Inhalt
Hans Christoph BuchApokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern
Frankfurt a.M.: Eichborn, 2011
251 S.
ISBN 978-3-8218-6236-1
Der Romanessay Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern verschränkt - aus unterschiedlichen Blickwinkeln und in verschiedenen Zeitlinien - Ereignisse der Kolonisation Afrikas bis zu Begebenheiten der Gegenwart.
So erzählt H.C. Buch vom Besuch des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler 2004 in Sierra Leone, bei dem er als Afrikakenner zum Journalistentross der präsidialen Reisegruppe gehörte. Er persifliert und karikiert dabei sowohl sich selbst als auch die anderen zum Teil prominenten Teilnehmer der Afrikareise. Geschildert werden pompöse Empfänge in geschützten Luxushotels, nächtliche Trinkgelage und andere merkwürdige, teils komische Begebenheiten vor der Kulisse bitterer Armut einer afrikanischen Bevölkerung im regionalen Krisengebiet.
Um mehr als hundert Jahre versetzt steht dagegen der Essay um die Hottentotten-Venus, in dem H.C. Buch m tragischen Leben der Saartjie Bartmann erzählt, von ihren leidvollen Erfahrungen als Dienstmädchen und jugendlicher Sexsklavin auf der Farm des Buren Peter Cezar in Kapstadt, über den Verkauf der jungen Frau an britische Schausteller, sowie von der Zurschaustellung als Zirkusattraktion in Europa bis zu ihrem Tod 1816 in Paris. Ein anderer Essay berichtet vom unsteten Leben eines Journalisten im Krisengebiet Ruanda, von Warlords und Kindersoldaten aus Liberia, Sierra Leone und der Republik Kongo. Durch einen Rückblick auf die Kongo-Konferenz 1884 in Berlin werden viele historische Details zur Rolle des wilhelminischen Deutschlands im kolonialen Machtgefüge Europas präsentiert. Letztlich berichtet H.C. Buch von individuellen Erinnerungen als Afrikakorrespondent, als kritischer und mahnender Kriegsberichterstatter und von seiner ganz persönlichen Auseinandersetzung mit dem Völkermord auf einer Reise nach Kigali zehn Jahre nach dem Genozid.
Eingerahmt sind die Essays durch zwei schwarz-weiße Fotobögen von Andreas Herzau, auf denen bedrückende Bilder von Flüchtlingsszenen aus Afrika abgebildet sind.
Roland Schmiedel, 2011
Kommentar
Hans Christoph Buch: Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern
Das Titelbild, ein Abdruck des Gemäldes Le radeau de la Méduse von Théodore Géricault, nimmt Bezug auf den ersten Essay, ein fiktiver Exkurs aus ganz verschiedenen Perspektiven zum Schiffbruch der Medusa. In ihm tun sich die Abgründe des Menschen auf, bis hinein in den „tiefsten Kreis der Hölle“, der für H.C. Buch durch ethnische Säuberungen und Massaker in Ruanda und Burundi markiert ist. Buch erstellt Zusammenhänge vom Schiffbruch der Medusa mit der Gegenwart, indem er das Leid der Medusa-Überlebenden mit dem der heute vor Europa strandenden afrikanischen Bootsflüchtlinge vergleicht. Kritisch in den Blick genommen wird der Kontinent Afrika, einzelne Staatsführer ebenso wie das Versagen der internationalen Gemeinschaft. „Nur schlechte Nachrichten aus Afrika sind gute Nachrichten“ weiß der leidgeprüfte Krisenreporter Bachmeier und alter ego des Autors zu berichten. Diesem Credo folgend beginnt und beendet H.C. Buch seine Erzählung mit historischen Schock- und Schreckensnachrichten.
Der Romanessay unterteilt sich in neun Kapitel und ein Nachwort in Form eines Offenen Briefes an den Bundespräsidenten (a.D.) Horst Köhler. Der Aktualitätsbezug wird damit ebenso verdeutlicht wie die Authentizität der zusammengestellten Essays. Hervorgehoben werden vor allem die Erlebnisse des Autors als Teil des Journalistentrosses der präsidialen Reisegruppe. Durchaus mit Witz erzählt, persifliert er sich selbst und weist sich genau die Rolle zu, die der Leser von ihm als streitbarem und mahnendem Journalisten erwartet. Auch spickt er Essays mit sexuellen Anspielungen und verdeutlicht einmal mehr, dass er keine Scheu hat, auch die triebhaften Seiten der Menschen in jeder denkbaren Situation vorzuführen, wie u.a. sein Exkurs über Saartje Bartmann zeigt.
Mit dem Verfahren zur Konstruktion von Wirklichkeit durch die Rekonstruktion von Stimmen, indem er Ich-Erzähler präsentiert, die von ihrem eigenen Leben aus zeitlich unterschiedlichen Perspektiven berichten, die nämlich vor, während und nach deren eigentlichen irdischen Leben stattfinden, vermittelt H.C. Buch Leben und Gedanken der vorgestellten Persönlichkeiten. Zwar sind die Erzählsituationen unmöglich, doch hat sich der Leser erst einmal daran gewöhnt, kann er durch diese Rekonstruktion der Wirklichkeit erzählte Empfindungen empathisch nachvollziehen.
