Luanda

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Die Spoken Word-Szene in Angola: Ein Wort aus Fleisch und Blut aus dem Stahlbeton Luandas im Open Mike

by Rita Soaresby Rita SoaresSpoken Word ist im Land des Kwanza-Flusses angekommen und einer der Protagonisten, die dies bewirkt haben, ist Lukeny Bamba Fortunato, der Kurator des ersten Spoken Word-Festivals in Angola. Der Rapper und Organisator kultureller Veranstaltungen machte sich dafür stark, Spoken Word zu einer allwöchentlichen Konstante im noch dürftigen kulturellen Speiseplan Luandas zu machen. Lukenys Ideen entstanden während seines Aufenthalts im Süden der Vereinigten Staaten. Dort kam er in Kontakt mit jungen Studenten, die Spoken Word machten und nahm auch selbst an den dortigen Slam-Poetry-Veranstaltungen teil.

Zurück in seinem Heimatland engagierte er sich in einer festen Gruppe, die sich im Lauf der Zeit regelmäßig traf. 2004 schaltete sich dann in der Hauptstadt Luanda das Mikrophon ein und wurde ein vertrauter Freund gewaltiger Emotionen aus dem Bodensatz der Träume einer Gruppe junger Leute, die sich zwischen Rap, Komödie und Lyrik verorteten. “Microfone Aberto” (Open Mike) war der offizielle Name eines großartigen Programms mit gereimten Vierzeilern und einer Lyrik jenseits der eingefahrenen Gleise, an die Luanda seit langem gewöhnt war. Anfangs traf sich die Poetengruppe in einer bescheidenen Galerie Luandas, wo sie aus Worten Funken schlagen ließ.

Dies war der Ausgangspunkt für einen ästhetischen Bruch. Die Dienstagabende waren angefüllt davon. Das Open Mike war der Anlass und richtige Moment, um die Seele von der ganzen Last eines Luandas zu befreien, die sich im urbanen Alltag mit all dem Wahn und der Hektik einer Metropole angesammelt hatten.

Die Gruppe, die keinen eigenen Raum und nur wenig Echo in den Medien hatte, wanderte von Galerie zu Galerie. Doch mit diesem fast ein Jahrzehnt dauernden Hin-und-Her-Hüpfen eroberte sie aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen ihr Publikum und ihre Dichter, die heute das Wort in unterschiedlichen Räumen und an verschiedenen Tagen zum Leben bringen. So gewann die Spoken-Word-Bewegung an Bedeutung unter den jungen Leuten Luandas; Namen wie Africk, Shynia, Dilson, Miriam, Keita Mayanda und Kardo Bestilo wurden bekannt. Die sich zum Sammelpunkt der Jugend entwickelnde Gruppe LevArte (Lechte Kunst oder „Nimm die Kunst mit“) Angola entstand, und später bildeten sich weitere Gruppen wie Berço Literário (Literarische Wiege), Goz´ A´Qui (Genieße hier)und andere freie Veranstaltungen in verschiedenen Räumlichkeiten der Stadt.

Das Entstehen dieser Räume bewirkte nicht nur einen verstärkten Zulauf zur Spoken-Word-Szene, sondern trug auch erheblich dazu bei, dass sich die Dichter als „Spoken-Word-Macher“ verstanden. Bisher hat diese Richtung des Schreibens und Vortragens nur die Jungen erobert und somit auf einen gewissen Konflikt zwischen den Generationen hingewiesen. Dieser steht zwischen den konservativen Kreativen und denen, die hungrig auf neue Schreibtechniken sind. Die Jungen eignen sich die postmodernen Interpretationen an und erfinden sie für ihre Wirklichkeiten neu.

Bisher verband sich der Begriff Spoken Word mit Freiheit und Jugend. Die Ausbreitung des Begriffs wurde mit den Veranstaltungen im Espaço Bahia gefestigt, die heute explizit als Spoken Word bezeichnet werden. Wir können insofern vermuten, dass es das Wort schon etwas eher gab als die eigentliche Praxis. Viele junge Künstler treffen sich dort und das „Machen“ versteht sich als Experimentierwerkstatt. Viele benötigten etwas Zeit, um sich von den strengen Vorgaben des konventionellen Schreibens zu lösen. Die Unterscheidung zwischen Lyrik und Spoken Word wird dort erst deutlich gemacht und viele Poeten erläutern vor ihrem Vortrag, ob ihr Text als Spoken Word, Lyrik oder etwas dazwischen zu verstehen ist.

Urbanität spielt bei diesen Spoken-Word-Abenden eine tragende Rolle. Viele der Poeten, die an den Zusammenkünften im Bahia mitwirken, kommen aus den Ghettos von Luanda. Es spricht einiges dafür, dass die Urbanität zu den Themen gehört, die sich am deutlichsten abzeichnen. Die Worte aus Fleisch und Blut von den Dichtern mit dem Open Mike lassen dieses Luanda immer mehr als eine Festung aus Stahlbeton erscheinen. Die Poeten holen die Stadt in die Worte, um sich ihr zu widersetzen und sie dann mit unübersehbarem Idealismus wieder auferstehen zu lassen. Die banale Erfahrung des Ghettos wird durch den Kontrast mit dem Voranschreiten des Stahlbetons in der Stadt mit poetischem Leben erfüllt.

In diesem Raum, der als der “ideale Ort der Spoken-Word-Dichter” gilt, wurden nie Wettbewerbe veranstaltet. Sie sind noch in der Phase der “Suche nach sich selbst”, sie treffen sich hin und wieder und tragen frei ihre Gedichte vor. Es handelt sich nur um Zusammenkünfte von Wort-Kunst-Liebhabern. Doch bei diesen Treffen haben schon einige bewiesen, dass sie ihre Kunst beherrschen. Im Espaço Bahia reifen Poeten mit sehr ausgefeilten Spoken-Word-Gedichten heran, deren Vortrag sich auf der Höhe der Kunst bewegt.

Diese werden wir nun auf dem ersten Spoken-Word-Festival am 27. August 2013 hier im Espaço Bahia sehen. Die vom Goethe-Institut organisierte Veranstaltung wird nicht nur die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch mit afrikanischen Ländern bieten, in deren Kultur Spoken Word schon weiter entwickelt ist, sie kann auch ein bedeutender Meilenstein sein für die Entwicklung der Spoken-Word-Landschaft Luandas und ihrer talentierten Protagonisten.
Cellma Adolfo, Freelance Journalist Copyright: Goethe-Institut Angola, August 2013