Mein Sommer als Wal

Inhalt

 Sven Lager:
Mein Sommer als Wal:
Eine südafrikanische Geschichte
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2007
317 S.
ISBN 978-3462037838
(Taschenbuch-Originalausgabe)





"Mein Sommer als Wal" von Sven Lager, der als Wahlsüdafrikaner in Hermanus lebt, handelt von dem Mittzwanziger Matthias aus Berlin, der in dem Dorf Sommerdal im südafrikanischen Westkap Sozialstunden ableisten soll: Matthias ist als Ladendieb aufgefallen und soll von seiner Gewohnheit abgebracht werden, indem er sich in dem Dorf um Erwachsene mit Down-Syndrom, liebevoll "Downies" genannt, kümmert. Das Heim wird von Aussteigern und Alt-68ern aus Deutschland geleitet.

Neben seiner Arbeit in der skurrilen Anstalt entdeckt Matthias das Kap für sich: Er erkundet die Küsten mit seinem Surfboard, unternimmt Shopping- und Clubbing-Tripps nach Kapstadt, besucht Pinguin-Kolonien – das gesamte typische Touristenprogramm.

In einem benachbarten Township lernt er die Südafrikanerin Zola kennen und beide verlieben sich ineinander. Zola, die fließend Deutsch spricht, sehnt sich nach einem Leben in Deutschland. Zwei Welten treffen aufeinander, die trotz gemeinsamer Sprache unterschiedlicher kaum sein könnten.

Über Zola lernt Matthias das alltägliche Überleben in den Townships kennen und wird mit Problemen wie HIV, Armut und Kriminalität konfrontiert. Das "neue Südafrika" bietet sich Matthias in all seinen Facetten, Licht- und Schattenseiten, dar. Die Frage taucht auf, wie man in einem so vielgestaltigen Land zu sich selbst finden und eine Beziehung führen soll.

Kira Schmidt / Carlotta von Maltzan, 2010

    Kommentar

    Sven Lager:
    Mein Sommer als Wal: Eine südafrikanische Geschichte

    Diese "südafrikanische Geschichte", wie der Untertitel von Sven Lagers Jugendroman lautet, ist eigentlich eine südafrikanisch-deutsche Geschichte. Zwar trägt sich die Handlung im südafrikanischen Westkap zu, aber das Dorf Sommerdal, in dem sich der Protagonist Matthias aufhält, ist ein "Schattenreich deutscher Kultur". Das Heim, in dem der Berliner Matthias mit seinen straffällig gewordenen Mitpraktikanten auf die sogenannten "Downies" aufpasst, wird von vermeintlichen Spinnern, von Alt-Hippies, Esoterikern, ewig gestrigen Aussteigern aus Deutschland geführt. Man spricht Deutsch – wenn auch mit gewissem Lokal- bzw. "Downie"-Kolorit, und man trägt deutsche Altlasten, wie etwa die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in Namibia oder die RAF-Vergangenheit mit sich herum. Was alle – Deutsch-Exilierte wie Südafrikaner – verbindet, ist die Suche nach Identität in der noch sehr jungen Nation Südafrika.

    Erzählt wird aus der Perspektive des Deutschen Matthias, der das Land um ihn herum nicht wirklich zu begreifen scheint. Er fühlt sich lieber als Tourist, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit den Walen um die Wette zu surfen.

    Dabei werden in dem Roman auch die allseits bekannten Probleme des "neuen Südafrikas" angesprochen - wie Kriminalität, Korruption, HIV und AIDS, aber auch die Armut. Man mag dies Klischeehascherei nennen – diese Themen tauchen in deutschsprachigen Medien immer wieder auf, wenn über Südafrika gesprochen wird – jedoch ist die Art und Weise, wie Lager diese Probleme schildert, nicht unsympathisch: Gerade weil sich Matthias eher wie ein unbefangener Tourist in seiner Umgebung bewegt, erscheinen die Probleme als "normal" und man nimmt sie gelassen, ja beinahe humoristisch hin, ohne sie zu ignorieren.

