Inhalt
Morenga
München: Bertelsmann, 1978
397 S.
ISBN 3-570-06415-8
Taschenbuchausgabe:
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2000
Englische Übersetzung:
Morenga (New Directions, 2003)
Rebellion in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia: Der Stamm der Hottentotten erhebt sich gegen seine Unterdrücker. Jakob Morenga, der "schwarze Napoleon", ist ihr Anführer. Von 1904 bis 1907 liefert dieser Minenarbeiter mit seinem Volk den deutschen Kolonialtruppen einen erbitterten Guerilla-Krieg. Hinter der kaiserlichen Schutztruppe hatte sich ein Strom von Abenteurern und Gaunern, Missionaren und Händlern ins Land ergossen. Glasperlen für Ländereien, für Straußenfedern Schnaps, für die Demut das Christentum, die Peitsche für den Stolz auch das gehörte zu jenem Wesen, an dem damals schon die Afrikaner genesen sollten.
Johannes Gottschalk, Veterinär in der deutschen Kolonialarmee, sieht beide Seiten: die Offizierskasinos und die Gefangenenlager, die Steppen Afrikas und die Ketten der Afrikaner. Er erlebt ihr Elend und ihre Auflehnung. Er kämpft um sein moralisches Überleben.
FAZ
Kommentar
Uwe Timm: Morenga
"Morenga" ist ein dokumentarischer Roman, der sich aus echten Dokumenten, wie Proklamationen, Zitaten aus militärischen und historischen Schriften, Gefechtsberichten, Zeitungsartikeln, aber auch fingierten Dokumenten wie logbuchartigen Notaten, Tagebucheinträgen, Briefen zusammensetzt. Als Kontrastfolie zur imperialistischen Ideologie dieser Texte fungiert Pjotr Kropotkins "Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung", das Gottschalk vom kommunistischen Wenstrup erbt. Dazu kommen impressionistische Passagen, die Menschen, Landschaft, Vorgänge, Seelenzustände schildern und das Geschehen bewerten. Die Montage von objektiven und subjektiven Texten erinnert an Alexander Kluges "Schlachtbeschreibung". Anders als Kluge suggeriert Timm aber mit der durchgängigen fiktionalen Erzählung von Veterinär Gottschalk die Vorstellung eines linearen historischen Geschehens. Im Unterschied zu Seyfried fehlt hier eine indigene Perspektive vollständig. Selbst das Bild von Jakob Morenga, dem von Missionaren erzogenen Herero/Nama, der als Minenarbeiter in Südafrika tätig war und dank seiner Führungskunst und seines militärischen Geschicks als "schwarzer Napoleon" galt, setzt sich nur aus Schilderungen der Deutschen und Engländer zusammen.
Sowohl der Kartograph Carl Ettmann in Seyfrieds "Herero" wie auch der Veterinär Gottschalk in Timms "Morenga" lesen Fontane und beginnen ihr südwestafrikanisches Abenteuer als Kinder ihrer Zeit: Sie betrachten die Herero und Nama als Menschen auf einer unteren Entwicklungsstufe und sehen für sich die Chance, dem übervölkerten und wirtschaftlich wenig aussichtsreichen Deutschland zu entfliehen. Sie hoffen, im weiten Afrika von der Goldgräberstimmung zu profitieren, sich eine Farm aufbauen zu können, unabhängiger als zu Hause eine individuelle Existenz ganz nach ihrem Gusto gestalten zu können. Im Laufe des Kriegsprozesses werden sie desillusioniert. Sie erkennen, dass die Herero und Nama eine Kultur mit Eigenwert haben, die durch den Imperialismus zerstört wird, und stehen deshalb dem deutschen Kolonialismus und Rassismus zunehmend skeptisch gegenüber. Die beiden Zivilisten reagieren sensibel auf die Grausamkeiten der Militärs, sie interessieren sich für die Kultur und Sprache der kolonisierten Völker, über die sich die meisten anderen Deutschen lustige machen. Ihre Annäherung an die indigenen Völker führt zu einer tiefen Verunsicherung, bei Gottschalk stärker als bei Ettmann. Beide wollen Gutes und sind idealistisch gestimmt. Erst allmählich wird ihnen klar, dass sie durch ihre Profession als Veterinär und Kartograph, ob sie es wollen oder nicht, zum Erfüllungsgehilfen des Imperialismus und des Genozids werden.










