Renate Ahrens

    Renate Ahrens: Zeit der Wahrheit

    Rezension

    Die Erzählung zeigt auf sensible Weise Mitgefühl für die Menschen, die unter dem Apartheidsystem viel Leid ertragen mussten. Dies wird vor allem in den Darstellungen der Arbeit der Versöhnungs- und Wahrheitskommission deutlich. Die eigentliche Geschichte jedoch, die Suche nach der Wahrheit der eigenen Familie und die Liebesgeschichte zu dem südafrikanischen Pressefotografen Jonathan treten anfangs deutlich hinter den Darstellungen der Versöhnungs- und Wahrheitskommission zurück. Die Wiedergabe der Anhörungen an der University of the Western Cape unter der Leitung von Bischof Desmond Tutu gewinnt durch den einfühlsamen Umgang mit den Schilderungen der grausamen Erfahrungen der Opfer. Dies wird dadurch erreicht, dass das Unaussprechliche nur andeutungsweise zur Sprache kommt und dem Leser nahe gebracht wird. Auf diese Weise gewinnt der Leser Anerkennung für den Mut der Menschen zur Offenbarung, vor allem aber Respekt vor den Opfern des Apartheidsystems. Durch diese Akzentsetzung verliert die eigentliche Geschichte an Spannung, da das Authentische, das in ausgezeichneter Weise geeignet wäre, dem Leser einen Einblick in die schwierige Zeit des politischen Umbruchs in Südafrika zu vermitteln, abhanden kommt. Man hat den Eindruck, die Autorin mag sich nicht entscheiden, ob sie einen anspruchsvollen, kritischen Roman schreiben oder lediglich eine triviale Liebesgeschichte erzählen will, für die die schwierige Aufgabe der Versöhnungs– und Wahrheitskommission lediglich eine Kulisse ist.

    Auch wenn die Gegensätze, die die Journalistin Pia in ihren "Afrika-Erfahrungen" erlebt, nicht größer sein könnten, so gelingt es Ahrens dennoch, dem Leser einen Einblick in zwei unterschiedliche Weltsichten zu vermitteln. Es ist sicher kein Zufall, dass Pia von ihrer Zeitung in Newlands, einem Villenvorort von Kapstadt, im Vineyard Hotel, am Fuße des Tafelberges untergebracht wird. Die Schilderungen dieser Fremderfahrung zeigen die Genauigkeit und Gründlichkeit, mit der Ahrens während ihres Südafrikaaufenthaltes auf die vorgefundenen Kontraste geachtet hat. Jeder Besucher des Hotels wird die geschilderten Detailbeschreibungen wieder erkennen, seien es die freilaufenden Perlhühner im Hotelgarten, die Zitronenbäume, der blühende rote Hibiskus oder das Plätschern des Springbrunnens.

    Problematisch ist jedoch, dass die Protagonistin während ihres Südafrikaaufenthaltes diese künstlich erhaltene Harmonie für ihren Lebensbereich bevorzugt, sie den Kontakt in die Townships nur aus der Perspektive der wohlhabenden Europäerin erlebt, die immer auf Distanz bleibt zur Armut und Not der Menschen und abends in die wohl behütete Welt des Luxus zurückkehrt. Zwar empfindet Pia eine gewisse Verachtung für deutsche Touristen und spricht deren schlechte Manieren an, bleibt aber ihrer europäischen Lebensweise treu. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten der Menschen während des Systemwechsels findet nicht statt. Zwar wird zu Anfang eindrucksvoll von den Anhörungen erzählt, im Verlauf der Geschichte und zum Ende bleiben aber die schwierigen Ergebnisse und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Arbeit der Versöhnungs- und Wahrheitskommission unberücksichtigt. Das schließliche Happy End hat mit den aufgezeigten Kontrasten ebenso wenig gemein, wie mit den Konflikten während des politischen Umbruchs, die der Erzählung schließlich nur den notwenigen Rahmen liefern.

    Ahrens schreibt trotz mancher problematischer Passage einen ansprechenden und lesenswerten Unterhaltungsroman, der zwar keine kritische Auseinandersetzung mit den Problemen Südafrikas während des politischen Umbruchs darstellt, punktuell jedoch dem Leser Einblicke in den friedlichen Systemwechsel Südafrikas ermöglicht.

    Carlotta von Maltzan / Roland Schmiedel, 2008