5 Fragen an Kaspar Wimberley vom Künstlerduo Treacle
Das Künstlerduo Susanne Kudielka und Kaspar Wimberley hat sich in Johannesburg mit dem Thema Sicherheit befasst. Daraus entstanden Interventionen im öffentlichen Raum, unter anderem ein „Spaziergang“ mit einem VW Golf aus Karton.

© Treacle Kaspar Wimberley, das Thema Ihrer Residenz in Johannesburg war “Sicherheit”. War dies Ihr erster Aufenthalt in Johannesburg? Was hatten Sie vor Ihrer Ankunft über die Sicherheit in der Stadt gehört und wie war Ihr Erlebnis im Vergleich mit Ihren Erwartungen?
Die Residenz war unser erster Aufenthalt in Johannesburg. Im Vorfeld unserer Anreise wurde uns Johannesburg als gefährliche Stadt beschrieben. Unsere persönlichen Erwartungen waren beeinflusst von einem Aufenthalt in Kapstadt im Jahr 2009. Dort ist die Besorgnis um die eigene Sicherheit allgegenwärtig, was eine Gesellschaft von Angst und Misstrauen zu erschaffen scheint. Jeder, der denkt, er habe etwas zu verlieren baut höhere Mauern mit Elektrozäunen, kauft Hunde und ein Alarmsystem. Aufgrund dieser Beobachtungen interessierten wir uns für das Thema Sicherheit, was schließlich zu unserer Residenz in Johannesburg führte.
Unser Erlebnis in Johannesburg veränderte sich mit der Zeit. Wir besuchten während unseres Aufenthalts verschiedene Stadtgegenden – die Innenstadt (CBD), Hillbrow und Yeoville, die Wohnviertel im Norden und Osten der Stadt, die Peripherie sowie Soweto. Je mehr man erkundet, desto vertrauter, komplexer und zusammenhängender wird ein Ort. Diese Vertrautheit schafft ein Gefühl relativer Sicherheit, oder zumindest von Behaglichkeit und Vertrauen (außer es geschieht ein unglücklicher Zwischenfall).Es mag offensichtlich erscheinen, doch je mehr wir unsere Schutzschichten und unsere Angst ablegten, desto geselliger und austauschfreudiger wurden die Menschen mit denen wir in Johannesburg in Kontakt kamen.
Die Innenstadt war sehr viel zugänglicher und lebendiger als erwartet. Obwohl wir uns gelegentlich unwohl fühlten und uns bewusst waren, dass etwas geschehen könnte, fühlten wir uns sicher genug um in der Innenstadt herum zu laufen. Als Besucher waren wir wahrscheinlich sowohl besonders vorsichtig als auch besonders naiv.
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Fußgängerzonen verschwinden vielerorts in Johannesburgs Wohngegenden. Viele Hausbesitzer nutzen den Bürgersteig außerhalb ihrer Hausmauern als erweiterten Garten. Wo hört Privatgrund auf und wo beginnt öffentlicher Raum?
Johannesburgs Fußgängerzonen sind besonders interessant, wenn wir die Innenstadt mit den Vororten vergleichen. In beiden Fällen hat sich die Öffentlichkeit die Fußgängerzonen angeeignet – in der Innenstadt sind es die Straßenhändler und in den Vororten die Anwohner. Fußgängerzonen werden dadurch in der Innenstadt zum Ort sozialer Interaktion, während ein solcher menschlicher Austausch in den Vororten nicht stattfindet.
Die sich verändernden Bürgersteige können auch als neue Infrastruktur angesehen werden; eine Einladung, den Raum auf andere Weise zu nutzen. Wir haben beobachtet, wie einige Gärtner den Rasen außerhalb der Mauern als Erholungsort während ihrer Pause nutzen oder am Ende des Arbeitstages dort auf den Bus warten. Nichts außer der eigenen Zurückhaltung hält einen davon ab, Lavendel zu pflücken der von Hausbesitzern in diesen „öffentlichen Gärten“ gepflanzt wurde, oder gar ein Picknick zu halten in diesem eigentlich öffentlichen Raum. In der Praxis sieht es anders aus. Als wir als Teil unserer Interventionen ein Picknick auf einem solchen “öffentlichen Rasen” organisierten, bemerkte einer der Teilnehmer, dass die Reaktionen interessant wären, wenn alle Anwesenden schwarz wären.
