Christian Kracht

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Christian Kracht
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008
160 S.
ISBN 978-3462040418
In seinem 2008 erschienenen Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten schreibt der Schweizer Autor Christian Kracht die Weltgeschichte neu: Lenin kam nicht bis Petersburg, sondern führte seine Revolution im Schweizer Exil durch. Die so entstandene Sozialistische Schweizer Republik (SSR) befindet sich zum Zeitpunkt des Erzählens seit fast hundert Jahren im Krieg gegen eine deutsch-englische faschistische Koalition und deckt ihren Bedarf an neuen Kämpfern durch schwarze Rekruten aus seiner ostafrikanischen Kolonie. Schweizerisch-Ostafrika erhält im Gegenzug reiche finanzielle Unterstützung und hat sich zu einer fortschrittlichen Region mit modernen Städten entwickelt – Tropenkrankheiten, Armut und Hunger gelten als besiegt.

Aus dem Schweizerisch kolonisierten Nyasaland (Malawi) stammt auch der namenlose Ich-Erzähler des Romans, der bis zum politischen Führungsoffizier der SSR aufgestiegen ist. Angesetzt auf einen Abweichler in den eigenen Reihen, folgt er dem ominösen Oberst Brazhinsky von Neu-Bern bis ins Schweizer Réduit, das in den endlosen Kriegsjahren zu einer gigantischen Alpenfestung ausgebaut wurde. Doch in dem vermeintlichen Führungszentrum der sozialistischen Schweiz greifen Wahnsinn und Anarchie um sich, und die im Stil des sozialistischen Realismus gehaltenen Wandbilder des Réduits scheinen dem Ich-Erzähler immer mehr den Höhlenmalereien seiner afrikanischen Heimat zu gleichen, je weiter er in den Berg vordringt – der zivilisatorische Fortschritt des europäischen 'Mutterlandes' erweist sich als ideologische Luftblase. Von seinen Unterlegenheitsgefühlen befreit, kehrt der schwarze Erzähler daraufhin nach Ostafrika zurück und führt sein Volk aus den kolonialen Trabantenstädten zurück in die Dörfer

    Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

    Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ist ein postmoderner Roman, der aus seinen zahllosen Anleihen bei den unterschiedlichsten literarischen Genres und Einzelwerken kein Hehl macht: Orwells 1984 und Science Fiction, Dekadenzliteratur und ästhetizistische Kriegsberichterstattung à la Ernst Jünger, parahistorischer Roman nach Philip K. Dick und sozialistischer Diskurs gehen eine Synthese ein und werden im neuen cut’n’mix gleichzeitig verfremdet.Mehr ...