Gender

Frauenstimmen – im Gespräch mit N’Goné Fall

N’Goné Fall. © Photo courtesy of N’Goné FallN’Goné Fall ist Frau, freie Kuratorin und Afrikanerin. Sie war eine von 24 Teilnehmerinnen am „ArtsWork – Refiguring Women“ Workshop in Johannesburg im November 2012.

N’Goné Fall, wie hat sich die Rolle afrikanischer Frauen seit der 1960er-Jahre verändert (Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten). Inwiefern und seit wann beeinflusst Feminismus Afrika, Ihr Heimatland Senegal, und das westliche Afrika?

Heute gibt es mehr Künstlerinnen die sichtbar und anerkannt sind in ihren jeweiligen Heimatländern und internationl – das hat sich seit den 1960er-Jahren stark verändert. In Westafrika gibt es im Kunstsektor nur sehr wenige feministische Bewegungen. In Senegal gab es in den 60ern und 70ern einige feministische Schriftstellerinnen, und in Ägypten sogar in den 40ern.

Feminismus wie er in Südafrika und im westlichen Kontext verstanden wird hingegen existiert im Rest des Kontinents nicht. Deshalb hatte er auch keine Auswirkungen auf das Kunstschaffen von Frauen. Es ist eher ein Wandel der Zeit und Mentalität als eine Auswirkung der Feminismusbewegung.

Sehen Sie sich vorallem als Frau, oder als Afrikanerin?

Ich sehe mich als senegalesische Frau, dann als Afrikanerin. Als ich als Kunstredakteurin arbeitete war ich während acht Jahren die einzige Frau im Team, und für mich war das nie ein Problem.

Haben Sie (afrikanische) Vorbilder in der Kunst?

Als ich jung war fehlten Vorbilder; Ich hatte keinen Mentor oder Vorbilder. Zu meiner Anfangszeit gab es sehr wenige weibliche Architekten. Als ich jedoch in die Kunstredaktion wechselte, gab es bereits andere Frauen in diesem Gebiet, wie zum Beispiel Sue Williamson und Jane Alexander. Ich hoffe, dass junge Kuratorinnen heutzutage die Gelegenheit haben, die Generation vor ihnen zu treffen, und von ihnen zu lernen.

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen als afrikanische Künstlerin? Wurden diese Herausforderungen an der ArtsWork-Konferenz diskutiert? Was können die Teilnehmerinnen dieser Konferenz voneinander lernen?

Neben Mentoren fehlt es auch an Kunsterziehung. Viele Länder in Afrika haben keine Kunsthochschulen. Kunst wird oft missverstanden als elitär, selbst wenn nicht einmal die Elite Kunst versteht. Sie sehen Kunst als Dekoration für ihre Häuser, anstelle der zugrundeliegenden Probleme, die Künstler durch ihre Arbeit ansprechen. Die Leute verstehen nicht wirklich, was Kunst ist, und was Künstler durch ihr Werk ausdrücken. Die grösste Herausforderung ist, über Kunst zu reden und zu schreiben. Einige Leute versuchen das zu tun, doch es wird ein langer Weg werden, ohne die Unterstützung von Regierungen, die nicht verstehen, was Kunst bewirken kann. Es ist daher eine persönliche Entscheidung, sich dafür einzusetzen.

Weiter fehlt es an Akademikern im Kunstbereich. Im Senegal zum Beispiel wird der Grossteil der Doktorate in Kunstgeschichte abgelegt von entweder Nichtafrikanern, oder von englischsprachigen Afrikanern. Das frankophone Afrika gerät diesbezüglich in Rückstand. Ein Künstler zu sein ist kein Hobby, und es geht nicht einzig um die Produktion schöner Dinge; vielmehr ist es eine langwierige Arbeit, und Künstler befassen sich mit ernsten Themen. Als Kuratoren und Kunstkritiker sind wir Vermittler; und wenn wir uns dieser Rolle nicht annehmen und über Kunst reden, wird sich die Wahrnehmung von Kunstschaffen auf dem Kontinent nicht ändern – lokal wie international.

Diese Problematiken wurden an der ArtsWork-Konferenz angesprochen. Wir sprachen über Kunsterziehung, Mentoring, den Mangel an Sichtbarkeit im Markt und Forschung – diese Themen wurden diskutiert. Ich habe den Eindruck, die Teilnehmerinnen wollen über den Workshop hinaus in Kontakt bleiben. Einige dieser Probleme sind nicht so länderspezifisch, so dass wir voneinander lernen können und wollen.

Was haben Sie an der ArtsWork-Konferenz gelernt, und was nehmen Sie daraus mit für Ihre weitere Karriere?

Was ich von ArtsWork mitnehme ist meine Verantwortung als Autorin, vermehrt über weibliche Künstler zu schreiben. Dies ist der Beitrag den ich leisten kann. Ich will mehr übere frühere Generationen von Künstlerinnen herausfinden, denn diese Frauen waren total unbekannt. Wir sollten ihnen Tribut zollen.

Was glauben Sie, kann Kunst in der Gesellschaft bewirken?

Wenn Kunst nicht als reine Verzierung verstanden wird, sondern als Mittel um sozialen Wandel in unserer Gesellschaft anzuregen – lokal, kontinental, und international – dann kann Kunst eine Menge verändern. Ich denke, die Kraft von Kunst liegt darin, wie sie unseren Blick auf unsere Gesellschaft schärft. Meine Architekturkarriere habe ich ohne Reue hinter mir gelassen, weil ich den Einfluss von Architektur im Senegal nicht sehen konnte, hingegen den von Kunst schon. Und ich wollte Teil einer Gruppe sein, die Einfluss auf die Gesellschaft hat.

Welchen Rat würden Sie einer jungen, aufstrebenden, afrikanischen Künstlerin oder Kuratorin geben?

Ich würde ihr raten, diese Arbeit ernst zu nehmen und keine Vorteile zu erwarten, weil sie eine Frau ist, oder Afrikanerin, oder beides. Ich selbst würde keine Künstlerin oder Kuratorin in ein Projekt oder eine Ausstellung einbeziehen, einzig weil sie eine Frau ist. Mein Rat ist: Sei stark, bewahre intellektuelle Integrität, glaube an dich selbst, und arbeite hart.

Miriam Daepp sprach mit der Kuratorin am ArtsWork 2012 – Refiguring Women-Workshop.

Die freie Kuratorin, Kunstkritikerin und Kulturberaterin N’Goné Fall studierte Architektur in Paris. Von 1994 bis 2001 war sie Chefredakteurin des in Paris ansässigen Magazins für zeitgenössische afrikanische Kunst „Revue Noire“, Herausgeberin von zwei Sammelbänden über afrikanische Fotografie, beteiligte sich als Kuratorin an den Biennalen in Bamako (2001) und Dakar (2002) und kuratierte Ausstellungen in Afrika, Europa und den USA. Sie berät Kulturinstitute im Senegal und international, und unterrichtet am „Department of Cultural Industries“ an der Senghor Universität in Alexandria, Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Südafrika, Internet-Redaktion
Dezember 2012

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