Zurück nach Kilimatinde

Inhalt

Hermann Schulz:
Zurück nach Kilimatinde
Hamburg: Carlsen Verlag, 2003
236 S.
ISBN 3-551-58117-4
Taschenbuchausgabe: Piper, 2005


 

 


Nick Geldermann, ein neunzehnjähriger Schulabbrecher, Volontär bei einer Lokalzeitung in Wuppertal, weiß nicht so recht, wie es in seinem Leben weitergehen soll. Zu seiner Mutter, die von seinem Vater geschieden ist und wieder geheiratet hat, hat er eine "zänkische" Beziehung, von seinem Vater, einem gescheiterten Missionar, hat er seit sechzehn Jahren nichts mehr gehört. Er weiß nur, dass der Vater in einem abgelegenen Ort in Tansania lebt, wo Nick auch geboren wurde, aber schon als Kleinkind mit zwei Schwestern und seiner Mutter floh.

Da taucht unvermittelt ein Jugendfreund des Vaters auf und gibt Nick den Auftrag, den Vater in Afrika zu suchen, zusammen mit einem Scheck über 6.000 Euro. Nick macht sich mit seiner Freundin auf den Weg in das Land, das er nur aus vagen Kindheitserinnerungen kennt. Er lässt die Freundin im Hotel zurück und begibt sich mit dem Taxifahrer Moses auf eine abenteuerliche Fahrt nach Kilimatinde nahe Dodoma. Dort findet er den Vater als tief depressiven, gebrochenen Mann, gepflegt nur von seinem tansanischen Freund Abraham. Der ehemalige Missionar ist überzeugt davon, dass Gott ihn verlassen hat. Nur nachts kommt die alte Klarheit des Bewusstseins zurück. Vater und Sohn führen fünf Nächte lang miteinander intensive Gespräche und kommen sich schließlich – schmerzhaft und vorsichtig – näher. Nach der fünften Nacht geht der Vater in sein Zimmer zurück und erschießt sich. Er hatte unheilbaren Krebs.

Nick bleibt zurück, verwirrt und bewegt. Bei der Beerdigung hält er eine Rede vor den Bewohnern von Kilimatinde – in Deutsch, aber darauf kommt es nicht an. Es geht darum, dass er gereift ist in den Gesprächen mit dem Vater. Als der Vater ins Grab gelegt wird, steckt Nick die alte Kirche des Vaters in Brand. Abrahams Kommentar: "Was Väter den Söhnen hinterlassen, müssen diese selbst erkennen."

Ingrid Laurien, 2008

    Kommentar

    Hermann Schulz: Zurück nach Kilimatinde

    Dies ist eine afrikanische Hiob-Geschichte. Schon der Löwe auf dem Titelblatt des Buches spielt darauf an: "Vom Odem Gottes kommen sie um, und vom Hauch seiner Nase vergehen sie. Das Brüllen des Löwen ist verstummt, und die Zähne der jungen Löwen sind ausgebrochen." (Hiob 4, 9-10). Im Mittelpunkt steht der Vater, der glaubt, dass Gott ihm Prüfungen geschickt und sich schließlich von ihm abgewendet habe. Seine Depression versteht er als Gottesferne: "Wenn man von allen Freuden, Genüssen und Leidenschaften neunundneunzig Prozent des Glanzes wegnimmt und der Rest noch mit Mehltau grau belegt ist – das ist die Gottesferne." Gott dagegen sei schrecklich und wunderbar, wie "das Leben in seiner Ekstase".

    Man kann dieses Buch ein christliches Buch nennen, aber es ist keineswegs frömmelnd. Vor allem erzählt "Zurück nach Kilimatinde" aber von der Suche eines Sohnes nach dem verlorenen Vater, von der Auseinandersetzung mit diesem Vater und vom Prozess des Übergangs vom Jungen zum Mann. Ohne Vater "hampelt man herum", wie der orientierungslose junge Nick in Wuppertal, der bei einem Boxkampf – nicht zufällig einem Männlichkeitsritual – die ältere und lebenstüchtige Valerie kennen lernt und sich an sie anlehnt. Als er über ein Theaterstück berichten soll, in dem es um die Schuldverstricktheit eines christlichen Pfarrers geht, der seinen jüdischen Pfarrerkollegen in der NS-Zeit verrät, weiß er noch nicht, dass sein Vater diese gleiche Geschichte wirklich erlebt hatte und sie ihn vor langer Zeit bewog, nach Afrika zu gehen, wo er ein klareres, einfacheres Leben in Glaubensstärke zu finden hoffte.

