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Der Schrei der Hyänen
München: Piper, 2003
302 S.
ISBN 3-492-04611-8
Taschenbuchausgabe: Piper, 2005
Windhoek, Deutsch-Südwestafrika 1899: Die junge Arabella erreicht als angeworbene Braut die deutsche Kolonie Südwestafrika. Doch anstatt in dem erträumten romantisch exotischen Leben findet sie sich in einer rauen und allseits feindlichen Männerwelt wieder. Fortan lebt sie zusammen mit ihrem unbarmherzigen Ehemann Frank in der kargen Einöde der namibischen Wüste. Nach 5 Jahren Ehe und während des Höhepunkts der Herero-Aufstände wird Frank bei einem brutalen Racheakt der Aufständischen ermordet und Arabella von dem Anführer Assa Riarua verschleppt. Als sie nach zwei Monaten nach Windhoek zurückkehrt, stellt sie fest, dass sie ein Kind von dem Herero erwartet. Um sich zu schützen, beschließt Arabella, den deutschen Offizier Paul von Kavea, der sie aufrichtig liebt, zu heiraten. Da dieser Zweifel hat, ob das Kind von ihm ist, werden die kommenden Monate zu einer Zerreißprobe für das Paar. "Wenn das Kind weiß ist, ist es deins, ist es schwarz, wirfst du es in den Atlantik", rät Pauls Vorgesetzter. Nele, ein hellhäutiges Mädchen, wird geboren. Damit beginnt eine stolze deutsche Familiengeschichte, die aber in Wahrheit auf einer Lüge beruht.
Hamburg, Deutschland 1954: Nele von Kavea, Senatorin in Hamburg, wird zur Entbindung ihrer Tochter Kriemhild ins Krankenhaus gerufen. Am Kindbett stellt sie fest, dass ihre Enkelin schwarz ist. Nele unterstellt, dass ihre Tochter ihren Mann, einen wohlhabenden und angesehenen Reeder, mit einem "Neger" betrogen habe. Um sich von dieser Schande zu distanzieren, beschließt sie, ihre Enkelin Hera in ein Waisenhaus zu bringen. Die Senatorin nutzt ihren Einfluss und Kriemhild wird die Totgeburt des Kindes mitgeteilt.
Windhoek, Namibia 1990: Nele von Kavea besucht ihre farbige Urenkelin Cosima und gesteht ihr deren Familienzugehörigkeit und möchte ihr das Erbe der Familie, die Farm Crewo in Namibia überschreiben. Unabhängig voneinander fliegen die beiden Frauen nach Windhoek und treffen sich an dem Ort, an dem vor 100 Jahren alles begann. Dieser wird zum letzten Mal Schauplatz tragischer Ereignisse.
Kommentar
Andrea Paluch / Robert Habeck:
Der Schrei der Hyänen
Die Geschichte beginnt 1889 in Deutsch-Südwestafrika und erzählt in einer ungewöhnlich offenen und direkten Weise vom schwierigen Leben der ersten Farmer in der jungen deutschen Kolonie. Detailgetreu wird dargestellt, wie deutsche Auswanderer Hektar um Hektar das karge Land bestellen oder die Viehzucht aufbauen und dabei hin und wieder auch kläglich scheitern. Die Problematik des deutschen Kolonialismus wird in dem verhältnismäßig kurzen Roman nicht ignoriert, sondern knapp und treffend, ohne etwas zu beschönigen, veranschaulicht. Es wird erzählt, wie die in Deutschland für die Kolonie angeworbene Arabella nach Windhoek reist, um dort einen ihr bis dahin wildfremden Mann zu heiraten. „Die Frauen aber wussten nicht, dass ihre Schicksale längst ausgezockt waren. Die Männer hatten am Abend ein Skatturnier veranstaltet und damit die Reihenfolge festgelegt, nach der sie sich ihre zukünftigen Frauen aussuchen durften.“ Der Leser kann die Resignation der jungen Frau mitfühlen und empfindet den Gegensatz ihrer romantisch-exotischen Träume zur harten und oft brutalen Realität des südwestafrikanischen Alltags. Der Roman gewährt im Rahmen der historischen Ereignisse, während der Herero-Aufstände im Jahre 1904, Einblicke in das Leben der Menschen jener Zeit und stellt darüber hinaus die Grausamkeiten deutscher Kriegsführung heraus. Doch die Darstellung ist nicht einseitig, denn es wird auch von Racheakten und Überfällen der gepeinigten Herero, die sich gegen die deutschen Besatzer zur Wehr setzten, offen und schonungslos berichtet. Ferner erzählen die Autoren von der historisch belegten und menschenverachtenden Entscheidungsschlacht der deutschen Schutztruppe am Waterberg, bei der fast das ganze Volk der Herero getötet wurde. Auch wenn die Geschehnisse im Roman Schrei der Hyänen Fiktion sind, bilden historisch belegte Ereignisse die Vorlage für den Roman im Rahmen der kolonialen Erzählebene.
Die Generationen übergreifende Geschichte der Hamburger Kaufmannsfamilie von Kavea nimmt im kolonialen Afrika ihren Anfang, wechselt in das Hamburg der 1950er Jahre und erstreckt sich bis in die Gegenwart des Jahres 1990, als Südwestafrika unabhängig wird, um von nun an Namibia zu heißen. Die drei Erzählebenen des Romans verlaufen allerdings nicht linear, sondern gleichzeitig, wodurch sich der Leser mit einer Erzählweise konfrontiert sieht, die nach dem Prinzip der Parallelisierung von Motiven selbst den aufmerksamsten Leser zuweilen verwirrt, da er zwischen den Personen in den gleichzeitig erzählten Ebenen oft nur schwer differenzieren kann. Paul von Kavea und seine Tochter Nele sind die beiden Figuren, denen in allen Zeitabschnitten eine tragende Rolle zufällt.
Die Themen Heimat, Gewalt, Schuld und Sühne bestimmen im übergeordneten Entwicklungszyklus das Leben der Nele von Kavea. Als Tochter von Arabella und Paul von Kavea, verlässt sie zusammen mit ihren Eltern nach dem Ersten Weltkrieg ihre Heimat und wächst in Hamburg mit allen Privilegien einer großbürgerlichen Familie auf. Aus ihrem Leben, das in drei Etappen erzählt wird (Kindheit, Erwachsenenalter, Greisenalter), lässt sich die im Roman angelegte Wahrheit ablesen, nämlich, dass Schuld und Sühne über der Banalität eines erfolgreichen Lebens stehen und Glück und Zufriedenheit nicht Resultate eines manipulierten Lebens sein können.
Schrei der Hyänen ist ein lesenswerter kurzweiliger Unterhaltungsroman, der zum Nachdenken anregt, indem er das alltäglich rassistische Verhalten aufzeigt und so dem Leser ermöglicht, einen eigenen Standpunkt zu finden, während er zurückblickt auf über 100 Jahre gemeinsamer deutsch-afrikanischer Geschichte.










