Doris Byer

    Kommentar

    Zwei symbolträchtige Bilder stehen für den hoffnungsvollen Anfang und das resignative Ende der Reisen nach Mali und dem Senegal: In Dijon, Frankreich, trifft sich Abdoulayes Familie zum Mittagessen, das malisch am Boden eingenommen wird, aber in europäischer Kleidung. Abends essen sie am Tisch, sind aber malisch gekleidet - Inbegriff der „geglückten transkulturellen Konvergenz“, nach der die „Frau aus Wien“ sucht? Und am Ende dreht sich in Dakar der alte Onkel Sourakhé, der Doyen der Familie, der letzte, der doch „alles“ über sie wissen müsste, in seinem Bett zur Wand. Er ist an nichts mehr interessiert.

    Dazwischen entfaltet sich das Panorama dieser ungewöhnlichen Reise. Sie beginnt in Dijon, in der cité militaire, wo Mamadou Sima, Abdoulayes Vater, ein ehemaliger Soldat, mit seiner Familie lebt. Mitreisen will er nicht, er ist skeptisch, und auch Abdoulaye selbst, generell ein loyaler Reisegefährte, scheint nicht immer überzeugt von Doris' ethnologischer Hartnäckigkeit. Schon zu Beginn, in Bamako, zögert er, die „Frau aus Wien“ seiner Tante Moussokoro vorzustellen, und er wird immer wieder versuchen, Verwandte von ihr fernzuhalten. Abdoulaye hat selbst keine Stimme im Buch, er ist mal das vertraute „du“, mal das distanzierte „er“ - dabei wüsste man doch gern, wie er, dem sich Fremdheit und Zugehörigkeit in Mali auf ganz andere Weise stellen, das „gemeinsame Projekt“ erlebt. In Bamako jedenfalls geht es noch einmal gut: die Tante, die lange in Prag lebte, wird die erste und einzige malische Vertraute von Doris. „Innige Vertrautheit und unüberwindliche Distanz: Vielleicht war es diese im Verlauf der Reise allgegenwärtige Antinomie, die Doris immer wieder in den Bann dieses unmöglichen Unternehmens ziehen würde.“ Zunächst geht die Reise östlich nach Segu und

    nach Markala, einen Ort, der, wie später noch so viele, die die Reisenden besuchen werden, von den Zerstörungen der Kolonialzeit geprägt ist. Die Franzosen bauten hier einen Staudamm für einen Baumwollanbau im großen Stil. Am Ende waren hunderte Dörfer überflutet und tausende Menschen zwangsweise umgesiedelt, die gesellschaftliche Ordnungsstruktur war ebenso zerstört wie das ökologische Gleichgewicht. Nach der Unabhängigkeit wurde die Baumwollindustrie privatisiert, jetzt soll Zuckerrohr angebaut werden. Aber die Menschen wandern ab. Westlich von Bamako, bei Kita, wo die Umgebung grüner und fruchtbarer ist, ist es nicht anders. Unter großen Verlusten unter der Bevölkerung wurde hier eine Eisenbahnlinie gebaut, als Nachschublinie der französischen Truppen bei der Eroberung des Sudan. Heute ist die gesamte Region überzogen von Gräbern und anderen Erinnerungen an Kolonialkriege, Religionskriege und Handelskriege. In Großvater Ladji Simas Haus in Kayes leben noch seine drei unverheirateten Schwestern. Doris konstatiert mühsam verborgene Ablehnung. Der nächste Ort, Ambidedi, war das Kernland der königlichen Familie Sima, noch heute ein Sehnsuchtsort für die französischen Sima. Einst wurde die über 700 Jahre alte Siedlung von den Sima beherrscht; die Felder, auf denen Baumwolle und Hirse angebaut wurde, gehörten ihnen. Die Franzosen hatten das Land enteignet und Plantagen errichtet, die seit dem Ende der Kolonialzeit verfielen. Aus den Plantagenarbeitern wurden später Soldaten, danach Arbeiter in Frankreich. Heute leben die wenigen Zurückgebliebenen vom Geld der Auswanderer. Man spricht nicht gern über die Niederlagen der Vergangenheit und die Erniedrigungen der Gegenwart, und schon gar nicht gegenüber einer tubab, einer Weißen. Aus Gesprächen, die sich dann doch noch ergeben, wird deutlich: Alle außer den Alten wollen nur weg. Auch im benachbarten Bakel ist es nicht anders. Das alte Handelszentrum wurde in der Kolonialzeit ein französisches Fort, dann kam der Boom des gummi arabicum mit Landenteignungen. Zwangsarbeit, Kopfsteuern, Zwangsrekrutierungen und das Verbot von Zolleinnahmen führte zur Desintegration der traditionellen Sozialstruktur, später zu Rebellion und zur totalen Zerstörung. Das Gehöft der Sima ist heute an Fremde vermietet. Von Imam El Hadj Samba Dramé hofft Doris, etwas über den Urgroßvater der Familie zu erfahren. Als Abdoulaye sich weigert, das Treffen zu vermitteln, kommt es zum Streit. Schließlich setzt Doris sich durch, aber der Besuch verläuft in angespannter Atmosphäre. Der Imam hält eine längere anklagende Rede und erklärt dann das Treffen für beendet. „Es ist ohnehin alles falsch, was ihr über uns schreibt.“ Auch der bisher aufgeschlossene Cousin E. wird unwirsch, als Doris ihm seine geplante Auswanderung nach Frankreich ausreden will: „Was weißt du denn schon. Wo ihr doch überall hinfahren, überall Geld verdienen und den Einheimischen die Arbeit und das Land wegnehmen könnt! Ist nicht Bewegungsfreiheit eines eurer Menschenrechte?“ Es ist, als ob die Geduld aller Beteiligten am Ende erschöpft sei; die Distanz könnte größer nicht sein. Auf der Fahrt nach Dakar wird Doris krank, und Abdoulaye fährt allein weiter. Unter solchen Umständen bleibt Doris Byers Ziel, die Genealogie der Familie Sima und die Wanderungsbewegungen ihrer Mitglieder zwischen dem Sahel und Fankreich zu rekonstruieren, unerreicht, aber die enge Verzahnung mit Frankreich seit der Kolonialzeit bis heute wird doch deutlich. Für die jungen Männer ist die Arbeitsmigration nicht erst seit heute eine existenzielle Frage. Und was ist mit der jüngsten Cousine in Dakar, von der Abdoulaye später erzählt: Sehr schön, aber tiefverschleiert und immer zu Hause? Das hatte kaum mit „vergangenen Zeiten“ oder Traditionen zu tun, überlegt Doris Byer, und noch weniger mit dem Islam. „Sondern mit einer brüchigen Gegenwart, die diesen Frauen und ihren Männern kaum eine Perspektive bot außer Flucht, Flucht auf einen anderen Kontinent, Flucht in die totale Unterwerfung oder totale Herrschaft, Flucht in eine totale Gruppenideologie.“ 

    Das Fazit der ungewöhnlichen Reise? Die Autorin überlässt alle Schlüsse dem Leser, aber sie sind auch ohne explizite Erklärung klar genug.