    Im Township treffen Matthias und seine südafrikanische Freundin Zola auf eine Frau, die nach Zolas Worten "den bösen Blick" hat. Wenig später stellt sich heraus: die Frau hat nicht nur AIDS, sondern ist auch eine Kwerekwere, denn "niemand weiß, woher sie kommt". Der abwertende Begriff für Migranten aus anderen afrikanischen Staaten wurde durch die Ausschreitungen im Mai 2008 auch in Europa bekannt. Da Zola glaubt, Matthias könne sich aufgrund des Blickes der Frau mit AIDS angesteckt haben, drückt sie ihm zur Behandlung eine Knoblauchzehe auf die Stirn, der daraufhin entgegnet: "Man holt sich so kein Aids, Zola" – "Aids kommt aus Europa", antwortet sie nachsichtig. "Was!? Aids kommt aus Afrika." – "It’s a lie!", fällt Zola ins Englische."

    Der Roman "Mein Sommer als Wal" erschien 2007 und damit erst nach der eigentlichen Blüte der Popliteratur Ende der 90er Jahre. Doch passt die Popsprache des Werks zu dessen Inhalt und seinen Figuren. Sie ist bestens geeignet, sowohl die Jugendsprache der Praktikanten in Sommerdal und auch der Althippy-Betreuer zu charakterisieren. Es gelingt Lager jedoch nicht ganz, jeder seiner Figuren eine eigene, sie charakterisierende Stimme zu verleihen. Dies führt dazu, dass die unmarkierten Dialoge, mag dies eventuell auch dem Hörspiel nachempfunden sein, dem Leser den Zugang zum Roman unnötig erschweren. Authentisch ist jedoch das babylonische Sprachgewirr des Romans: es mischen sich Deutsch, südafrikanisches Englisch, Afrikaans und isiXhosa in die Dialoge. Dies entspricht genau der südafrikanischen Realität: ein polyglottes Land, in dem es elf Amtssprachen und darüber hinaus eine gewisse Anzahl geschützter Sprachen wie etwa das Deutsche gibt.

    Auffällig ist auch der sprachliche Minimalismus, der sich in den kurzen Kapiteln – mit ebenso kurzen Überschriften – widerspiegelt. Unterbrochen wird dieser Minimalismus von poetischen Ergüssen des Protagonisten, als dieser zum Beispiel im Liebesspiel mit Zola meint "Mein Herz schlägt zu schnell. Neu ist mir das erhabene Gefühl der Häutung. Die kindliche Aufregung, wenn Zolas und mein Körper nicht zu unterscheiden sind."

    Insgesamt vermittelt der Roman den Eindruck, Südafrika wird auf der Grundlage eines oberflächlichen Urlauberwissens dargestellt, was Matthias im Grunde ja auch ist: ein Besucher, der sich wie ein Tourist verhält, Townships besucht und zwischendurch immer wieder surfen geht, um sich als Wal zu fühlen. Der Wal ist, wie im Titel erkennbar, auch das Leitmotiv des Textes, durch das die recht losen kurzen Kapitel miteinander verknüpft werden. Der Wal taucht immer wieder auf – wobei bis zum Ende nicht ganz klar wird, was es mit dem Wal eigentlich auf sich hat. Ist Matthias so schwerfällig wie ein Wal? Heißt der Roman so, weil er sich nur kurz in Südafrika aufhält, wie die Wale vor Hermanus, die nach fünf Monaten wieder Richtung Arktis verschwinden, aber immer wieder zurückkehren?

    Der Roman ist klassische Unterhaltungslektüre für jugendliche aber auch erwachsene Leser, die bei Südafrika-Besuchern das ein oder andere Mal zu Reaktionen wie "Ach ja, genau so ist es dort unten" führen mag. Südafrikanische Probleme wie Korruption, Rassismus, Kriminalität, Aufstände und Brände in den Townships dagegen dienen im Roman eher als Kulisse und vermitteln dem Leser nur bedingt ein tieferes Verständnis für das südafrikanische Alltagsleben.
    Kira Schmidt / Carlotta von Maltzan, 2010

    Links

    Buchtips.net   deutsch

    kurze Besprechung von Helga Buss

    Kiepenheuer & Witsch   deutsch

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