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Spoken Word in Kenia: der Hunger nach dem Wort

Anne MoraaAnne Moraa
Worte sind gesprochen worden über Feuern, auf Feldern, in Trauer und in Freude überall in Kenia. Nicht nur einfache Worte in Reden und Gesprächen, sondern Gedichte und Texte voller Bedeutung und Geschichte. Unter den mehr als 40 Stämmen Kenias werden Worte verehrt und respektiert. Afrikas stark mündlich geprägte Tradition ist gut dokumentiert und bekannt, und im modernen Kenia gibt es einen wachsenden Hunger nach Poesie, die Stammesgrenzen überwindet und sowohl zu als auch für jeden einzelnen von uns spricht. Die gleichen Unterschiede, die den furchtbaren Konflikten in unserer Geschichte zugrunde liegen, haben Reichtum und Komplexität in unserer Sprache hervorgebracht.

Eine mündliche Tradition in Suaheli


Während jeder Stamm eine einzigartige mündliche Geschichte hat mit seinen eigenen Reimen und Rhythmen, hat die mündliche Tradition in Suaheli, Kenias offizieller Landessprache, uns geholfen uns zu vereinigen und eine nationale Geschichte zu entwickeln. Suaheli kombiniert arabische und Bantusprachen zu einer ausgeprägten Sprache mit einer natürlichen Lyrik, die sich für die Poesie anbietet.

Gedichte in Suaheli sind traditionellerweise komplex; sie arbeiten mit strengen Metriken und Reimschemen die durch ihre Einschränkungen den Dichter dazu anspornen, Worte vorsichtiger und kreativer zu nutzen. Die Inhalte sind oft politisch und/oder philosophisch; sie verlangen nach hoher Moral im Rahmen von wenigen Zeilen.

Es wird Poeten wie Muyaka wa Haji angerechnet, Dichtung in Suaheli ins Rampenlicht gerückt zu haben. Er und seine Zeitgenossen haben Lyrik vom traditionellen Umfeld auf eine nationale Ebene gehoben, und damit den Weg geebnet für Suaheli-Dichter wie Nuhu Bakari und Amira Said, und sogar Poeten die Englisch oder Sheng sprechen.

Ein Hunger kommt auf

In den letzten paar Jahren gab es einen enormen Zuwachs an Veranstaltungsorten für Spoken Word-Auftritte, und das Publikum ist mit ihnen gewachsen. In den Neunzigerjahren gab es nur eine Handvoll professioneller Dichter, wie Caroline Nderitu, die außerhalb des traditionellen Umfelds arbeiteten. Nur etwas mehr als ein Jahrzehnt später ist es beinahe unmöglich, an einem beliebigen Tag in Kenia keine Spoken Word-Veranstaltung zu finden.

Die Veranstaltungsorte reichen von Slam Africa und Fatuma’s Voice hin zu Einzelpersonen die Ausstellungen schaffen basierend auf ihrer Dichtung, wie zum Beispiel Ngwatilos gefeierte Ausstellung „Blue Mothertongue“ und Hybride zwischen Dichtung und Theater wie Sitawa Namwalies „Cut off My Tongue“. Dichter treten am Radio auf (Zum Beispiel Citizen Radios “Mseto), am Fernsehen, auf großen Bühnen in ganz Kenia, auf Universitätscampus-Tourneen, und sogar international. Die Blogosphäre ist voll von Dichtern, und Auftritte kenianischer Poeten sind überall im Internet zu finden. Unabhängig davon, wie viele Veranstaltungsorte geschaffen werden - die Nachfrage nach mehr ist immer da und es gibt immer mehr Leute, die bereit sind, diesen Hunger zu stillen.

Für jeden Geschmack etwas dabei

Einer der Gründe für dieses exponentielle Wachstum ist die schiere Diversität unserer Stile. Der traditionelle Dichter ist dabei nicht auf der Strecke geblieben: Grand Master Masese mit dem Obokano, einem traditionellen Musikinstrument seiner Kisii-Gemeinde in Suaheli, Englisch und seiner Muttersprache Gusii. Hip-Hop und Einflüsse der amerikanischen Slam Poetry hört man bei Checkmate Mido und Kevin “Manjoro”, dessen Beatboxing und Freestyling ihren wunderschönen Worten Textur hinzufügen. Wiederum andere Künstler, am bemerkenswertesten Kennet B, mischen Sheng, Suaheli und Englisch um eine neue Sprache und Rhythmus zu kreieren; sie sprechen über alltägliche Probleme mit denen sich viele Menschen im Land herumschlagen.

Frauenstimmen sprechen stolz über alle Stilgrenzen hinweg; sie repräsentieren Weiblichkeit, und Dichterinnen wie Namatsi und Wangari fürchten sich nicht davor, Stereotypen anzufechten. All diese Stimmen sind kompromisslos, äußern ihre Meinung offen und reden, oft zur Jugend, über komplexe Themen die von Tribalismus und ethnischer Gewalt bis hin zu Sexualität, sexueller Gesundheit, Liebe und Verliebtsein reichen.

Das Wort als Nahrung

Dichtung ist eine der wahrsten Ausdrucksformen die es gibt. Kenias Spoken Word-Poesie taucht ein in die Tiefen der Menschlichkeit, auf der Suche nach Erkenntnis, in traditionellen und nationalen Sprachen, so viele verschiedene Formen verwendend wie es Dichter gibt. Wir sehnen uns nach einem Medium das Selbstausdruck erlaubt; das sowohl zu den Massen wie auch zur individuellen Seele spricht; wir sehnen uns nach einem Lachen über eine geistreiche Rede, oder einer Träne wegen wahren Worten. Wir sind hungrig nach Worten.

Geschrieben von Anne Moraa

Anne Moraa ist in erster Linie Schriftstellerin. Als kraftvolle Spoken Word-Künstlerin hat sie mehrere Wettbewerbe gewonnen (Slam Africa, Kwani Open Mic) und ist an bedeutenden Festivals aufgetreten (Kwani Litfest, StoryMoja Hay Festival). Ihre stark feministische Perspektive und ihre Bereitschaft, Normen zu hinterfragen, haben ihr Auftragsperformances zum Thema Gender und Sexualität eingebracht, unter anderem am "Festivale CulturElles 2013" der Alliance Française. Sie hat Rechtswissenschaften studiert und schreibt fiktive Prosa, Drehbücher, Gesellschaftskritik und alles was ihr in die Hände kommt. Zurzeit studiert sie an der Universität von Edinburgh für einen Master in kreativem Schreiben.