsten Berge. Gawain spürt den dumpfen Schmerz, der Parzival treibt, will sich ihm als Freund anschließen und bei seiner Suche helfen. Aber Parzival weiß nicht, wie man ein Freund ist – und muss alleine bleiben.

In der großen Stadt hält Parzival einen Hochseilartisten für Gott – bis dieser abstürzt. Er muss sterben, nur weil er auch nicht Gott ist.

Merlin taucht als Eremit auf. Alles und jedes ist Gott, Gott ist überall. Aber Parzival ist noch nicht bereit für diese Einsicht.

13. Szene – Lektion III

Das kleine Mädchen und Parzival sind unglücklich. Wo ist Gott? Und wo ist das Glück in diesem Leben?

14. Szene - Blanchefleur

Liegt das Glück in der Liebe zwischen Mann und Frau? Ist Gott die Liebe? Die geheimnisvolle Blanchefleur ist die Zauberin des Spiegels. Wie ihr Spiegel ist auch sie selbst gespiegelt. Parzival ist fasziniert. Aber Blanchefleur liebt den Pfauenkrieger.

Parzival ist in der gespiegelten Welt von Blanchefleur gefangen. Aber als es so aussieht, dass die Liebe ihn erlösen könnte, begeht er einen weiteren Mord. Immer wieder schiebt sich der Geist des toten Pfauenkriegers zwischen Parzival und Blanchefleur.

15. Szene – Leiser Schritt

Noch ist Parzival nicht von der Liebe erlöst worden. Traurig zieht er weiter.

16. Szene – Der Stein

Merlin hat sich in einen Stein verwandelt. Er ist schlechter Laune. Parzival lernt einfach nichts dazu. So wird er Gott niemals finden.

17. Szene – Das wüste Land

Parzival ist deprimiert und hat die Suche nach Gott aufgegeben. Auch Gawain kann ihn nicht retten. Gawain sieht die schöne Welt, Parzival nur Wüste. Wer hat recht? Wer ist wahnsinnig?

18. Szene – Die Elenden

Parzival wird vom Elend der Welt überwältigt. Er will kein Mensch mehr sein, denn als Mensch ist man nur unglücklich.

19. Szene – Blutige Menschenhaut

Merlin schlüpft in die Rolle des blutenden und sich geißelnden Trevrizent. Trevrizent glaubt, dass es einen gütigen Gott gibt, der Mitleid haben wird, wenn seine Kreatur Trevrizent sich quält. Parzivals Panzer schmilzt. Er entdeckt das Mitleid mit Trevrizent, mit den Menschen. Parzival wird zum mitfühlenden Menschen. So kann er auch Blanchefleur wieder hören und sehen.

Merlin schimpft, dass die ganze Geschichte mit Parzival sehr anstrengend war.