Gender

Frauenstimmen - im Gespräch mit Jacqueline Karuti

Jacqueline Karuti ist Frau, bildende Künstlerin und Afrikanerin. Sie war eine von 24 Teilnehmerinnen am „ArtsWork – Refiguring Women“ Workshop in Johannesburg im November 2012.

 Jacqueline Karuti. © Joe Lukhovi


Jacqueline Karuti. © Joe Lukhovi

Jacqueline Karuti, Ihr künstlerischer Ausdruck befasst sich mit Weiblichkeit, Leben, Überfluss und Lust. Woher kommt das Interesse an diesen Themen?

Weiblichkeit existiert sowohl in lebendigen wie auch in leblosen Objekten. Leben, Überfluss, Lust und Schönheit können in männlicher und weiblicher Form gefunden werden; obwohl viele Leute diese Qualitäten mit Frauen in Verbindung bringen. Mich faszinieren auch Gegensätze: Gut und Schlecht, Leben und Tod müssen ko-existieren, damit das Universum funktioniert.

Sehen Sie sich vorallem als Frau, oder als Afrikanerin? Was bedeutet für Sie, eine afrikanische Frau zu sein?

Ich sehe mich zuerst als Mensch. Mit dieser Kategorisierung fühle ich mich wohler. Wenn ich mich als Frau bezeichne schränke ich mich ein, weil es Dinge gibt, die die Leute einer Frau nicht zutrauen. Wenn ich mich als Künstlerin bezeichen werde ich nicht allzu ernst genommen, weil Künstler als diese spontanten Menschen gesehen werden. Sehen Sie mich einfach als Jacqie, oder besser noch, stecken Sie mich in gar keine Schublade.

Sind Sie jemals mit Stereotypen über afrikanische Frauen, und insbesondere über afrikanische Künstlerinnen, konfrontiert worden? Wie gehen Sie damit um?

Ja, ich habe Stereotypisierung erlebt. Ich versuche, nicht die “typische” afrikanische Frau zu sein, und Schubladisierung nicht persönlich zu nehmen. Inzwischen schätze ich es, eine afrikanische Frau zu sein. Ich muss allerdings zugeben, dass ich Probleme mit meiner afrikanischen Identität hatte, als ich aufwuchs – meine Haut war sogar für meinen Stamm zu dunkel. Als ich älter wurde realisierte ich, dass ich dies zu meinem Vorteil nutzen konnte. Eine Frau, jung, schwarz und Künstlerin – dies konnte zu meinem Markenzeichen werden.

Haben Sie (afrikanische) Vorbilder in der Kunst?

Ich treffe viele hervorragende Künstler persönlich oder durch ihre Arbeit. Es sind zu viele, um einen als Vorbild zu nennen. Mich beeindrucken Künstler, unabhängig von ihrer Herkunft, deren Arbeit Tradition und Ethik hinterfragt und die in der Kunstszene trotzdem relevant sind.

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen als afrikanische Künstlerin? Wurden diese Herausforderungen an der ArtsWork-Konferenz diskutiert? Was können die Teilnehmerinnen dieser Konferenz voneinander lernen?

Ich denke, viele Künstler haben finanzielle Probleme. Ich lebe oft von der Hand in den Mund, und den Grossteil meines Einkommens verwende ich für Material, Ausstellungen, und Reisen. Ohne regelmässiges Einkommen ist dies ein grosses Problem. Das andere Problem ist der Mangel an Mentoren. Ich würde es sehr begrüssen, einen Mentor zu haben der oder die meine Arbeit offen und ehrlich beurteilt und mich leitet. Wir haben keine Mentoren; die Konkurrenz ist gross und der Erfahrungsaustausch gering.

Ja, die Herausforderungen mit denen wir uns als afrikanische Künstlerinnen konfrontiert sehen werden an der ArtsWork-Konferenz diskutiert. Es ist ein tolles Erlebnis, von inspirierenden Künstlerinnen umgeben zu sein und ich bin froh, dass ArtsWork in Südafrika stattfindet und die Teilnehmerinnen so offen sind. Ich bezweifle, dass wir in Kenia Themen wie Gender und Sexualität so offen diskutieren würden.

Denken Sie, die Herausforderungen für afrikanische Künstlerinnen sind in ganz Afrika dieselben, oder eher länderspezifisch? Was erleichtert Ihre Arbeit in Kenia, und was erschwert sie?

Die Herausforderungen sind klar länderspezifisch. Die Situation eines Künstlers in Johannesburg ist nicht vergleichbar mit der eines Künstlers in Kampala, Uganda. Die Umstände sind verschieden.

In Kenia sind weibliche Künstler so selten, dass sie schon allein durch ihre Weiblichkeit hervorstechen. Die Konkurrenz ist geringer, dadurch kriegen wir mehr Arbeit; das ist ein grosser Vorteil. Der Nachteil hingegen ist, dass unsere männlichen Kollegen die grossen Aufträge erhalten, die Unterstützung und die Sichtbarkeit. Als Künstlerin musst du dich doppelt beweisen. Und jung zu sein hilft nicht, denn die Leute denken du musst noch lernen und Erfahrung sammeln.

Was glauben Sie, kann Kunst in der Gesellschaft bewirken?

Kunst kann die Sichtweise von Menschen ändern. Durch Kunst siehst du die Welt in einem anderen Licht; du baust Barrieren ab und wirst offener. Ich möchte, dass die Leute Kunst mehr schätzen. Ich will das Publikum in meine Kunst einbeziehen. Ein Performance-Projekt mit Studenten ist in Planung. Es geht dabei um einen Kampf um Lebensmittel. Auf unterhaltsame und kreative Weise werden so ernste soziale Themen wie Nahrungssicherheit, Wirtschaftslage, und die Umwelt angesprochen. Dabei lernen alle dazu, die aktiven und die passiven Teilnehmer.

Welches Erbe möchten Sie als Künstlerin hinterlassen?

Ich möchte irgendwann als Pionierin in der Kunsterziehung gesehen werden. Ich will mich für eine qualitativ hochstehende Kunsterziehung in Kenia einsetzen. Ich möchte Räume anbieten, in denen Leute sich kreativ betätigen können und realisieren, dass Kunst eine Art zu leben ist und dass man damit einen Lebensunterhalt verdienen kann.

Miriam Daepp sprach mit der Künstlerin am ArtsWork 2012 – Refiguring Women-Workshop.

Jacqueline Karuti ist bildende Künstlerin aus Nairobi, Kenia. Sie studierte Multimedia und Grafikdesign. Ihre künstlerische Laufbahn begann sie mit Malerei, wobei sie seit Kurzem auch Installationen und Performancekunst in ihr Arbeit einfliessen lässt. Jacqueline ist Künstlerin in Residenz am Kuona Trust Centre for Visual Arts in Nairobi. Sie betätigt sich ebenfalls als Autorin, Tänzerin und Model.

Copyright: Goethe-Institut Südafrika, Internet-Redaktion
Dezember 2012

Links zum Thema
Link-Tipps