Doris Byer

    Inhalt

    In einer marokkanischen Wüstenoase trifft die Wiener Anthropologin den französischen Fotografen Abdoulaye Sima, und die beiden entwickeln ein gemeinsames Projekt, das sie während dreier Reisen nach Mali und in den Senegal verwirklichen. Abdoulaye sucht nach seinen Wurzeln; die Autorin ist von einem eher ethnologischen Interesse getrieben: sie will wissen, wie der gemeinsame und doch geteilte Raum fuktioniert, die gegensätzlichen und doch eng auf einander bezogenen Welten, in und zwischen denen die Mitglieder dieser alten aristokratischen malischen Familie seit Generationen leben: Afrika und Europa. 

    Distanz und Nähe ist das Grundthema dieses ungewöhnlichen ethnologischen Berichts, der die Grenzen herkömmlicher Wissenschaftlichkeit immer wieder bewusst überschreitet. Die Autorin ist mal die distanzierte „Frau aus Wien“, mal sieht sie sich selbst agieren als „Doris“, mal schreibt sie identifikatorisch aus der Ich-Perpektive. 

    Landschaftsschilderungen wechseln mit Reflexionen über die eigene Befindlichkeit und mit Passagen, die die Geschichte der Regionen Malis von mythischen Anfängen über die Kolonialzeit bis in den modernen Staat verfolgen. Im Zentrum aber stehen Porträts von Menschen, den zahlreichen Verwandten Abdoulayes. Aus deren Erzählungen versucht Doris Byer, die Genealogie der Sima zu rekonstruieren. Aber es liegt nicht nur an den lückenhaften Informationen, die sie bekommt, dass diese Genealogie zerrissen bleibt. 

    Die Region, durch die beide reisen, verharrt in einer geschichtslosen Verlorenheit zwischen den Zerstörungen der Kolonialzeit und einer Zukunft ohne Perspektive. Begleitet wird Doris Byers nachdenklicher und bisweilen verstörender Text von Schwarzweißfotos von Abdoulaye Sima. Sie fangen diese Verlorenheit in poetischen Motiven ein, die stolze, aber skeptische Menschen, karge weite Landschaften, traditionelle Architektur und einfache Dinge des alltäglichen Lebens zeigen. 

    Ein kluges, lesenswertes Buch, dessen Bedeutung weit über Mali hinausgeht. Es handelt letztlich von unserer asymmetrischen Weltordnung und den Zerstörungen, mit denen die Menschen zurechtkommen müssen.