Rainer Wochele

Der General und der Clown

Rainer Wochele
Tübingen: Kloepfer&Meyer, 2008
404 S.
978-3-940086-20-4

Bad Niedermatten, Südbaden, 2001. Hier will John Franz Geisreiter sieben Jahre nach dem Genozid in Ruanda die lärmende, zynische, destruktive Stimme der Erinnerung „still machen.“ Den sich in seinem Kopf immerzu abspielenden Horrorfilm möchte er „zu einem alten unscharfen Video“ verblassen lassen, „das man, wann immer man dies wollte, abstellen, löschen oder doch zumindest mit anderem überspielen könnte“.

Dies erhofft sich der kanadische Ex-UN-Generalleutnant, der 1994 dem grausamen Völkermorden der Hutus an den Tutsis in Ruanda, „jenem herrlichen, verfluchten Land“, tatenlos zusehen musste, von seinem Aufenthalt im Südbadischen, der Heimat seiner Vorfahren. Denn hier will er alles aufschreiben, aus seinem Kopf heraus auf das Papier bringen, und so, schreibend, sein Trauma bewältigen.

Der badische Wein, die herzhafte regionale Küche, sowie die (Liebes-)Bekanntschaft mit der lebensfrohen Lissy Brändle, passionierte Anti-Militaristin und gelegentliche Managerin des Kurhotels, in dem sich Geisreiter, das Abreisedatum bewusst offen lassend, aufhält, scheinen sich positiv auf die gequälte Psyche des einstigen Generals auszuwirken.

Doch auch hier in Süddeutschland verfolgt ihn Ruanda. Die Schwarzwaldberge erinnern an die Milles Collines, Baumstämme an übereinandergestapelte Leichen, Lichtreflexe in einem Bach an niedersausende Macheten. Diese fortwährenden Assoziationen und nicht zuletzt die - zufällige oder schicksalshafte - Begegnung mit einem der Hutu-Mörder, dessen Hände ihm im Hotel nun den Rücken massieren, erinnern daran, dass Afrika nicht so weit ist: „Afrika beginnt im Schwarzwald“.

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