Über tausend Hügel wandere ich mit dir

Inhalt

Hanna Jansen:
Über tausend Hügel wandere ich mit dir:
eine erschütternde Kindheit in Afrika
Stuttgart: Thienemann, 2002
365 S.
ISBN 978-3-522-17476-3
Taschenbuchausgabe: Knaur, 2003
Englische Übersetzung:
I will walk with you over a thousand hills
(Andersen Press, 2007)
Französische Übersetzung:
J'irai avec toi par mille collines
(Hachette livre, 2004)

Diese Geschichte ist wahr. Sie basiert auf den Erinnerungen der Jeanne d'Arc Umubyeyi, die als einziges Mitglied ihrer Familie dem Völkermord von 1994 in Ruanda entkam und nun als Adoptivtochter von Hanna Jansen in Deutschland lebt. Das Buch, in dem die Autorin die Geschichte Jeannes aufgeschrieben hat, ist das Resultat langer Gespräche, in denen Jeanne versuchte, das schreckliche Erleben zu überwinden.

Jeanne wächst mit ihrem Bruder Jando und ihrer Schwester Teja sorglos in einer Lehrerfamilie in Ruanda, dem Land der tausend Hügel, auf. Als das Morden beginnt, für die Kinder plötzlich und unvermittelt, ist sie acht Jahre alt. Fanatisierte Hutus rufen zu einem Vernichtungskrieg gegen Tutsi auf. Auch Jeannes Familie, die zu den Tutsi zählt, flieht in eine Turnhalle, ist aber dort nicht sicher vor dem Morden, an dem auch die eigenen Nachbarn beteiligt sind. Hutus dringen ein, und Jeanne muss erleben, dass ihre Mutter brutal erschlagen wird. Ihre Schwester verbrennt mit vielen anderen, die in ein Haus gepfercht wurden. Zusammen mit Vater und Bruder versteckt sie sich über Nacht in einem Bananenfeld. Der Vater geht los, um den Bürgermeister um Hilfe zu bitten. Er kehrt nie wieder zurück. Jeanne muss zusehen, wie Hutu-Mörder ihren Bruder mit Macheten zerhacken. Sie selbst überlebt nur, weil eine Hutu-Nachbarin, die mit einem Tutsi verheiratet war, sie als ihre eigene Tochter ausgibt und zum Hof ihrer Eltern mitnimmt.

Als Tutsi-Rebellen das Morden beenden, wird Jeanne von den Militärs aufgenommen. Sie versucht, Überlebende ihrer Familie zu finden. Zusammen mit einer Freundin fliegt sie schließlich nach Deutschland.

Ingrid Laurien, 2008

    Kommentar

    Hanna Jansen:
    Über tausend Hügel wandere ich mit dir:
    eine erschütternde Kindheit in Afrika

    Völkermord als Thema eines Jugendbuchs? Angesichts der Grausamkeit der Ereignisse, um die es in "Über tausend Hügel wandere ich mit Dir" geht, fragt man sich, wie viel reale Gewalt man jungen Menschen – der Verlag empfiehlt das Buch ab 13 – zumuten kann? Jugendliche sind ja oft durch Videospiele und Websites an mehr Gewalt gewöhnt, als Eltern und Lehrern lieb sein kann - aber die Erfahrung mit diesem Buch ist anders. Hier gibt es keinen schnellen Mausklick, der den Gegner ausschaltet, und auch keine Action, die den entsprechenden Kitzel, aber keine Identifikation ermöglicht.

    "Über tausend Hügel wandere ich mit Dir" erzählt die Geschichte eines Überlebens aus der Perspektive eines Kindes. Die Autorin Hanna Jansen wählte für die Veröffentlichung ihres Buches einen Jugendbuchverlag, obwohl sie es nicht unbedingt nur als Jugendbuch verstanden wissen will. Aber sie will erreichen, dass sich vor allem junge Menschen "ihre Augen vor den permanenten Verletzungen von Menschenrechten nicht verschließen und bereit sind, sich für eine Welt ohne kriegerische Gewalt einzusetzen."

