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Diamantenfieber
Rheda-Wiedenbrück: RM Buch-und Medien-Vertrieb, 2006
432 S.
ISBN: 3-866-04450-X
Ruth und Friedrich Harenberg sind in der Familie Schlütter in Lüneburg aufgewachsen, zusammen mit ihrem Stiefbruder Eric. Als 1905 die Herero-Kriege ausbrechen, gehen alle drei nach Südwestafrika, Friedrich und Eric zur Schutztruppe, Ruth als Krankenschwester nach Lüderitzbucht. Eric, der im Krieg einen Arm verliert, hat eine geschäftliche Partnerschaft mit dem farbigen Fischer Hendrik, dessen Tochter Lena ihn fasziniert, aber wegen der Rassenschranken ist eine Beziehung ausgeschlossen. Als bei Kolmannskoppe Diamanten entdeckt werden, erwerben auch Eric und Friedrich ein Claim. Der alte Ludwig Schlütter kommt mit seiner Frau Elisabeth nach Lüderitzbucht und steigt ins Geschäft ein. Ein repräsentatives Haus wird gebaut, Eric heiratet Ruth, beide bekommen einen Sohn, Alexander. Lena wird Hausangestellte bei den Schlütters. Friedrich vergewaltigt sie und sie bekommt eine Tochter, Tana.
Bei Kriegsausbruch 1914 ist der Diamantenrausch vorbei. Friedrich wird wieder Soldat, Eric Wachmann auf den verlassenen Minen. Friedrich ist an eine Kiste voller Diamanten gelangt, die der Kapitän eines Hilfskreuzers ins Ausland schaffen soll. Eric stiehlt die Diamanten und will sich mit dem Diamantenvermögen mit Frau und Kind über Swakopmund absetzen. Er überredet Hendrik zu einer nächtlichen Küstenfahrt, aber wegen des hohen Seegangs stranden sie. Ungeduldig zwingt Eric Hendrik mit vorgehaltener Pistole, ihn allein nach Swakopmund zu bringen. Ein südafrikanisches Kriegsschiff bringt das Boot auf, verhaftet Eric und versenkt auch den deutschen Hilfskreuzer, auf dem sich Friedrichs vermeintliche Diamantenkiste befindet. Hendrik kann sich an den Strand retten, entdeckt die Diamanten in seinem Boot, wird aber von einem Buschmann erschlagen.
Ruth macht sich mit dem Kind zu Fuß auf den Weg durch die Namib zurück nach Lüderitzbucht. Als sie Alexander zurücklassen muss, wird er von dem Buschmann gefunden und zur Farm des Burenpaares Esterhuizen gebracht, die ihn an Kindes statt annehmen. Lüderitzbucht ist inzwischen eingenommen, die Eltern Schlütter sind in Südafrika interniert. Ein Suchtrupp rettet Ruth halb verdurstet aus der Wüste. Eric bricht aus dem Gefängnis aus, findet Hendriks Leiche, stirbt aber nahe der Esterhuizen-Farm an einem Schlangenbiss.
Nach Kriegsende kehrt Ruth mit den Eltern nach Lüneburg zurück. Auch Friedrich geht nach Deutschland, wo er wegen Diamantendiebstahls ins Gefängnis kommt. Nach seiner Entlassung 1930 macht er sich wieder nach Südwestafrika auf, um die verschollenen Diamanten zu suchen. Willem Esterhuizen, der für die Diamantengesellschaft als Detektiv arbeitet, soll ihm helfen, den versunkenen Hilfskreuzer mit der Kiste zu bergen. Das gelingt auch, aber die Kiste enthält nur Steine. Friedrich zieht seine Schlüsse. Er erkennt die wahre Herkunft Willems, macht sich auf zur Farm der Esterhuizens und sucht in Erics Grab nach den Diamanten. Dabei wird er vom Buschmann erschlagen.
Willem wird nun seinerseits beauftragt, den Fall zu lösen. Er sucht Lena auf und verliebt sich in Tana. Im Archiv von Lüderitzbucht findet er Erics Tagebücher und kann die Geschichte so aufklären. Willem und Tana ziehen mit Lena auf die Farm der Esterhuizens, und Ruth, die nach Namibia geeilt ist, kann in Willem ihren Sohn Alexander in die Arme schließen. Wo die Diamanten geblieben sind, weiß niemand.
