Abidjan

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Spoken Word in der Côte d'Ivoire

Von der Erhaltung der Tradition zur Suche nach selbstbewusstem Auftreten

Die Côte d'Ivoire ist - wie ganz Afrika - stark durch Oralität geprägt. Der beste Weg, um Wissen zu vermitteln, sich Gehör zu verschaffen und sich verständlich auszudrücken, besteht darin, seine Stimme zu erheben. Die großen Heldentaten ihrer Geschichte, ihre großen Traditionen zirkulieren von Generation zu Generation, von Großvater zu Vater (oder von Großmutter zu Mutter), von Vater zu Sohn (von Mutter zu Tochter) durch die mündlich überlieferte Tradition. In den Dörfern versammeln die Älteren die Jüngeren nach Einbruch der Dunkelheit um ein Holzfeuer, um ihnen die großen Reisen ihrer Vorfahren oder von bedeutenden Gestalten ihrer Geschichte zu erzählen. Über die Wiedergabe der Geschichte hinaus haben diese Abende eine erzieherische Funktion, denn am Ende jeder Erzählung gibt es eine moralische Lehre.

Die Werte der Tradition erhalten

Bei bestimmten Bevölkerungen des Kontinents, die aus dem Mandigo-Reich stammen, erhalten die Griots seit Urzeiten die Kunst der Oralität. Während Festlichkeiten oder Trauerzeremonien füllt der Griot seinen Platz mit Sprache aus, vor allem aber als lebendes Gedächtnis der Tradition und der Geschichte. Er erinnert an die Nachkommenschaft großer Familien, an die Heldenkämpfe und auch an die Jahre des Hungers, wobei er die Symbole seines Volkes rühmt. Es hat schon immer zwei Sorten von Griots gegeben: den politischen Griot und den Griot der Jäger. Bis auf wenigen Varianten lassen Beide die Tradition des „Spoken Word“ fortbestehen.

Neben diesen Griots, den wahren Bewahrern, tauchen moderne Märchenerzähler auf. Die Pioniere unter ihnen heißen u.a. Obin Manféi, Adou Yam's, Alexis Djisso. Aus traditionellen Märchen haben sie eine ästhetische Form gezogen, um daraus eine vollwertige Kunst zu machen. Mit ihnen findet das Märchen seine zwei wesentlichen Funktionen wieder, das Spielerische und das Erzieherische.

Heute ist die Nachfolge gut gesichert durch Taxi Conteur mit seiner Truppe Naforo Ba. Um ihn herum und im Umfeld der von ihm initiierten Veranstaltungen - insbesondere die Tage der Oralität und vielen anderen Initiativen - stellen mehrere jungen Märchenerzähler ihr Können durch Talent und Inspiration unter Beweis. Jenseits der individuellen Schicksale ist es eine interessante Brutstätte, um die von ihren Vorgängern angezündete Fackel des „Spoken Word“ weiter brennen zu lassen. Man kann zudem viele andere Engagements verzeichnen, besonders die vom Goethe-Institut organisierte „Karawane der Erzählung“, die für die Förderung der Erzählkunst eintritt. Neben den Märchenerzählern präsentiert sich das Spoken Word auch in Form einer so genannten Wortkunst, in welcher die Sprache all ihre lexikalische Macht und die Poesie die Tiefe ihrer ästhetischen Dimension wieder findet. Hier werden vor dem Hintergrund einer Musik Texte vorgetragen, die das Bewusstsein über die Makel der Gesellschaft stimulieren. Die Verfechter dieser neuen mündlichen Ausdrucksweise, Alain Tailly und Bomou Mamadou, setzen auf die Stilistik. Was aber vor allem zählt, ist die Tiefgründigkeit der Botschaft, die den vorgetragenen Texten zu Grunde liegt.

