Kampala

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Sophisticated Players – Spoken Word in Kampala

Moses Serubiri © Bwette Gilbert DanielMoses Serubiri © Bwette Gilbert Daniel

‘Die Gesellschaft hält mich für wertlos'

Der Ursprung des Wortes sophisticated [raffiniert] kommt aus dem mittelalterlichen Latein, sophisticatus, dem Oxford- Wörterbuch zufolge heisst es ‘verändert bzw. manipuliert werden‘. Sophisticated zu sein bedeutet demnach ein Zustand, der von fremden kulturellen Ausdrucksformen – insbesondere sprachlichen - - beeinflusst wird, Spoken-Word-Künstler sind für Poesie-Interessierte in Kampala charakteristisch geworden für deren eigenwillige Herangehensweise, die das Persönliche mit dem Fremden kombiniert. Es hat sich herausgestellt, dass eine derart furchtlose Raffinesse (Sophistication) durchaus Macht über die Gesellschaft ausüben kann.

“Die Gesellschaft hält mich für wertlos..." sind die bekennenden Worte eines “kleinen Mädchens im Spiegel” ["little girl in the mirror"]. Die Spoken-Word-Künstlerin Norah Namara trug diesen Spruch während des NuVo-Festivals im letzten Monat mit derartiger Überzeugung vor, dass klar wurde, dass dies keine gewöhnliche Freitagabendunterhaltung war, sondern vielmehr eine trotzige Erklärung gegen die Vernachlässigung der intellektuellen Künste.

Der Besprechung der Show durch den Saturday Monitor bestätigte diesen Eindruck; hierwurde berichtet, dass "die Darbietungen und die positiven Reaktionen darauf beweisen, dass es einen unaufhaltsamen Hunger gibt. Diese neue Generation wird die Dinge, die sie stören, nicht mehr tolerieren, sondern sich weiterhin künstlerisch dazu äußern, bis man ihnen zuhört und sich darum kümmert."

Der Journalist Dennis Muhumuza bezieht sich hier auf das Problem, gegen das solche jungen Performer – meist in den achtziger Jahren geboren – ankämpfen und er beobachtet, mit wieviel Mühen sie versuchen, „durch die Decke zu brechen“, um gehört werden.

Öffentliches Lob für Poeten des gesprochenen Wortes


Bei einer der populärsten Dichterlesung der letzten drei Jahre, Broken Voices of the Revolution [Gebrochene Stimmen der Revolution], die 2012 im Nationaltstattfand, erschienen die Darsteller in Kostümen von Guerilla-Kämpfern. Dieser bewusste Rückgriff auf die Bürgerkriege der siebziger und achtziger Jahre gedacht schien auf eine surreale Wiedergeburt von Musevenis Revolution abzuzielen. Dazu schrieb das Start Journal: "die Dichter des Laternentreffens sind die Kinder von Museveni." Teilnehmer dieser Poesiebewegung – wie man es in der Poesie-Szene nennt – erhielten ähnliche öffentliche Anerkennung. Roshan Karmali kann man im Radio mit einem sinnlichen Gedicht in der Werbung für Daima-Saft hören; Jamain Nadas Gedichte wurden in einer landesweiten Anti-AIDS Kampagne benutzt, mit dem Titel "Get off the sexual network" [“haltet euch aus dem Sex-Netzwerk heraus”]. Rashida Namulondo und Ugly MC trugen ihre Gedichte jeweils bei einer Kampagne "Tobacco Kills" vor, die von der Regierung finanziell unterstützt wurde; Slim MC, Babaluku und MC Flower haben gemeinsam eine Radiowerbung über das gesprochene Wort, mit dem Titel 'Get Online!' für die Telekom Firma Orange zusammengestellt.

2011 starteten Gabs und Nunu Lyrik-Performances unter dem Titel Kwivuga. Was als Nischen-Veranstaltung begann, erreichte durch Kommerzialisierung ingrößer werdendes Publikum. anzuziehen. als Sponsoren, Die Performances von Hip-Hop- Musikern werden durch Werbe- und Getränkefirmen finanziert. und das an der Musik oder am Spoken Word interessierte Publikum zahlt hohe Eintrittsgelder zahlende Publikum und muss teilweise mit improvisierten Sitzgelegenheiten vorlieb nehmen. Die wöchentliche The Independent bemerkte dazu, "Als Warnung: Wenn man jedoch zu spät kommt, findet man u.U. keinen Sitzplatz mehr und muss mit dem Rasen vorlieb nehmen."