    Es gelingt Hanna Jansen, den Alltag der ruandischen Familie vor dem Genozid ohne jeden exotischen Reiz zu beschreiben. Junge Leser können sich mit dem Mädchen identifizieren, dessen alltägliche Gedanken und Gefühle wie ihre eigenen sind. So bricht der Horror umso brutaler in eine friedliche, behütete Welt ein. Was geschieht, passiert nicht in einem unzivilisierten, fremden Afrika, in dem "Stämme" archaische Fehden blutig austragen, sondern kann immer und überall immer wieder geschehen. Es gibt nicht die Möglichkeit, sich hinter der Schutzbehauptung zu distanzieren, "hier" könne "so etwas" nicht passieren.

    Wut und Betroffenheit werden aufgefangen in der indirekten Dialogstruktur des Buches. Auch wenn die Autorin die schrecklichen Geschehnisse romanhaft erzählt und also fiktional ausmalt, was sie von Jeanne erfahren oder anderweitig recherchiert hat, werden die Leser mit den schrecklichen Geschehnissen nicht allein gelassen. Einschübe, in denen Jeanne von der Adoptivmutter direkt angesprochen wird, stellen den Bezug zum gegenwärtigen Leben des ruandischen Mädchens in ihrer deutschen Familie her. So wird immer wieder deutlich, dass Jeanne all dies überlebt hat und heute das normale Leben einer Jugendlichen in Deutschland führt, dass sie eine neue Familie gefunden hat, in der sie geliebt und akzeptiert wird. Wie Jeanne werden auf diese Weise auch die Leser behutsam an die Hand genommen und erfahren, dass Grausamkeit und Brutalität auch in dieser extremen Geschichte nicht das letzte Wort hatten. Das Buch konfrontiert nicht nur schonungslos mit den Verbrechen des Völkermords von Ruanda, es verfolgt auch die Erinnerungs- und Trauerarbeit von Jeanne, die ihr hilft, sich von dem Vergangenen zu lösen und sich einem neuen Leben zuzuwenden. Gleichzeitig gibt es den Opfern des Völkermords, Jeannes Eltern und Geschwistern, Namen und Würde zurück, stellvertretend für Millionen anderer Toter, und stellvertretend für das Schicksal so vieler missbrauchter Kinder, die in den Konflikten der Erwachsenen, denen sie ungeschützt ausgesetzt sind, die ersten Opfer sind.

    In Deutschland ist die Frage nach der Konfrontation von Jugendlichen mit historischer Gewalt nicht neu. Das "Tagebuch der Anne Frank" beispielsweise gehört zur Schullektüre, obwohl – oder gerade weil – es ohne Informationen über den millionenfachen industriell betriebenen Massenmord in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten nicht zu verstehen ist. Die Notwendigkeit eines Gespräches zwischen den Generationen über den Völkermord der Nationalsozialisten ist ein fester Bestandteil des deutschen moralisch-politischen Selbstverständnisses. Aber Mord und Barbarei können überall ihr hässliches Gesicht zeigen, wenn es keine Wachsamkeit dagegen gibt. Man kann die dialogische Struktur von "Über tausend Hügel wandere ich mit dir" auch als eine Einladung an die Leser dieses Buches verstehen, das Buch gemeinsam zu lesen und den Leseprozess zu einem Dialog zwischen Jugendlichen und Erwachsenen werden zu lassen.

    Die grundsätzliche Frage, die hinter dem Horror steht, von dem dieses Buch berichtet, wird dennoch nicht beantwortet werden können: Warum tun sich Menschen so etwas an?

    Ingrid Laurien, 2008

    Links

    Institut für Friedenspädagogik, Tübingen   deutsch

    Rezension von Ria Proske

    litterula.de   deutsch

    kurze Rezension von Ulrike Schmoller