Suche nach Selbstbehauptung

Wenn man sie analysiert, stehen sie nicht weit weg vom Slam, der das Aufkommen von Märchenerzählern neuen Typus symbolisiert. Diese jungen Menschen, die in der Stadt geboren sind, die mit anderen Realitäten wie etwa Kriminalität, Arbeitslosigkeit oder Gewalt konfrontiert sind und deren Helden nicht Soundjata Keita, Sonni Ali Ber und andere Symbole der afrikanischen Geschichte heißen, sondern häufig Stars der Musik, des Films oder des Sports - besonders des Fußballs - sind. Um den Schwierigkeiten ihres nicht immer einfachen Alltags zu entkommen, erheben sie wütend die Stimme, schlagen mit Worten gegen die Glasglocke, die sie in dieser gedrückten Atmosphäre einengt. Diese Märchenerzähler neuen Typus sind die eigentlichen Poeten der Moderne. Ihre Waffen sind Slam und Rap, die somit die Entstehung einer „neuen“ Kunst sichtbar machen. Eine Kunst, die darin besteht, das auszusprechen, was sich alle nur zu denken trauen.
Anfang der 80er Jahre erschien diese „neue Kunst“ in der Côte d'Ivoire, und zwar in einem von wirtschaftlicher Rezession, Arbeitslosigkeit und Verarmung geprägten sozialen Kontext.

Als Sühneopfer dieser schwierigen Situation finden die Jugendlichen im Slam und im Rap einen Weg, um ihre Wut und ihren Zorn hinauszuschreien, aber auch, um sich in einer Gesellschaft zu behaupten, die sie zu ignorieren scheint. So entstehen Anfang der 90er Jahre, sowohl in benachteiligten Stadtgebieten wie Abobo und Adjamé, als auch in vornehmen Stadtteilen wie Cocody, so genannte „Posse“, Gemeinschaften junger Rapper: „Minister Otentik“ in Adjamé, „Flotte Impériale“ in Cocody, „NGowa Posse“ in Abobo und viele andere. Ihre ersten Texte sind hart, sie prangern die steigende Verarmung der Gesellschaft, das Elend der Jugendlichen, die Plage der Drogen und der großen Kriminalität, vor allem aber die Misswirtschaft der Regierenden und die vielen anderen Übel an. Mehr als eine Kunst ist Rap für diese Jugendlichen eine Art Katharsis, um sich den Ketten des Leidens zu entledigen und um das Schicksal des Scheiterns abzulehnen. Gleichzeitig drückt er ihre Suche nach einer gerechteren Gesellschaft und ihre Ablehnung einer Gesellschaft aus, in welcher die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Um der Botschaft eine künstlerische Kraft zu verleihen, sind die Texte gereimt. Erst Anfang der 2000er Jahre aber gewinnt diese poetische Dimension an Bedeutung mit dem Aufkommen der „Slammer“. Es muss jedoch ganz klar darauf hingewiesen werden, dass sie nicht ex nihilo auftauchten.
Meist kommen sie aus dem Rap oder wuchsen auf mit Hardcore-Rap wie Flavor Flav von Public Enemy oder Soft-Rap von LL Cool Jay.

Sprechen, um sein Leid hinauszuschreien; sprechen, um zu existieren

Sie heißen Zakala, David Djoko, Boss Mike oder auch Gilles Tusty, der im November 2011 von einer Kugel niedergestreckt wurde. Diese Vorreiter des Slams spielen heute eine wesentliche Rolle im Phänomen „Spoken Word“ in der Côte d'Ivoire. Mit gewählten Wörtern wollen sie das Gewissen der Bevölkerung über die Missstände der verkommenden Gesellschaft wachrütteln.