Die Katharsis des gesprochenen Wortes


Während jedoch zahlreiche Spoken-Word-Veranstaltungen überlaufen sind und häufig der Fokus auf die Dichtung selbst verlorengegangen ist, verfolgt Poetry in Session - eine gegenläufige Richtung. 2010 von Roshan Karmali gegründet, ist Poetry in Session ein Ort, wo man mit viel Vergnügen ausschließlich das gesprochene Wort hören kann. Das Start Journal bemerkte dazu, dass, "es eine Katharsis erlaubt in einem Zeitalter, in dem man immer weniger frei sprechen kann."

Solche Meinungen zeigen nicht nur die Zielsetzung von Spoken Word auf, sondern beschreiben sehr gut die Ugandische Gesellschaft von heute: eine Gemeinschaft, die kapitalistisches Denken der freien künstlerichen Meinungsäußerung vorzieht. Das Nachbeben der Flutwelle, die von Idi Amins Militärregime ausgelöst wurde – währenddessen unter anderem die Vertreibung von Indern im August 1972 stattfand, hält an und die Unterdrückung der Intellektualität setzt sich unterschwellig fort.

Trotz allem haben diese jungen Poeten einen Weg gefunden, sich durch das Medium des gesprochenen Wortes auszudrücken; den Besuchern ihrer Veranstaltungen werden Einsichten und eine Erneuerung des intellektuellen Diskurses geboten.

Die Player der Spoken-Word-Szene


Jungle-the-Man-Eater
besteht darauf, in seiner Muttersprache, Lusoga, vorzutragen. Sein Gedicht 'Mukisa' (Schicksal) ist der Monolog eines Gebetes an den Gott des Schicksals von einer Person, die sich, wie wir erfahren, auf dem Lande befindet. Die philosophischen Tendenzen des Gedichts werden von einer faszinierenden Performance getragen. Mit dem Gesang 'Fate ... Fate ... Fate ...' beginnend, schwillt der Vortrag in einer Flutwelle von Worten, einer Vielstimmigkeit von zu doppeltem Tempo antreibenden Trommelschlägen an, wobei er seinem Gott vorwirft, wie sehr er sich in der Welt abplagen muss. Es ist diese intensive Verletzlichkeit, die das Publikum verzaubert.

Wenn Ife Piankhi auf die Bühne kommt, gibt ihre Kakaobutter-Haut und das Erykah-Badu- Kopftuch ihr die Erscheinung einer schwarzen Göttin. Ihr Eklektizismus lässt sich schwer beschreiben – er changiert zwischen Umweltschutz des 20. Jahrhunderts, schwarzem Feminismus, intergalaktischem Jazz, Garveyismus und Bob Marleys One-Love-Manifesto. Und trotzdem, sogar wenn das Publikum schon von ihrer kühlen Raffinesse verhext ist, ist es ihre Reinheit der Emotion, die eine tiefe Verbindung zwischen der Künstlerin und dem Publikum schafft.

Xenson
, Mode-Ikone und Poet, umgibt sich mit einem mysteriösen Flair. Niemand weiß so recht, wo er all seine explosive Energie und Kreativität hernimmt. Bevor er zu seinem Vortrag aufsteht, oft in seiner Muttersprache Luganda, ist er gewöhnlich der aufmerksamste Zuhörer, der nie spricht, nie Bier trinkt. Er kommt einem manchmal wie eine Mimose vor, deren Blätter geschlossen sind und die sich dann auf einmal bei Berührung voller Lebendigkeit öffnen. Das Start Journal, schrieb über ihn, dass sein Name ein Ideal des Zen darstellt, "inspiriert durch das Konzept der Harmonie ..., die versucht, ein Gleichgewicht in der natürlichen Welt herzustellen“.

Jason Ntaro schuf sich im Jahr 2011 eine Anhängerschaft, nachdem er immer wieder ein Gedicht mit dem Titel "3 Jahre, 5 Monate, 2 Tage" vortrug: ein Gedicht über eine von Missbrauch geprägte Beziehung, die mit dem Tod endet. Das faszinierende Ritual des Dichters bestand darin, dass er seine Schuhe auszog und barfuß auf die Bühne ging, wonach er dann tief Atem holte. Seine Stimme, seine Aussprache und Betonung, heben sein Einfühlungsvermögen hervor für die Erfahrung von – im Fall von „3 Jahre, 5 Monate, 2 Tage" – Frauen mit Selbstmordgedanken, betrunkenen männlichen Antagonisten und psychisch misshandelten Kindern, indem er alles viel besser mitteilt als die Person, um deren Erfahrung es sich handelt, es jemals selbst könnte.

