Bamako

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Spoken Word kommt in Mali an

In unserem Teil der Welt ist Spoken Word kein bekannter Begriff. Tatsächlich aber praktizieren viele junge Künstler diese Kunstform bereits, ohne sich darüber bewußt zu sein. Gute Beispiele dafür sind die Komikergruppe „Yèlèbougou“ oder die verschiedenen Poetry Slam- und Hip-Hop-Gruppen, die in verschiedenen Städten Malis gedeihen. Sie haben eine etablierte Tradition westafrikanischen Geschichtenerzählens geerbt, insbesondere in Mali, wo zum Beispiel die Geschichten von Djéli Baba Sissoko dienstagabends auf Radio Mali gesendet wurden und Generationen von Menschen in Westafrika von der Zeit der Unabhängigkeit (1960) bis in die frühen 1990er-Jahre fasziniert haben. Nach seinem Tod trat sein Sohn Souleymane Sissoko die Nachfolge seines Vaters mit ebenso viel Talent an. Weitere großartige Geschichtenerzähler sind Djéli Djaffé Diabaté deßen Werk „Niènècoro ka Toncan“ transkribiert und 2009 als Buch vom Edis Verlag herausgegeben wurde; sowie Batoma Sanogo, deßen Meisterstück "Ntoron kélé" im Jahr 2000 vom Regisseur Boubacar Sidibé als Kurzfilm auf die Leinwand gebracht wurde. Diese traditionellen Geschichtenerzähler haben das Ansehen der Landessprache Bambara verbeßert. Andere, wie die Filmemacher und Geschichtenerzähler Feu Falaba Issa Traoré und Nouhoum Cissé, auch bekannt als Banièngo, haben den ersten Preis bei verschiedenen frankophonen Auszeichnungen gewonnen und damit zum steigenden internationalen Prestige malischer Geschichtenerzähltradition beigetragen.

Das Kulturministerium ist sich der Bedeutung bewußt, die das Geschichtenerzählen für die Weitergabe unserer kulturellen Werte von einer Generation zur nächsten hat. Das Ministerium hatte daher 1994 das Festival "Grande Parole" eingeführt. Das einwöchige Festival wurde von Geschichtenerzählern aus ganz Mali und dem frankophonen Westafrika besucht. Das ungemein beliebte Festival wurde 1997 zum dritten und letzten Mal durchgeführt.

Am Sonntag 10. November kommt das Spoken Word-Produktionsteam in Bamako an. Das Spoken Word-Projekt reist durch Afrika und gibt zahlreichen jungen, größtenteils unbekannten malischen Geschichtenerzählern die Möglichkeit, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Die Tour begann in Johannesburg, Südafrika, wo die besten drei Poeten von einer unabhängigen Jury gekürt wurden. Ihre Darbietungen wurden auf Video aufgezeichnet und ins Internet gestellt, woraufhin madagassische Künstler sich die Videos anschauen und sich von einigen Stichworten aus den Performances für ihr eigenes Werk inspirieren lassen konnten. Dieses Format wurde über das Jahr hinweg wiederholt von Künstlern in Yaoundé, Kamerun; Luanda, Angola; Kampala, Uganda und Nairobi, Kenia. Jetzt ist Bamako an der Reihe, um an diesem wichtigen kulturellen Phänomen teilzuhaben. Bamako ist die zweitletzte Station der Tour, die in Abidjan endet.
Nach jeder Tourstation wird der Gewinner des Wettbewerbs im jeweiligen Land eingeladen, am Wettbewerb in der nächsten Stadt aufzutreten. Bamako wird daher die Ehre haben, den Gewinner aus Kenia, Wambui Raya, auf der Bühne zu begrüßen. Der Gewinner aus Bamako wird in Abidjan auftreten. Spoken Word umfaßt gesprochene Lyrik, Geschichtenerzählen, literarische Performances, Rap-Poesie und Poetry Slam. Weil dieses panafrikanische Festival vom Goethe-Institut initiiert wurde, werden die Gewinner aus jedem Land 2014 in Deutschland auftreten. Diese Veranstaltung wird die Erschaffer dieser neuen Kunstform ins Rampenlicht rücken sowie das Talent der Jugend aus Afrika zeigen.

Oralität ist eine der ältesten Traditionen der Welt. Es gab schon immer Geschichtenerzähler und Dichter, die ihre Werke vor einem live Publikum rezitiert haben. Der Begriff Spoken Word als solcher stammt aus den Vereinigten Staaten; inspiriert von Jazz, Soul, Blues und der Beat Generation. Spoken Word hat in Nordamerika in den letzten Jahren floriert, insbesondere in Montreal.

Spoken Word ist Text, dargeboten vom Autor vor einem live Publikum. Obwohl der Ausgangspunkt dieser Kunstform das geschriebene Wort ist, liegt der Schwerpunkt auf dem Klang der Worte und deren Rhythmus bei der Performance. Aus diesem Grund wird eine direkte und zugängliche Sprache vorgezogen, die den Text vorantreibt, ihn belebt und Improvisation erlaubt. Die Performer erkunden die Worte selbst, sowie auch das Ausdruckspotential der Stimme, des Körpers, des Raums, den die Bühne bietet und manchmal sogar Technologie als Mittel, um die Darbietung zu erweitern.

Spoken Word ist ein unmittelbares live Erlebnis, das vom Austausch zwischen dem Dichter/Performer und dem Publikum lebt. Die Performer müssen akzeptieren, dass das Publikum einen Einfluß hat auf den Lauf der Darbietung und manchmal auf den Text selbst. Performances variieren je nachdem, ob sie am Anfang oder am Ende des Abends stattfinden, wieviele Leute im Publikum sitzen und wie sehr sie sich mitreißen lassen. Das bedeutet, der Künstler muss flexibel sein und sensibel gegenüber dem Rahmen und der Atmosphäre der Performance. Im Gegensatz zu Bühnenschauspielern schreiben Spoken Word-Performer ihre eigenen Texte. Auch wenn sie manchmal eine Rolle spielen oder Musik einbinden, Bühnenbilder oder Requisiten; die Gewichtung liegt immer darauf, das Publikum direkt anzusprechen, anstatt vor dem Publikum zu schauspielern.

Youssouf Doumbia war während fast 20 Jahren Kulturjournalist bei der nationalen Tageszeitung „L'essor du Mali“ in Bamako. Er hat über zahlreiche Kunst-, Kultur-, Handwerks- und Tourismusveranstaltungen in seinem Land berichtet. Er war Augenzeuge bei vielen wichtigen Ereignissen, bei denen sein Land beteiligt war; wie internationale Konferenzen, Foren und anderen Kulturevents auf allen Kontinenten. Seine Artikel sind in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbänden in Französisch, Deutsch, Englisch und Arabisch veröffentlicht worden.

Youssouf DOUMBIA
Culture Journalist
L'essor national daily
Tel: (223) 66 79 79 79
E-Mail: yousou_amap@yahoo.fr, youssouf.doumbia842@gmail.com
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