Raoul Schrott

Khamsin

Raoul Schrott
Erzählung und Essay
Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 2002
63 S.
978-3-10-073540-9

In seinem kleinen Band Khamsin aus dem Jahr 2002, bestehend aus einer Erzählung und einem Essay, führt uns Raoul Schrott einmal mehr in den unzugänglichsten und unwirtlichsten Lebensraum der Erde – die Wüste: jenen Ort mythischer Zuschreibungen, der aufgrund seiner Weite und Fremdheit die Phantasien der Menschen seit jeher beflügelt hat.

Kreiste bereits Schrotts 2000 erschienene Novelle um die asiatische Wüste Lop Nor, durch die die Seidenstraße verlief, ist es in Khamsin das afrikanische ‚Sandmeer’ der Sahara, ebenfalls ein zentraler (Transit-)Raum der Menschheitsentwicklung, deren Geschichte und Geschichten der Tiroler Autor erkundet und erzählt.

So gibt die Titelgeschichte „Khamsin“ das Schicksal von vier alliierten Soldaten während des Zweiten Weltkriegs wieder, die nach einem feindlichen Zusammenstoß im libysch-ägyptischen Grenzland tagelang durch die Sahara flüchten. Den Dursttod vor Augen, verlieren sie sich in der unendlichen Weite des fremden Raums immer mehr selbst. Der Essay Die Namen der Wüste wiederum nähert sich der Fremdheit der Sahara ausgehend von wissenschaftlichen Erkenntnissen der Natur-, Kultur- und Sprachgeschichte und dekonstruiert so auf untypische Weise den Mythos von Afrika als ‚geschichtslosem Kontinent’. Zwar erinnert auch Schrott angesichts seiner eigenen, zusammen mit Kölner Wissenschaftlern unternommenen kleinen Wüstenexpedition, die die Rahmenhandlung des Essays bildet, zunächst an die legendären Saharadurchquerungen europäischer Entdecker seit dem kolonialen 19. Jahrhundert. Dann aber eröffnet sein Text anhand von Naturbeobachtungen und etymologischen Erkundungen einen faszinierend anderen, bis in die Frühgeschichte zurückreichenden Blick auf die größte Trockenwüste der Erde: ein Gebiet, das sich erst in den letzten 5000 Jahren in ein arides Terrain verwandelt hat, davor aber fruchtbares Land war – und zentraler Ausgangspunkt der menschlichen Zivilisation.