Ursprünge

Trotz des inzwischen großen öffentlichen Anklangs begann die Spoken-Word-Szene in kleinen Hinterhof-Kollektiven in den Ghettos von Kampala, wo junge Menschen ihre eigenen kodierten Sprachen entwickelten, durch die sie gemeinsam einzigartige künstlerische Ausdrucksform fanden. Als Hip Hop in den 90ern dazukam, benutzte die Pentecostal-Kirche christlichen Rap dazu, junge Leute zu erreichen. Die Fusion dieser kodierten Sprachen entwickelte sich im Ghetto und die Plattenteller-Beats des Hip Hop schufen die Bewegung, die sich jetzt Luga Flow nennt. Einige Persönlichkeiten dieser Szene der 90er Jahre begannen als Poeten und wurden dann zu Rap-Musikern.

Jugendkultur in Uganda geht zum einen auf das Zeitalter des NRM (National Resistance Movement) [Nationale Widerstandsbewegung zurück, und zum anderen auf den YGC (Youth Group's Club) der Kolonialzeit, der später durch britischen Einfluss zum YMCA und YWCA wurde. Sie verband sich mit chakamchaka, einem militärischen Trainingsprogramm an Jugendschulen, das in revolutionären Liedern die Philosophie und Merkmale der ostafrikanischen Gemeinschaft verkörperte. Diese panafrikanische Jugendbewegung hat die heutige "sozialbewusste Poesie" innerhalb der Lantern Meets Of Poets [Dichter des Laternentreffens] hervorgebracht.

Diese beiden Entwicklungslinien von Spoken-Word-Ausdrucksformen von jungen Menschen kommen innerhalb des Bon-Fire-Kollektivs zusammen, einer Gruppe, deren Poesienächte sowohl Elemente der Luga-Flow-Performances als auch der panafrikanischen " sozialbewussten" Dichtung einschließt. Einer der Spoken-Word-Künstler, Medals-The-Born-Again-Politician [Medaillen-Der-Wiedergeborene-Politiker], scheint diese komplexe Geschichte in seinem Gedicht Somebody Clap For Me [Jemand soll für mich applaudieren] zu vereinbaren: Das Manifest des Poeten für ein Uganda der Zukunft! Diese Performance kann bis zu 40 Minuten dauern; Luciana Cettah Farrah hat unter dem gleichnamigen Titel einen Kurzfilm darüber gedreht.

Das derzeitige Format von Spoken-Word-Veranstaltungen - Veranstaltungsorte, Moderator, Programmgestaltung – wurde von Ungandern geschaffen, die aus dem Exil in den USA und Großbritannien zurückgekehrt waren – und trug entscheidend zur Akzeptanz und zum Wachstum dieser Kunstform in Kampala bei.

Aktive Zuhörerschaft


Mitten in einer sich entwickelnden Spoken-Word-Kultur sind es Poeten wie Jungle, Ife, Xenson und Jason, die ihr Publikum herausfordern in Bezug auf die Art und Weise, wie es die Poesie-Auftritte konsumieren sollte. Mit ihren einzigartigen idiosynkratischen und manchmal sogar unnachahmlichen Herangehensweisen zielt jeder dieser Künstler darauf ab, die Verantwortung weiterzugeben; sie provozieren eine Reaktion von ihren Zuhörern, die nicht einfach nur zufälliger Beifall ist, sondern eine aktive Teilnahme, ein Hinterfragen eigener Gedankengänge und -muster. Diese Sophisticated Players leiten eine Zeit ein, in der darstellende Poesie die Gedanken der aktuellen Zuhörerschaft stimuliert und beeinflusst.

Verfasst von Serubiri Moses
Moses ist ein bekannter Violinist, Poet und Kritiker der Kunstszene Kampalas. 2010 kam er in die engere Wahl des Hay Festival Poetry Competition genommen und machte im gleichen Jahr den Abschluss am New York Institute of Photography. Im Jahr 2011 begann er mit dem Schreiben über die Künste in Publikationen wie dem Start Journal, The New Vision und Another Africa. Moses ist zur Zeit der residierende Schriftsteller des 32 Degrees East, Ugandan Arts Trust.
Copyright: Goethe-Institut, August 2013