Township Blues

Inhalt

Lutz van Dijk:
Township Blues
München: C.-Bertelsmann-Jugendbuch, 2000
149 S.
ISBN 3-570-14599-9
Taschbuchausgabe: C.-Bertelsmann-Taschenbuch, 2003
Englische Übersetzung: Stronger than the storm
(Maskew Miller Longman, 2000)


Die 14 jährige Thinasonke, genannt Thina, lebt im südafrikanischen Township Guguletu in der Nähe von Kapstadt. Auf dem Nachhauseweg von einer Theaterprobe an der Schule wird Thina eines Abends von drei Jugendlichen überfallen und vergewaltigt. Als sich herausstellt, dass sie nicht schwanger ist, kehrt sie in die Schule zurück, ohne dass allerdings jemand ahnt, was ihr widerfahren ist. Sie vertraut sich ihrer Theaterlehrerin Miss Delphine an, die ihr rät, einen HIV-Test machen zu lassen.

Auf einem Ausflug der Theatergruppe nach Kapstadt entdeckt Thina zufällig ihren lang vermissten Freund Thabang, der nach dem AIDS-Tod seiner Mutter von den Nachbarn verjagt wurde und als Straßenkind sein Leben gefristet hatte. Sie überredet ihn zur Rückkehr nach Guguletu, wo ihn Thinas Mutter aufnimmt. Als Thina kurz danach erfährt, dass sie mit HIV infiziert ist und Thabang davon erzählt, schwört er, sich an den verantwortlichen Gangmitgliedern zu rächen. Es gelingt ihm, die drei in eine Höhle zu locken, wo es zu einer blutigen Auseinandersetzung kommt. Entsetzt flieht Thabang. Zusammen mit Thina und ihrem älteren Bruder Mangaliso kehrt er zurück. Dieser veranlasst ein Gespräch mit den Jungen. Einer gibt zu, dass er von seiner HIV-Infektion wusste, als er Thina vergewaltigte. Sie bitten Thina um Vergebung und im Geist der Ubuntu-Tradition nimmt Thina diese an. Sie hat das Gefühl, dass zumindest ein Teil ihrer Würde wieder hergestellt ist. Nun kann sie auch Thabang ihre Liebe gestehen. Als sie schließlich in der Familie und in der Schule ihren HIV-Status bekannt macht, erfährt sie von allen außer von der Mutter Zuspruch und Unterstützung.

Carlotta von Maltzan, 2009

    Kommentar

    Lutz van Dijk: Township Blues

    Lutz van Dijk problemorientierter Jugendroman "Township Blues" schildert eine für Südafrika realistische Geschichte von Vergewaltigung und HIV / AIDS. Erzählt wird, welche Schritte zur Überwindung der psychischen und physischen Schäden und des Traumas der Vergewaltigung führen, so dass es Thinasonke schließlich gelingt, ihrem Leben trotz ihrer HIV-Infektion eine positive Bedeutung zuzumessen. Gleich zu Anfang des Romans heißt es deshalb: "Wir haben alles durchgestanden. Und nichts war umsonst". Dem Roman liegt die Überzeugung zugrunde, dass tiefgehende Konflikte, Risse in der Gesellschaft, Unterdrückung und Gewalt überwunden werden können durch Wahrheit und Versöhnung, zentrale Konzepte der Anhörungen der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die zwischen 1996 und 1998 tagte. Das Erzählen der eigenen Geschichte, so eine weitere Prämisse des Romans, Zeugnis abzulegen über die erfahrene Gewalt, das Schweigen zu durchbrechen, kann zu einer Bewusstseinsveränderung führen, die das weitere Verhalten und die Lebenseinstellung sowohl der Täter als auch der Opfer und in Erweiterung auch die Eindrücke, Wahrnehmungen und das Verhalten junger Leser grundlegend beeinflussen.

