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Spoken Word in Südafrika: Vom Protest zur Jugendbewegung

(c) Masimba Sasa

 Siza Nkosi © Goethe-Institut. Foto: Masimba Sasa

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Es gibt Orte auf der Welt, deren Geschichte von langen Zeiträumen des Kämpfens und Leidens geprägt ist; wo Kunst das einzige Mittel war, sich inmitten aller Zerstörung Gehör zu verschaffen. Orte, in denen die Flamme des kollektiven menschlichen Geistes weiterbrennen konnte, weil einige Mutige, trotz gebundener Hände, ihre gesamte Kraft in ihre Stimme legten, um zu schreien, zu rufen und den Mächtigen zu widersprechen. Die Geschichte von Südafrika ist synonym mit der systematischen Entmündigung und Brutalisierung von gewaltsam marginalisierten Menschen. Interessanterweise hat sich gerade in dieser dunklen Zeit eine Kunstform entwickelt, die von herausragender Qualität ist und auf die immer wieder verwiesen wird, wenn es um Südafrikas künstlerisches Erbe geht. Sie beweist, dass aus Hässlichem tatsächlich Schönes entstehen kann.

Fenster mit einem Gedicht einschlagen

Die südafrikanische Jugend ist derzeit dabei, Poesie neu zu denken und zu erfinden – angeleitet von den Dichtern, die vor ihr auf der Bühne gestanden und Buchseiten gefüllt haben. Im ganzen Land, in Städten, Schulen, Kirchen und Universitäten, finden sich Anhänger der performativen Literatur zusammen, um Neues zu schaffen und damit das künstlerische Erbe Südafrikas zu bereichern. Dieses Erbe reicht mehrere Jahrzehnte zurück: Die Urspünge des Dichterwettstreits (‚poetry slam‘) liegen in der Zeit der Apartheid, als Protestdichtung eines der Mittel war, mit dem die Angst vor dem System ausgedrückt werden konnte. Legenden wie Keorapetse Kgositsile, Don Materra, Dennis Brutus und der am ehesten mit der Tradition der Slam Poetry assoziierte Mzwakhe Mbuli haben durch ihr Leben und ihre Kunst gezeigt, wie aufsehenerregend und mächtig die menschliche Stimme sein kann, wenn sie als Waffe eingesetzt wird. Tumi Molekane, ein genialer südafrikanischer Rapper (und oft auch Lyriker), sagte einmal zu mir, dass es nicht immer der Stein sei, der die Fensterscheibe zum Brechen bringt – sie zerbreche auch an Gedichten, die als kleine Botschaft am Stein festgebunden sind. Dichtung wird zur Stimme des Ungehorsams und der Forderung eines Volkes nach einem besseren Leben.

Slams in Johannesburg und darüber hinaus

Derzeit arbeiten südafrikanische Poeten mehrerer Generationen miteinander und befruchten sich gegenseitig; es gibt zahlreiche Plattformen, über die ältere Lyriker ihre Lebensweisheit an die jüngeren weitergeben konnten. In Johannesburg haben Veranstaltungen wie WORDnSOUND, House of Hunger und Likwid Tongue den Lyrik-Wettstreit verjüngt – das ist es, worum es beim Poetry Slam geht. Diese Veranstaltungen ermutigen Lyriker, ihre besten Gedichte an der Arbeit anderer Dichter zu messen und durch eine Jury entscheiden zu lassen, wer aufgrund von Inhalt, Kreativität, Schreibstil, Performance und anderen Kriterien den Sieg davon trägt. Bei Veranstaltungen dieser Art trifft das Beste der beiden Welten aufeinander; hier werden Autoren zu Athleten des Wortes, die die Herausforderung annehmen, sich durch einen freundlichen Wettkampf mit den Besten zu messen. Der Preis besteht zumeist aus Geld, Büchern und anderen Geschenken, und das Schönste ist natürlich die Anerkennung der Mitstreiter und des Publikums. WORDnSOUND bietet zusätzlich Livemusik, House of Hunger lädt regelmäßig Dichter aus anderen Teilen des gesamten Kontinents ein und Likwid Tongue hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden einzubeziehen und dem Klischee entgegenzuwirken, dass Dichtung hochintellektuell sein muss. In der ganzen Provinz Gauteng finden Poetry Slams statt und so hat sich die Kunst der performativen Lyrik verbreitet und viele veranlasst, zu schreiben, etwas zu bewegen und andere zu inspirieren. Die einzelnen Slams unterstützen einander und profitieren voneinander.