Für sie ist der Slam ein Scheinwerfer, um diejenigen aufzuklären, die nicht sehen können, oder die Realität, in der sie leben, nicht sehen wollen. Die Texte dieser Slammer sind weniger abgehackt als die Texte eines normalen Rap-Lieds und gewinnen ihre ganze Erhabenheit aus der Poesie. Bei ihnen erhält sie ihre ganze Bedeutung und das Wort seine ganze Fülle. Diese poetische Prosa zwischen Stilfiguren und direkter Rede emotionalisiert die Not der Straßenkinder und das Leid der Waisenkinder, prangert den Müßiggang der Jugendlichen an, die nicht kämpfen wollen, um ihr tägliches Brot zu verdienen. Auch wenn ihr Kampf, durch das Wort eine neue Gesellschaft zu erbauen, auf wahrhaftigen Werten wie Mut und Ehrlichkeit beruht, agieren sie weiterhin im informellen Sektor: Es gibt keine Organisation dieser Verfechter des „Spoken Word“, und noch weniger eine Szene, wo sie sich treffen können. Jeder kämpft nach besten Kräften alleine, um seine Texte bei Veranstaltungen oder unter Freunden des Stadtteils vorzutragen. Dennoch scheint die Zukunft nicht düster, denn es entstehen Initiativen, wie Projekte des Reggae-Künstlers Kajeem über den Slam, oder die von Zakala und seinen Freunden beabsichtigte Schaffung des Kollektivs „Tout Feu, Tout Slam“.

Das Phänomen „Spoken Word“ beschränkt sich nicht allein auf die Künstler. Intellektuelle spielen hier auch eine wesentliche Rolle, angefangen bei den Forschern des GRTO (Groupe de Recherche sur la Tradition Orale), der Gruppe zur Forschung über die Oralität, die vom heute verstorbenen Professor Zadi Zaourou geschaffen wurde. Dieser war ein eiserner Verfechter der afrikanischen Oralität, welcher er jahrelang seine ganze Energie widmete und die entlegensten Regionen des Landes durchreiste, um historische Reden und epische Musikstücke zu sammeln. Neben der Identifizierung verfolgt die GRTO durch diese fleißige Kleinarbeit die nachhaltige Sicherung der verschiedenen Aspekte der Oralität.

Ein gewisser Einfluss auf die ivorische Gesellschaft

Als sprachwissenschaftlicher Experte für die Wissenschaften der Oralität an der Universität Félix Houphouët-Boigny ist Pr. Firmin Ahoua wie die Theoretiker der GRTO ein kundiger Beobachter der Spoken-Word-Szene in der Côte d’Ivoire.

„Man kann sagen, dass die Schrift in der afrikanischen Gesellschaft spät entstanden ist. Dennoch muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass die Oralität die grundlegende Quelle der intellektuellen und geistigen Erziehung war“, analysiert der prominente Hochschullehrer. Für Prof. Firmin Ahoua gibt es verschiedene Ausdrucksformen der Oralität: „Man kann zu Recht von mündlicher Literatur sprechen, denn es ist ein ziemlich komplettes System“. Der Ausdruck „mündliche Literatur“ setzt für ihn voraus, dass es möglich ist, zwischen einer auf die Schrift und das Lesen gestützten Literatur und einer auf die Oralität gestützten mündlichen Literatur zu unterscheiden. „Beide haben gemeinsam, dass es für sie eine umfangreiche Dokumentation gibt und dass sie gleichgestellt werden können. Die mündliche Literatur ist sicherlich in mehrere Arten strukturiert. Es gibt jahrhundertealte poetische Variationen. Es gibt einige, die geistige Lehren vermitteln, so wie wir sie vom Weisen Amadou Hampaté Bah kennen. Es gibt andere, die historische Sammlungen sind“, fährt Prof. Firmin Ahoua fort, der überzeugt ist, dass die Entwicklung des Raps und des „Zouglous“ als Formen der Oralität, um die Gesellschaft zu erziehen, eine Art Literatur sind, die uns herausfordert, zumal diese Oralitätsquellen aus der afrikanischen klassischen Struktur schöpfen, indem sie deren Musik und deren Rhythmen übernehmen.

Jedoch - so meint Prof. Firmin Ahoua – sollte sich das Spoken Word nicht damit begnügen, die mündliche Literatur zu kommentieren, sondern Auszüge daraus aufschreiben. Obwohl die mündliche Literatur zuerst immer mündlich ist, müsse man diese heute zur Sicherung verschriftlichen, um ihre Produktivität und ihre Kreativität sicherzustellen, empfiehlt er.

Yacouba Sangaré