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Sansibar Blues oder: Wie ich Livingstone fand
Frankfurt am Main: Eichborn, 2008
241 S.
ISBN 978-3-8218-6218-7
Kalter Krieg, Kolonialismus, Sklavenhandel – drei historische Höhepunkte, die die ostafrikanische Inselgruppe Sansibar mit Deutschland verbinden. H.C. Buch erzählt in einem Dokudrama in drei verschiedenen Handlungsebenen von den Anfängen deutscher Afrikaforschung, über die Kolonisation Deutsch-Ostafrikas bis hin zur politischen Unabhängigkeit Sansibars in den 1960er Jahren.
Hakuna Matata oder Hans Dampf in Afrika: 12. Januar 1964 – nachdem die Inselgruppe Sansibar die koloniale Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt, erhebt sich die afrikanische Mehrheit im Inselstaat gegen den herrschenden Sultan. Die DDR erkennt das sozialistische Sansibar als erster Staat völkerrechtlich an. Walter Ulbricht entsendet den Mecklenburger Hans Dampf als Botschafter in das Inselreich Sansibar. Er begegnet Persönlichkeiten wie dem kubanischen Revolutionsführer Che Guevara, dem amerikanischen Politiker Frank Carlucci sowie dem polnischen Schriftsteller Ryszard Kapuscinski. Drei Monate später wird Hans Dampf in die DDR zurückbeordert, da er sich durch enge Kontakte zum Klassenfeind Carlucci und ein intimes Verhältnis zu einer Einheimischen dem Verdacht der sozialistischen Untreue ausgesetzt hat. Das Ende einer Karriere!
Emily oder die Entführung aus dem Serail: 1867 Emily Reute alias Prinzessin Sayyida Salme von Sansibar und Oman heiratet unter abenteuerlichen Umständen den deutschen Kaufmann Rudolph Heinrich Reute, mit dem sie kurz darauf nach Hamburg übersiedelt. Dort konvertiert sie zum Christentum und wird von ihrem Bruder, dem Sultan von Sansibar, zur persona non grata erklärt und verliert alle Erbansprüche. Das aufregende Leben der Emily Reute im wilhelminischen Deutschland, das Pokerspiel Bismarcks mit Großbritannien um Helgoland und Sansibar stehen ebenso im Zentrum der Erzählung, wie wahre Begebenheiten aus dem Leben der Persönlichkeiten Emily Reute, Leo Graf von Caprivi und Reichskanzler Bismarck.
Tippu Tipp oder der Herr der Heuschrecken: 1860 der am Tanganyika-See ansässige afrikanische Kaufmann und Sklavenhändler Tippu Tipp, der britisch-amerikanische Journalist und Afrikaforscher Sir Henry Morton Stanley, der deutsche Reichskommissar und Afrikaforscher Hermann von Wissmann und andere historische Persönlichkeiten bis hin zu David Livingstone sind die Figuren, die in einer Aneinanderreihung von historischen bis märchenhaften Geschichten die Anfänge der Kolonialisierung Ostafrikas beschreiben und darin interagieren.
Kommentar
Hans Christoph Buch:
Sansibar Blues oder: Wie ich Livingstone fand
Zwar führt schon der erste Satz den Leser in die vielfältige Geschichte des Kontinents, doch stärkt der Autor damit zugleich des Lesers exotische Vorstellungen von Afrika. In seiner Rekonstruktion der kolonialen Geschichte Afrikas erzählt er von historischen Stationen und bezieht historische Persönlichkeiten mit ein, die dem Leser unterschiedliche Blickwinkel der Kolonialisierung Ostafrikas vermitteln. Viele große Namen des kolonialen Afrika verwebt H.C. Buch mit den Abenteuern seiner Protagonisten. Verwegen wird die Erzählsituation allerdings, wenn der Autor seine Figuren von ihrem eigenen Tod berichten lässt, was dazu führt, dass man dem Berichtetem nicht mehr leicht folgen kann, da von Ereignissen vor, während und nach dem eigentlichen Tod in der erzählerischen Gegenwart berichtet wird. Die Erzählperspektive um Hans Dampf folgt der Du-Erzählung, doch ändert der Autor seine Technik in den Zeitfenstern um das koloniale Afrika, mit Einblicken aus dem Leben der Emily Reute oder den Verwicklungen der deutschen Kolonialherren mit dem schwarzen Sklavenhändler Tippu Tipp.
Wer diesen Roman liest, muss sich auf eine Erzählsituation einlassen, in der Tote ihr Leben Revue passieren lassen und darüber sogar urteilen. So berichtet der Erzähler im zweiten Kapitel "Ich hatte alles bewusst erlebt und als ich im Februar 1924 starb, kam es mir vor, als hätte ich ewig gelebt." Erzählt wird in der Folge aus der Perspektive der Prinzessin Sayyida Salme von Sansibar und Oman. Sie berichtet von ihrem und dem Leben ihrer Mutter und verliert sich in nicht immer nachvollziehbaren Sprüngen durch die Vergangenheit und in der komplizierten Geschichte der Herrscherfamilie von Sansibar. Daneben erzählt sie von ihren Erfahrungen im wilhelminischen Deutschland. Zu oft verwendet der Autor den Terminus "persona non grata" und verwirrt den Leser mit Anachronismen. Beispielsweise wurde der Ausdruck von der Dritten Welt erst 1961 von Frantz Fanon in den internationalen Sprachgebrauch eingeführt. H.C. Buch bezieht ihn auf das Jahr 1924, lässt seinen Protagonisten jedoch mitteilen, dass es diesen Begriff damals noch nicht gab. Durch Häufungen solcher Merkwürdigkeiten, deren Funktion bis zum Ende des Romans unklar bleibt, wirkt der Text gar zu konstruiert. Dennoch ist H.C. Buch ein durchaus spannender Abenteuerroman gelungen, weil er auf reizvolle Weise von den unglaublichen Verwicklungen deutscher kolonialer Vergangenheit erzählt, die, teils wahr, teils erfunden, unterschiedliche Facetten des wilhelminischen Deutschland vor Augen führen.
Der Autor hat seinem Roman ein Nachwort hinzugefügt, in dem er die Konstruktion der Erzählung erläutert und drei Textauszüge anschließt, die zwar nicht zum Text gehören, aber im Nachhinein die Lektüre verständlicher erscheinen lässt. Schließlich sind zahlreiche Fotos von historischen Personen, Karten und Momentaufnahmen des kolonialen Afrika hinzugefügt, wodurch der Eindruck der Authentizität der Erzählung unterstützt wird. In Kenntnis der historischen Ereignisse überwiegt jedoch der fiktionale Charakter des Erzählten, indem zuweilen unfreiwillig komisch von den oft tragischen Umständen der Kolonisierung Deutsch-Ostafrikas berichtet wird. Ein Leseerlebnis ist der Roman allemal.