Lyrik im Fernsehen

Durch das Internet und hervorragende Fernsehberichterstattung, beispielsweise über die Eröffnungsfeierlichkeiten zur AFCON, können die Dichter sich zunehmend einem größeren Publikum vorstellen. Performative Dichtung als Kunstform ist „cool“ geworden. Zwar ist Johannesburg in Bezug auf die Slam-Poetry-Szene am prominentesten, aber Podien wie Cup O’Thought in Durban, Jam That Session in Kapstadt und No Camp Chairs Poetry Picnic in Pretoria bieten ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten für Jung und Alt, Geschichten auszutauschen und sich durch Wort, Reim und Metapher miteinander zu verbinden. Ein Anlass zum Feiern, denn es kann nie genug Literatur auf der Welt geben! Dichter wie Kgafela oa Mogogodi, Lebo Mashile und Tumi Molekane haben ihre Dichtkunst mit Theater, Livemusik oder Hip Hop angereichert, um dynamische Kunstwerke zu schaffen, die somit besser geeignet sind, Menschen unterschiedlicher künstlerischer Interessen unmittelbar anzusprechen. International orientierte Veranstaltungen wie Urban Voices und Arts Alive bieten südafrikanischen Lyrikern die Möglichkeit, zu erleben, was Dichter anderer Kontinente mit ihrer Stimme bewirken. Gleichzeitig dienen sie in großartiger Weise der Inspiration. Viele Poeten sprechen davon, dass Auftritte internationaler Größen wie Saul Williams, Stacey Ann Chin, Amiri Baraka und Linton Kwesi Johnson ihre Sichtweise erweitert haben, und zwar nicht nur in Bezug auf ihre Kunst, sondern auch in Bezug auf Menschheit und Welt im allgemeinen.

Dem Namenlosen einen Namen geben

Wie die unbeschreibliche Audre Lorde einst schrieb: „Dichtung ist kein Luxus. Sie ist eine Lebensnotwendigkeit unserer Existenz. Sie formt die Qualität des Lichtes, in dem sich unsere Träume und Hoffnungen auf Überleben und Veränderung bewegen, zunächst in Sprache gekleidet, dann als Idee, dann als greifbare Handlung. Mit Dichtung geben wir dem Namenlosen einen Namen, damit es gedacht werden kann. Die fernsten Horizonte unserer Hoffnungen und Ängste sind mit unseren Gedichten gepflastert, die wir aus den felsigen Erfahrungen unseres Alltags geschnitzt haben.“ Dieser Auszug veranschaulicht, was der Kern von Dichtung ist, und auch, was Dichtung für südafrikanische Künstler bedeutet: Poesie ist ein Ritual des Lernens und Lehrens geworden; sie öffnet Wunden, um dann deren Heilung durch die Kunst zu ermöglichen. Ganz im Sinne ermutigender Slogans wie „each one, teach one“ (ein jeder lehre einen anderen), geben hiesige Dichter die Erfahrungen weiter, die sie in unterschiedlichen Lebenslagen gemacht haben – seien es soziale und wirtschaftliche Umstände, Familiensituation oder das ständige Auf und Ab von Liebesbeziehungen. Darüber hinaus nimmt performative Dichtung in Südafrika – ihren Ursprüngen entsprechend – weiterhin eine Protestfunktion ein: Ganz normale Bürger können hier ihre Bedenken und Hoffnungen bezüglich des politischen-gesellschaftlichen Weges, den ihr Land beschreitet, zum Ausdruck bringen. In der Tat werden in Südafrika die Massen von Spoken Word bewegt, miteinander verbunden, elektrisiert, gebildet und getröstet.

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Zur Veranstaltung in Johannesburg

Zu den Künstlern der Johannesburger Veranstaltung
Nova Masango

Lebohang Nova Masango wurde in Schweden geboren und wuchs in den Vororten Pretorias auf. Mit ihrer Lyrik war sie schon auf vielen Bühnen des Landes unterwegs; unter anderem wurde sie gefeatured in der Serie “Poetry in the Air” des Radiosenders SA FM. Nova glaubt an die Kraft des Wortes.

Copyright: Goethe-Institut Südafrika, Juni 2013