Yaoundé

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Die Spoken Word-Szene in Kamerun: Von der Poesie zur Poetografie

Black Alice © Während vieler Jahre war Spoken Word in Kamerun wie der anekdotische “Mann mit der eisernen Maske” — gesichtslos und ohne Anerkennung spielte es die zweite Geige nach anderen Kunstformen wie Musik und Dichtung. Während Makossa und Bikutsi in den Achtzigerjahren in Kamerun um Beliebtheit kämpften, trug im Jahr 1987 der visionäre Dichter Marc Smith aus Chicago seine Gedichte live an der flippigen Get Me High Lounge vor. Mit gleichgesinnten Dichtern - Regie Gibson, Cin Salach und Patricia Smith - rief er eine Bewegung ins Leben, die laut der Chicago Tribune “Die Dichtkunst von den Buchseiten abhob, sie von der Akademie befreite, die Schiedsrichter an der Spitze von Literaturmagazinen und Verlagshäusern überflügelte, und Dichtung direkt zum Volk brachte.” Doch die Geschichte von Spoken Word beginnt nicht mit Marc Smith, denn die antiken Griechen bezogen gesprochene Worte mit in ihre olympischen Spiele ein und modernes Spoken Word, so wie wir es kennen, wurde beeinflusst von der “Harlem Renaissance” und der Bluesmusik. Trotz allem gewann Spoken Word kurze Zeit später an Beliebtheit, als Gil Scott-Heron ihr Spoken Word-Gedicht The Revolution Will Not Be Televised auf dem Album Small Talk at 125th and Lenox im Jahr 1970 veröffentlichte.

Spoken Word oder Performance-Poesie ist eine Art mündlicher lyrischer Dichtung, die aufgeführt wird mit einem Schwerpunkt auf den Worten selbst, auf der Dynamik von Ton, Gestik und Mimik.

Bis zur Ankunft von Kathy Amfray Mitte der 2000er-Jahre erfuhren die meisten Spoken Word-Künstler in Kamerun kaum Anerkennung. Kathy Amfray organisierte zusammen mit Ak Sang Grav einige Workshops und einen Wettbewerb, und damit war der Samen gesät. Ab diesem Augenblick war die Spoken Word-Szene nicht mehr dieselbe. Workshops und Wettbewerbe blühten auf, und man identifizierte Spoken Word nun unter anderem mit Künstlern wie Ayrick Akam, Boudor, Koppo, Stone, Sadrack, Lady B, Em’Kal und Eben.

La Phraz Slam, gegründet von Stone und Eben im Jahr 2007, war und ist bahnbrechend für die Entwicklung von Spoken Word. Stone gründete später Ali Bavard (eine Talentplattform für Spoken Word-Künstler) und organisierte ebenfalls Workshops.

Die Evolution von Spoken Word in Kamerun fand kaum Resonanz in den Medien. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Kunstform dem großen Publikum weiterhin unbekannt ist, trotz der Aktivitäten von Gruppen und Institutionen wie La Phraz Slam, dem Französischen Institut, KIF’s Poetry Café, Ali Bavard, Ongola Slam Café, Koubalanta (Boudorium Prod), dem Goethe-Institut, FIIAA und dem Centre Culturel Francis Bebey, wo Spoken Word-Künstler sich weiter entwickeln konnten und über die Jahre hinweg Performances in Französisch, Englisch und Pidgin (Kreolisch) gegeben haben.

Einer der prominentesten Spoken Word-Künstler ist Stone Karim, ein multidisziplinärer Künstler, der an Spoken Word- und Fotografie-Veranstaltungen in Haiti und Senegal teilgenommen hat, und 2011 Residenzkünstler am Petit Pierre in Dakar war. Er experimentiert mit Worten, Ton und Bildern, und performt auf Französisch, Englisch und Pidgin.

2005 trat er khaliland bei, einem Kunstraum, in dem er und weitere Spoken Word-Künstler/Fotografen wie Em’Kal, Penko und Sentury mit ihrer Kunst experimentieren können. Khaliland organisiert regelmäßig 180 Minutes at Khaliland, eine Mischung aus Dichtung, Klang, Fotografie, Projektionen und Multimedia, realisiert von kamerunischen und internationalen Künstlern und Kuratoren. Die südafrikanische Fotografin Erin Bosenberg ist ebenfalls am Projekt beteiligt.

