Christian Kracht

    Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

    Rezension

    Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ist ein postmoderner Roman, der aus seinen zahllosen Anleihen bei den unterschiedlichsten literarischen Genres und Einzelwerken kein Hehl macht: Orwells 1984 und Science Fiction, Dekadenzliteratur und ästhetizistische Kriegsberichterstattung à la Ernst Jünger, parahistorischer Roman nach Philip K. Dick und sozialistischer Diskurs gehen eine Synthese ein und werden im neuen cut’n’mix gleichzeitig verfremdet. Wie die Popliteratur (als dessen prominentester Vertreter Kracht lange galt) über semantisch aufgeladene Markennamen kulturelle Zuordnungen vornahm, werden in dem Roman zeitgenössische Diskurse und literarische Genres über stilistische oder motivische Schlüsselelemente anzitiert und wie Label ins Spiel gebracht. Besonders augenfällig erscheint dabei der Rekurs auf den (literarischen) Postkolonialismus, den Kracht in einem intertextuellen Spiel der Nachahmung vorführt und dekonstruiert.

    Die Handlung des Romans kommt ganz im Gewand eines rewritings von Joseph Conrads Heart of Darkness daher: Wie Marlow auf der Suche nach dem ominösen Kurtz immer weiter in die 'dunklen' Gebiete Afrikas und der eigenen Psyche vorstößt, gerät Krachts auf den Schweizer Sozialismus eingeschworener, schwarzer Parteikommissär ins 'Herz der Finsternis' Europas, wo er – wie Marlow im innersten Afrika – dem Einfluss eines ideologischen Fanatikers erliegt. Unter Drogeneinfluss führt ihn der charismatische Brazhinsky in seine nonverbale 'Rauchsprache' und das anarchische Treiben im Inneren des Réduits ein: Der zerlöcherte Fels spiegelt dabei die dekadente Verfassung der westlichen Gesellschaft wider; das 'Herz' Europas stellt sich dem Ich-Erzähler als ebenso archaisch dar wie Conrads 'Tiefen des Kongo'. Obwohl der Erzähler im Schlussteil des Romans Europa Richtung Afrika verlässt, um sein 'Volk' als 'schwarzer Erlöser' aus der Knechtschaft zu führen, bleibt er seinen afrikanischen Brüder und Schwestern fremd. Seine Augen haben sich während des Aufenthalts im Réduit blau eingefärbt – Zeichen des „neue[n] Menschengeschlecht[s]“, dem die verschiedenen Parteien des Romans, von der Sozialistischen Schweizer Republik bis zum afrikanischen Heiler, gemeinsam entgegenfiebern.

    Mit dieser Allegorie der 'Verwestlichung' postkolonialer (Star-)Intellektueller, deren internationaler Erfolg durch eine Internalisierung westlicher Denkweisen und die Entfremdung von den Herkunftskulturen erkauft ist, knüpft Ich werde hier sein... zwar inhaltlich an Debatten der postcolonial studies an. Die Beschreibung der Rückkehr des Erzählers nach Afrika bleibt dennoch ärgerlich in ihrem Rückgriff auf altbekannte koloniale Klischees. So ist die Heimkehr des der Volkgruppe der Chiwa angehörigen Erzählers in kitschig-exotistische Bilder getaucht und geht mit der Regression des Schwarzen zum triebgesteuerten 'Naturmenschen' einher: „Ich warf meine Bastschuhe über Bord“, lässt uns der Erzähler wissen, „Der Frachter trug mich über das Mittelmeer hin ... zur Liebe hin ... Ein Delphinschwarm begleitete unser Schiff. Vögel waren dort, Bambo, Vögel ...“. Selbst wenn der Text hier witzig sein will – die ironische Note geht im allgemeinen Überangebot intertextuell-parodistischer Ankläge des Romans letztlich unter.

    Auch stilistische Charakteristika, die sich Kracht beim literarischen Postkolonialismus abgeschaut hat, haben im Roman des Schweizer Autors ihre kritische Funktion verloren. Das gilt für die vielen eingestreuten Begriffe aus der Chichewa-Sprache, die in Krachts Text nicht mehr als Verweise auf die unerreichbare Fremdheit marginalisierter Kulturen, sondern nur noch als exotische 'Würzmittel' des Textes zum Einsatz kommen, ebenso wie für das Titelcover des Romans, das eine Afrika-Karte aus der deutschen Kolonialzeit zeigt. Der Roman knüpft darüber formal an aktuelle Publikationen des neuen deutschen Afrikadiskurses wie Christof Hamanns Usambara (2007) an, ohne aber wie diese 'postkolonialen' Texte einen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten zu wollen. Umso zynischer erscheint damit Krachts Vorführung postkolonialer Literatur: Indem die ästhetische Aufmachung seinen Roman auf den ersten Blick als ein Werk dieses politischen Emanzipationsdiskurses kennzeichnet, schwimmt er auf der Erfolgswelle eben jener literarischen Strömung mit, die er durch seine Requisiten-gleich eingesetzten Erzählelemente gleichzeitig belustigt demontiert.
    Jana Domdey, 2012