Ihre wohl bemerkenswerteste Intervention in Johannesburg war die “Fahrt” von Kensington nach Parkwood in einem Volkswagen aus Karton. Auf dieser „Fahrt“ durch die verschiedenen Quartiere haben sich sowohl das Stadtbild als auch die Atmosphäre verändert. Was fanden Sie am Auffälligsten?
Zu beobachten, wie die Menschen in unterschiedlichen Gegenden auf das Auto aus Karton reagieren, war ein neues Erlebnis. Jeder schien den Anblick zu genießen; wobei die Leute in den Vororten eher distanziert waren – sie machten Fotos und hupten beim Vorbeifahren. In anderen Stadtgegenden hatten wir zwar mit Reaktionen gerechnet, doch nicht mit einer Gruppe von Kindern, die ins Auto „stiegen“ und für mehr als zwei Stunden mitliefen. Die Intervention entwickelte sich anders als wir ursprünglich erwartet hatten. Daraus ist auch ein Austausch mit den Kindern entstanden und wir haben wahrscheinlich mehr über unsere “Mitfahrer” gelernt als über die Stadtgegenden an denen wir vorbeizogen. In Deutschland wäre es unvorstellbar, dass Kinder so weit von zuhause weg laufen ohne ihre Eltern. Einige der Kinder waren noch nie in den schicken nördlichen Wohnorten gewesen und für sie war es eine Art “Stadtbesichtigung”.
Publikumsinteraktion ist ein fester Bestandteil Ihrer Arbeit. Wie zugänglich ist Ihr Werk für Leute außerhalb der Kunst- und Kulturszene?
Ich bin nicht sicher, ob wir diese Frage selbst beantworten können! Wir haben selten eine spezifische Zielgruppe im Sinn und wir unterscheiden nicht zwischen einem kunstinteressierten und einem eher kunstfernen Publikum. Wir wollen Interventionen schaffen, die relevant und zugänglich sind für alle, die wir dabei antreffen. Da der Großteil unseres Schaffens außerhalb von Kunstgalerien stattfindet – oft ohne viel Publizität – treffen wir die Leute an, die sowieso an diesen Orten sind. Je nach Veranstaltungsort interagieren wir mit Menschen, die nicht unbedingt als Mitglieder der Kunst- und Kulturszene gelten. Einige unserer Zuschauer und Teilnehmer nehmen unser Werk nicht als Kunst wahr – was in Ordnung ist. Wir wollen Kunst schaffen, die als Einladung zum Mitmachen funktioniert; die Interaktion soll nicht erzwungen sein.
Was motiviert Sie zu Ihrem Schaffen – nicht nur in Johannesburg sondern generell? Welche Botschaft wollen Sie vermitteln?
Wir sind interessiert an der Untersuchung, Enthüllung und Untergrabung der Hierarchie eines Moments oder einer Situation. Wir haben keine Botschaft, die wir kommunizieren wollen. Wir wollen Werke schaffen, die zum analytischen Erleben ermutigen und dazu anregen, unser unmittelbares Umfeld, unsere kulturellen Praktiken und jeden erlebten Augenblick zu betrachten und darüber zu reflektieren. Unser Schaffen soll als Katalysator wirken für fortgesetzten Dialog und Debatte über zeitgenössische soziopolitische Zustände. Und wir wollen weiter lernen, öffentliche Experimente durchzuführen, in denen die Parameter definiert sind, aber die Ergebnisse oder Auswirkungen zu Beginn nicht bekannt sind, und wir wollen diesen Prozess mit denen teilen, die uns dabei begleiten möchten.
„Cardboard Car Walk“, 29.03.2013, Johannesburg
Susanne Kudielka und Kaspar Wimberley arbeiten international als Interventions- und Performancekünstler. Sie beschäftigen sich mit ortsbezogener Kunst, alternativen Strategien für Publikumsinteraktion und neuen Formen künstlerischer Zusammenarbeit. Ihr Schaffensprozess beginnt üblicherweise mit einem festgelegten Standort, wo sie beobachten, in Dialog treten und analysieren, und daraufhin auf die dortigen architektonischen, soziopolitischen, geografischen und mythologischen Gegebenheiten reagieren. Der Prozess soll zugänglich und relevant sein und bezieht oft die Menschen an diesem Ort mit ein. Das Goethe-Institut hat im März und April 2013 die Künstlerresidenz von Treacle in Johannesburg unterstützt.
Copyright: Goethe-Institut Südafrika, Internet-Redaktion
Mai 2013



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