    Thinas Geschichte ist ein Lernprozess, ihr eigener, der ihr nahe Stehenden und auch des Lesers im Sinne der Auseinandersetzung mit Tatsachen und missverständlichen Vorstellungen über die AIDS-Krankheit. Dargestellt werden Vorurteile, Zurückweisungen, Ängste und Mythen, die über diese Krankheit in der Familie, unter Freunden, innerhalb der Schule und der größeren Gemeinschaft im Township zirkulieren. Eingebettet in die Geschichte von Thina sind die Geschichten ihrer Mutter, ihres älteren Bruders Mangaliso, ihres Freundes Thabang, wie diejenigen ihrer Schulfreunde, ihrer Lehrer und sogar ihrer Vergewaltiger. Dadurch wird ein Familien- und Gemeinschaftshintergrund geschaffen, der die sozialen Bedingungen der Jugendlichen in dem Township verdeutlicht, d.h. derjenigen, die trotz der umfangreichen AIDS Aufklärung besonders gefährdet sind: "AIDS können zwar alle bekommen, mehr als die Hälfte aller Neuinfizierten sind aber faktisch Leute in unserem Alter! Und in unseren Gemeinschaften ist es immer noch ein viel größeres Tabu als unter den Weißen, darüber überhaupt zu sprechen". Die Stigmatisierung, die nicht nur mit HIV/AIDS, sondern auch mit einer Vergewaltigung einhergeht, wird in der abweisenden Reaktion der Mutter Thinas eindringlich dargestellt.

    "Township Blues" ist eine Geschichte der Empathie mit Menschen, die gezwungen sind, mit HIV und AIDS zu leben. Sie zeigt, wie Gefühle und Haltungen als Resultat eines gewalttätigen Akts wie dem der Vergewaltigung überwunden und schließlich sogar positiv umgesetzt werden können. Hier erreicht der Roman seine Grenzen, denn die emotionalen und physischen Folgen der traumatischen Erfahrung einer Vergewaltigung werden nur kursorisch behandelt. Stattdessen rückt die Auseinandersetzung mit dem Thema HIV-Infektion in den Mittelpunkt. Der Roman gerät in Gefahr, jungen (weiblichen) Lesern eine problematische Botschaft zu vermitteln, denn die Heilung Thinas findet im Beisein von Thabang und Mangaliso in der Konfrontation mit ihren Vergewaltigern in dem Kapitel "Ubuntu/Wie ein Mensch" statt. Mangaliso erklärt ihr die Tradition von Ubuntu: "Wir können nur Menschen werden, wenn wir das Menschliche im andern so lange suchen, bis wir es finden." Er zitiert das Xhosa-Sprichwort, das dieser Tradition zugrunde liegt: "Umntu ngumntu ngabantu – ich bin, was ich bin, durch dich." Indem Thina scheinbar problemlos den Tätern vergibt (hier ist deutlich der Bezug zur TRC vorhanden) und sich dem Geist der Ubuntu-Tradition anvertraut, akzeptiert sie ihr traumatisches Erlebnis und ihre Krankheit. Schwer nachvollziehbar. So stellt sich die Lösung des Konflikts als das sprichwörtliche 'happy end' dar.

    Für Jugendliche und junge Erwachsene besonders in Südafrika ist "Township Blues" hochaktuell. Der Roman, der in Südafrika in der englischen Übersetzung an vielen Schulen Pflichtlektüre ist, erlaubt Jugendlichen, sich über Probleme, die sie oft direkt betreffen, ungezwungen zu äußern, weil sie sich dem Thema der Vergewaltigung und HIV / AIDS über das Schicksal fiktiver Figuren annähern können, ohne dabei direkt über sich selbst sprechen zu müssen.
    Carlotta von Maltzan, 2009

    Links

    Verlagsgruppe Random House: Township Blues   deutsch

    Infos zum Buch, mit Pressezitaten und Links

    Lutz van Dijk – offizielle Webseite des Autors   deutschenglish

    Homepage des Autors mit Biografie, Leseproben, Veranstaltungen, Presseartikeln und vielem mehr

    Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen   deutsch

    Textauszug aus der Begründung der Jury zur Verleihung des Gustav-Heinemann-Friedenspreises an Township Blues