Kommentar
Giselher W. Hoffmann: Diamantenfieber
Ein Krimi, eine Abenteuergeschichte, eine Familiensaga aus der Zeit des Diamantenfiebers in Deutsch-Südwestafrika – der Roman macht Anleihen in allen Genres populärer Literatur, ohne ganz in ihnen aufzugehen. Nach dem Muster des Kolportageromans werden Spannung und Interesse beim Leser erzeugt durch immer wieder neue überraschende und abenteuerliche, zum Teil auch unwahrscheinliche Wendungen der Handlung. Genauere psychologische Zeichnung der Charaktere und deren Entwicklung bleiben dabei allerdings auf der Strecke. Brüche und unglaubwürdige Wendungen sowie Klischees ("Harenberg hat ein bleiches Gesicht. Seine blauen Augen funkeln darin wie zwei Seen in einer zerklüfteten Schneelandschaft") machen sich daher immer wieder störend bemerkbar, und falls der Roman die Absicht haben sollte, die destruktive Wirkung des Diamantenrausches auf Moral und Persönlichkeitsentwicklung der Protagonisten darzustellen, so gelingt das nur unvollkommen.
"Diamantenfieber" kann eher als ein Unterhaltungsroman denn als kritische Literatur bezeichnet werden. Als solcher ist er allerdings spannend erzählt, auch durch die beiden Handlungsstränge, die erst am Ende zusammengeführt werden und für den Leser die Geschichte auflösen. Die eigentliche Stärke des Romans liegt aber noch in etwas anderem, nämlich in der Authentizität des Milieus und der landschaftlichen und historischen Kulisse. Der Roman führt den Leser in ein Stück verdrängter deutscher Geschichte in Afrika und macht die untergegangene Welt der deutschen Kolonialzeit in Südwestafrika plastisch erfahrbar. Denn Giselher Hoffmann weiß, wovon er schreibt. Als Namibianer und Nachkomme eines deutschen Schutztruppenoffiziers stellt er eine seltene Ausnahme dar. Er ist ein in deutscher Sprache schreibender weißer afrikanischer Schriftsteller. Seine Perspektive auf Namibia ist keine Außenperspektive – oder doch?
Hoffmann "bewegt sich mit seinem literarischen Werk an der Schnittstelle zwischen Kolonialliteratur und Postkolonialismus" (Stefan Mühr). Gerade bei "Diamantenfieber" zeigt sich, wie gewagt diese Gratwanderung in seinen Romanen sein kann. Das Bemühen, die Vielfalt der unterschiedlichen Volksgruppen Namibias im Roman zu ihrem Recht kommen zu lassen, ist spürbar; neben der deutschen Familie gibt es die burischen Farmer, die südafrikanischen Diamantenmagnaten, die schottischen Truppen, den farbigen Fischer, den Ovambo-Arbeiter und den verlorenen Herero-Jungen Salomon, der als Soldatenjunge, Farmgehilfe und Diamantenschmuggler immer dort auftaucht, wo er sein Überleben sichern kann. Allwissend schlüpft der Erzähler in die Perspektiven aller Personen, aber gerade bei Salomon zeigt sich, dass der Perspektivwechsel nicht immer gelingt und hinter dem Hererojungen dann doch wieder koloniales Denken hervorschaut. Die Salomon unterlegten Gedanken erinnern verdächtig, wenn auch sicher ungewollt, an entsprechende berüchtigte Passagen in dem Kolonialroman "Peter Moors Reise nach Südwest" von Gustav Frenssen: "Obwohl Salomon nicht wusste, was das Wort bedeutete, hörte er am Klang, mit dem der Einarmige das Wort aussprach, dass die Technik für den Weißen etwas Wunderbares war. Er vergötterte nahezu das Wort, doch gleichzeitig beschlich Salomon das Gefühl, dass der Weiße ihn bemitleidete, weil er nie die Bedeutung des Wortes begreifen würde." Ebenfalls problematisch ist die Funktion eines Buschmanns, der wie ein Deus ex Machina an entscheidenden Stellen auftaucht und in die Handlung eingreift.
Dabei kann Giselher Hoffmann auch anders. In Romanen wie "Die Erstgeborenen" (1993) und "Die schweigenden Feuer" (1994) bemüht sich der frühere Berufsjäger und Kenner der Wüstenlandschaft Namibias darum, sich kongenial in die Gedanken- und Gefühlswelt der San und der Herero zu versetzen und sie für europäisches Verständnis erzählbar zu machen.
Ist ihm hier, in "Diamantenfieber", mit der kritiklosen Übernahme der Stilmittel des traditionellen Kolonialromans auch die Übernahme von dessen Perspektive unterlaufen? Vielleicht sollte man es nicht ganz so streng formulieren, aber den Anspruch, ein - wenn auch europäischstämmiger - afrikanischer Schriftsteller zu sein, erfüllt Hoffmann mit diesem Buch nicht. Er hat einen traditionellen europäischen Unterhaltungsroman über Afrika geschrieben, der den europäischen kolonialen Blick auf Afrika nicht kritisiert, sondern eher reproduziert.