    Der Glaube des Vaters, der sein Leben in Gottes Hand sieht, wird durchaus nicht distanzierend beschrieben, und auch die Ausdrucksweise des Jugendfreundes, der sich nicht scheut, sein Verhältnis zu seinem Missionarsfreund mit dem Wort "Liebe" zu charakterisieren, bleibt unkommentiert. Solche unzeitgemäße Begrifflichkeit irritiert zunächst, aber die handfeste und drastische Erzählweise motiviert zum Weiterlesen. Gutmenschen sind hier nicht am Werk.

    Als Nick sich nach Tansania aufmacht, will er seinen Trip nach Afrika leicht nehmen, aber es kommt ganz anders. Im alten Missionshaus in Kilimatinde findet er seinen Vater, schwer depressiv und hilflos, ein Alkoholiker, der seinem Sohn gegenüber aggressiv wird und ihn zusammenschlägt. Nick ist ratlos und enttäuscht. Nur im täglichen Waschritual, zu dem Nick zusammen mit dem alten Abraham den Hilflosen führt, entsteht so etwas wie Zärtlichkeit.

    Der Vater ist eine schillernde Persönlichkeit, leidenschaftlich und jähzornig, die allen landläufigen Vorstellungen von einem Missionar in Afrika eklatant zu widersprechen scheint. Die Missionsgesellschaft hat ihn entlassen wegen seiner schwarzen Freundinnen, um seine Kinder in Deutschland hat er sich nie gekümmert, und auch über den Verbleib von Spenden hat er nie Rechenschaft abgelegt. Schließlich verließ ihn auch die Gemeinde seiner Mission, als eine amerikanische Sekte mit verlockenden Versprechungen und materiellen Verführungen im Ort auftauchte. Nur der alte Abraham und seine Frau hören noch seine Predigten. Abraham weiß, "dass Gott noch unter dem Wellblechdach ist".

    Die Menschen in Kilimatinde sehen im Vater keinen unmoralischen Menschen, sondern einen Heiligen, eine Art Mystiker, wenn sie auch nicht verstehen, dass die Gottesferne ihm derart zu schaffen macht. Von Gott verlassen zu sein, gehört für sie zum Leben. In Kraft und Glaubensstärke sind sie den Weißen überlegen, auch wenn sie ab und zu "den Bimbo machen", um zu erreichen, was sie von ihnen wollen.

    In fünf nächtlichen Gesprächen geschieht dann allmählich doch so etwas wie eine späte und konfliktreiche Annäherung zwischen Vater und Sohn. Ganz langsam gelingt es dem Sohn, seinen Vater anzunehmen und nicht von vornherein zu verurteilen. Schließlich entsteht so etwas wie Nähe. In derselben Nacht erschießt sich der Vater. Fünf Nächte sind dem Sohn geblieben, aber "vielleicht ist das mehr", kommentiert Valerie, "als die meisten von ihren Vätern haben."

    Das Buch, in dessen Mittelpunkt Gott als eine spirituelle Vaterfigur und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn als ein sehr männlicher Autoritätskonflikt stehen, ist erstaunlich unzeitgemäß. Dennoch liest man es mit Spannung und Anteilnahme, denn es ist nicht penetrant didaktisch, sondern lebendig und farbig erzählt. Auch wenn man sich den christlichen Grundüberzeugungen nicht anschließen kann, sollte man diese Geschichte Jugendlichen in die Hand geben, denn sie spricht Fragen an, die heute, in der Zeit der "Krise der Väter" im Umgang mit Jungen und dem Erwachsenwerden von Jungen viel zu selten gestellt werden.

    Ingrid Laurien, 2008

      Links

      Perlentaucher   deutsch

      Kommentierte Rezensionen aus diversen Zeitungen

      Die Zeit   deutsch

      Rezension von Reinhard Osteroth

      Freundeskreis Bagamoyo e.V.   deutsch

      Rezensionen von Rudolf Blauth und aus deutschen Zeitungen