So werden die Geschehnisse während des Schiffbruchs der Medusa und das Leben der Saartje Bartmann so offen erzählt, dass man den Eindruck hat, man sei gerade Zuschauer dieser Szenen. Auch die Erlebnisse auf der Afrikarundreise des (ehemaligen) Bundespräsidenten werden gut und zuweilen mit viel Humor erzählt. Doch dann verliert sich H.C. Buch in detailreichen Berichten aus historischen Zeitschriften zur Kongo-Konferenz 1885 in Berlin. Ob es sich dabei um echte Zitate oder angepasste Auszüge handelt, bleibt ungewiss. Doch indem er Sprachduktus und Orthographie dem Stil der Entstehungszeit der Texte anpasst, setzt er die Aussagen so zusammen, wie er sie für seine Rekonstruktion benötigt- ein Verfahren, das er bereits in den beiden anderen Afrikaromanen erfolgreich erprobt hat. Die daran anschließende persönliche Auseinandersetzung mit dem Genozid in Ruanda, von dem er sich aus verständlichen Gründen nicht distanzieren kann, ist für den Leser bedrückend und schockierend. So z.B. die Schilderung von Horrorszenen aus dem Flüchtlingslager Kibeho, die bereits in andere seiner Afrikabücher Eingang gefunden haben.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass H.C. Buch mit Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern einen lesenswerten Romanessay geschrieben hat, der jedoch auch mit Längen und Wiederholungen aufwartet, die zumindest von den Kennern der vorangegangen Romane oder der an anderer Stelle veröffentlichten Reportagen zur Krisenregion Afrika als störend empfunden werden können. Für alle anderen Interessierten ist der Romanessay lesenswert und eine Bereicherung der deutschen postkolonialen Reflexion.
Der Romanessay unterteilt sich in neun Kapitel und ein Nachwort in Form eines Offenen Briefes an den Bundespräsidenten (a.D.) Horst Köhler. Der Aktualitätsbezug wird damit ebenso verdeutlicht wie die Authentizität der zusammengestellten Essays. Hervorgehoben werden vor allem die Erlebnisse des Autors als Teil des Journalistentrosses der präsidialen Reisegruppe. Durchaus mit Witz erzählt, persifliert er sich selbst und weist sich genau die Rolle zu, die der Leser von ihm als streitbarem und mahnendem Journalisten erwartet. Auch spickt er Essays mit sexuellen Anspielungen und verdeutlicht einmal mehr, dass er keine Scheu hat, auch die triebhaften Seiten der Menschen in jeder denkbaren Situation vorzuführen, wie u.a. sein Exkurs über Saartje Bartmann zeigt.
Mit dem Verfahren zur Konstruktion von Wirklichkeit durch die Rekonstruktion von Stimmen, indem er Ich-Erzähler präsentiert, die von ihrem eigenen Leben aus zeitlich unterschiedlichen Perspektiven berichten, die nämlich vor, während und nach deren eigentlichen irdischen Leben stattfinden, vermittelt H.C. Buch Leben und Gedanken der vorgestellten Persönlichkeiten. Zwar sind die Erzählsituationen unmöglich, doch hat sich der Leser erst einmal daran gewöhnt, kann er durch diese Rekonstruktion der Wirklichkeit erzählte Empfindungen empathisch nachvollziehen.
So werden die Geschehnisse während des Schiffbruchs der Medusa und das Leben der Saartje Bartmann so offen erzählt, dass man den Eindruck hat, man sei gerade Zuschauer dieser Szenen. Auch die Erlebnisse auf der Afrikarundreise des (ehemaligen) Bundespräsidenten werden gut und zuweilen mit viel Humor erzählt. Doch dann verliert sich H.C. Buch in detailreichen Berichten aus historischen Zeitschriften zur Kongo-Konferenz 1885 in Berlin. Ob es sich dabei um echte Zitate oder angepasste Auszüge handelt, bleibt ungewiss. Doch indem er Sprachduktus und Orthographie dem Stil der Entstehungszeit der Texte anpasst, setzt er die Aussagen so zusammen, wie er sie für seine Rekonstruktion benötigt- ein Verfahren, das er bereits in den beiden anderen Afrikaromanen erfolgreich erprobt hat. Die daran anschließende persönliche Auseinandersetzung mit dem Genozid in Ruanda, von dem er sich aus verständlichen Gründen nicht distanzieren kann, ist für den Leser bedrückend und schockierend. So z.B. die Schilderung von Horrorszenen aus dem Flüchtlingslager Kibeho, die bereits in andere seiner Afrikabücher Eingang gefunden haben.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass H.C. Buch mit Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern einen lesenswerten Romanessay geschrieben hat, der jedoch auch mit Längen und Wiederholungen aufwartet, die zumindest von den Kennern der vorangegangen Romane oder der an anderer Stelle veröffentlichten Reportagen zur Krisenregion Afrika als störend empfunden werden können. Für alle anderen Interessierten ist der Romanessay lesenswert und eine Bereicherung der deutschen postkolonialen Reflexion.
Roland Schmiedel, 2011
Links
Deutschlandradio
Rezension von Günter Wessel; mit Link zu einem Audiobeitrag zum Buch (Interview mit Günter Wessel); 20.04.2011
Die Welt
Rezension von Marko Martin vom 20.08.2011
FAZ
Rezension von Jan Röhnert vom 15.06.2011
Perlentaucher
Kommentierte Rezensionen aus diversen Zeitungen










