Nacht des Verrats

Inhalt

Ruth Weiss:
Nacht des Verrats
Bad Honnef: Horlemann, 2000
235 S. 
ISBN 3-89502-113-X

Ruth Weiss' Kriminalroman spielt in Südafrika, 1998. Über einen anonymen Anruf kommt der Anwalt Ben Glaser, der für die Wahrheits- und Versöhnungskommission arbeitet, einem Verbrechen der Apartheidszeit auf die Spur: Caroline Hughes, die Tochter eines englischen Missionars-Ehepaars in Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe, wird Vollwaise, als ihre Eltern während der Unabhängigkeitskämpfe bei einem Überfall getötet werden. Der rhodesische Geheimdienstchef Derek Reed-Smyth übernimmt die Vormundschaft für das 12jährige Mädchen, isoliert sie von ihrem Umfeld und macht sie völlig von sich abhängig. Er überzeugt Caroline von der Schuld der afrikanischen Befreiungsbewegungen am Tod ihrer Eltern und erzieht sie zu einer Agentin des Geheimdiensts im Kampf gegen die Anti-Apartheidsbewegung.

In den 1980er Jahren gibt die junge Frau Informationen aus dem schwarzen wie weißen Widerstand gegen die Apartheid an ihrem Vormund weiter und trägt damit dazu bei, dass sich das Apartheid-Regime in Südafrika wesentlich länger halten kann als in Zimbabwe. Zu Carolines Opfern zählt auch der Anwalt Ben Glaser, der sich schon als Student gegen die Apartheid engagierte, sowie der junge Bure Dirk, ihre erste große Liebe. Er wird in Glasers Haus zum ersten Mal mit Menschen anderer Hautfarbe und anderen politischen Meinungen konfrontiert und kämpft schließlich für die schwarze Widerstandsbewegung ANC. Caroline verliebt sich in ihn, doch sie ist zu schwach, um sich von ihrem Vormund zu lösen und ist schließlich indirekt für Dirks Tod mitverantwortlich.

Weiss' Roman zeigt, dass der Geheimdienst auch nach der Abschaffung des Apartheid-Regimes (1994) hinter den Kulissen aktiv bleibt, um den Wiederaufbau Südafrikas zu torpedieren und die Machtposition der früheren Elite zu sichern. Caroline ist Smyth-Reeds rechte Hand bei der Führung eines internationalen, nicht immer ganz legal agierenden Firmenkonglomerats, das wirtschaftliche und politische Entscheidungen auf dem ganzen afrikanischen Kontinent beeinflusst. Der Ausbruch aus dem Lügengebäude, das ihr Vormund um sie errichtete, gelingt Caroline erst nach der zufälligen Begegnung mit einer Polizeibeamtin, die sie kurz nach dem Unfall ihrer Eltern betreut hatte. Mit ihrer Hilfe beginnt sich die inzwischen 32 Jahre alte Frau an denen zu rächen, die ihr Leben zerstörten. Am Ende jedoch durchschaut sie ihr Vormund und tötet sie, bevor er sich in einem geheimen Versuchslabor für künstliche Drogen selbst in die Luft jagt.

Sonja Lehner

    Kommentar

    Ruth Weiss: Nacht des Verrats

    Ruth Weiss' Buch ist nicht nur ein spannender Kriminalroman, der die psychologische Entwicklung und Persönlichkeitsveränderung einer jungen Frau zeigt, die jahrelanger subtiler Manipulation ausgesetzt ist. Als engagierte Journalistin, die selbst lange in Südafrika und Rhodesien gegen die Apartheid kämpfte, kann die Autorin auf einen realen Hintergrund zurückgreifen, den sie aus eigener Erfahrung kennt. Dies gilt auch für die Geschichte des offenen jungen Mädchens, das ohne Rassenvorurteile und mit vielen schwarzen Freunden aufwächst. Unter dem Einfluss ihres Vormunds beginnt sie, alle Schwarzen zu hassen, und entwickelt sich zu einer ebenso zuverlässigen wie tödlichen Waffe des Geheimdiensts im Kampf gegen die Opposition.

    Ähnlich eng an der Realität ist die Darstellung der PEP Sicherheits-GmbH, dem undurchschaubaren Firmenkonglomerat des General Dutoit. Es dient den Apartheid-Anhängern dazu, die Friedensverhandlungen zwischen De Klerk und Mandela zu torpedieren, und beeinflusst über Söldnerorganisationen und Geheimdienstmanipulation die Aktivitäten auf dem ganzen afrikanischen Kontinent. Mit ihrer Kritik an den Apartheids-Verfechtern und deren Machenschaften deckt Ruth Weiss auch eine Ursache für die Verbrechen Schwarzer gegen Schwarze auf, die in den Medien oft als "Stammeskonflikte" und typisch innerafrikanische Auseinandersetzungen dargestellt werden. So geht auch der grausame Überfall auf die Missionsstation, der im Roman geschildert wird, nicht auf die afrikanische Unabhängigkeitsbewegung, sondern auf schwarze Söldner zurück. Er wurde von den Vertretern der Apartheid organisiert, um die schwarze Elite als regierungsunfähig zu diskreditieren.

    Der Roman bietet ein spannendes Beispiel südafrikanischer Geschichte und Politik der letzten 20 Jahre, im Übergang von der Apartheid zur Post-Apartheidszeit. Darüber hinaus wird immer wieder deutlich, wie sehr die Rassenvorurteile auf Demagogie, Manipulation und konkrete Machtinteressen zurückzuführen sind. In dieser Hinsicht trägt Ruth Weiss' Roman auch dazu bei, den kolonialen Blick auf Afrika und andere Regionen der Dritten Welt zu überwinden.

    Sonja Lehner

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