In den Räumen von Khaliland werden regelmäßig Spoken Word-Veranstaltungen und Improvisationen durchgeführt. Khaliland ist die einzige Institution in Kamerun, die lokalen und internationalen Künstlern Residenzen anbietet.

Stone bezeichnet seine Kunst als Poetografie, weil er Worte benutzt, um die Bilder in seinem Kopf zu erklären und zudem Bilder verwendet, um Dinge zu beschreiben, die sich mit Worten nicht beschreiben lassen. Für ihn sind Dichtung und Fotografie nicht zu trennen und zudem stark geprägt von sozialen Themen.

Ein anderer bekannter Name in der kamerunischen Spoken Word-Szene ist Boudor, der Kamerun bei den Festivals Slamophonies und Dire en Fête vertreten hat. Sein Musiklabel Boudorium Prod. beschäftigt sich mit Produktion und Vertrieb kamerunischer Musik. Das Label hat kürzlich die Künstler Duc Z und Sahvane produziert. Zudem organisiert Boudor in Douala alle zwei Monate Koubalanta - eine Veranstaltung mit Performances und Workshops für Spoken Word, Rap etc. Mit zweieinhalb veröffentlichten Alben ist Boudors Spoken Word- und Musikstil voller sozialer und politischer Kommentare sowie Kritik am Status Quo.

Phatal, ein weiterer Spoken Word-Künstler, gründete das Ongola Slam Café am Französischen Institut in Yaoundé. Das aus Workshops und einer Open-Mic-Session bestehende Slam Café findet jeden Samstag statt. Es ist ein Kollektiv; die Workshops werden von mehreren Spoken Word-Künstlern geleitet.

Ein weiterer nennenswerter Spoken Word-Künstler ist r’N, der als Dichter anfing, sich aber nach der Publikation seines Erstlings Je t’aime en splash dem Spoken Word zuwandte, um dessen kreative Ausdrucksmöglichkeiten nutzen zu können Er gründete die Gruppe Nda Slam, bestehend aus Faithful, Dark Spirit und ihm selbst. Neben der Organisation von Workshops am Centre Culturel Francis Bebey arbeitet er an einem Spoken Word-Album.

Die anerkannte Rapperin Lady B, die als Tänzerin begann, vollzog mit der Veröffentlichung von Another Part of Me im Jahr 2010 einen deutlichen Stilwechsel, und wandte sich dem Spoken Word zu. Lady B ist an Festivals von Johannesburg bis Libreville aufgetreten. Vor kurzem war sie an einer multidisziplinären Performance am Goethe-Institut Kamerun beteiligt.

Trotz großer Fortschritte in Spoken Word-Kreisen — mit Performances in Englisch, Französisch, Pidgin und indigenen Sprachen — ist Spoken Word beim breiten Publikum weiterhin nicht sehr populär. Dies ist teilweise auf eine Kultur der Apathie zurückzuführen, die seit einer Weile vorherrscht und alle Formen der Kunst betrifft. Spoken Word hat jedoch - wie jede Kunstform - die Macht, unsere Zeit zu kommentieren und zu verändern. Deshalb wird es allmählich zu einer Kunstform, mit der man rechnen muss, insbesondere wegen der sozialkritischen Kommentierung unserer Epoche und der Mischung aus grafischen Elementen und Dichtung. Diese multidisziplinäre Bewegung namens Poetografie gibt jungen Menschen eine Stimme, eine Existenzberechtigung, und manchmal sogar ein Einkommen.

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Dzekashu MacViban

Dzekashu MacViban ist Student und freiberuflicher Schriftsteller und Redakteur. 2012 nahm er im Rahmen des Moving Africa-Programms des Goethe-Instituts am Kwani-Literaturfestival in Nairobi teil. Er ist der Autor einer Gedichtsammlung mit dem Titel “Scions of the Malcontent” und er arbeitet an einem Kurzgeschichtenband. Er ist Gründer und Herausgeber des Bakwa Magazine sowie Kolumnist für die Ann Arbor Review of Books. Seine Arbeiten wurden unter anderem in Wasafiri, Fashizblack, Palapala, und The New Black Magazine publiziert und ins Japanische und Spanische übersetzt.

Copyright: Goethe-Institut Südafrika, Juni 2013