Der Weltensammler

Inhalt

Ilija Trojanow:
Der Weltensammler
München: Hanser, 2006
473 S.
ISBN 978-3-446-20652-6
Taschenbuchausgabe:
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007
Englische Übersetzung:
The Collector of Worlds (Faber & Faber, 2008)
Französische Übersetzung:
Le collectionneur de mondes (Buchet Chastel, 2008) 
Portugiesische Übersetzung: O colecionador de mundos (Companhia das Letras, 2010)

Der Roman folgt den Bewegungen der historischen Figur Richard Francis Burton, der im 19. Jahrhundert "Welten gesammelt" hat, wie andere Menschen Briefmarken. Jede seiner drei Reisestationen bildet einen abgeschlossenen Romanteil. Die Reise Burtons beginnt in Indien, wo er als Offizier Spionageaufträge für die britische Krone ausführt. Diese Aufträge erhält er aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit und seiner Kenntnisse indischer Sprachen, die er sich vor Ort aneignet. Burton versenkt sich in die indische Kultur: er sucht sich einen Brahmanen als Lehrer, und seine Geliebte Kundalini weist ihn in tantrische Sexualpraktiken ein.

Der Mittelteil des Romans behandelt die geheime, beschwerliche Pilgerreise Burtons in die für Nichtmuslime verbotenen Städte Mekka und Medina. Arabien ist der Höhepunkt seiner Anverwandlung fremder Kulturen: Burton geht im Gemeinschaftserleben der religiösen Versenkung auf – distanziert sich doch sogleich wieder von diesem Gefühl, als er sich dessen bewusst wird. Letzte Station ist Ostafrika. Dort unternimmt Burton zusammen mit seinem jagdbesessenen Kollegen Speke eine Forschungsreise durch den afrikanischen Dschungel auf der Suche nach den Quellen des Nils. Burton nimmt wissenschaftlichen Abstand von der ihn umgebenden Kultur. In ethnologischer Manier vermerkt er seine vielfältigen Beobachtungen in Notizbüchern. Burtons Reisen sind von einer ständigen Suche nach dem Göttlichen geprägt. Dabei lehnt Burton religiöse Alleinansprüche auf Gott ab. Dies erspart ihm jedoch nicht die Letzte Ölung, die er – bereits bewusstlos – auf seinem Sterbebett in Triest erhält.

Kira Schmidt, 2008

    Kommentar

    Ilija Trojanow: Der Weltensammler

    Trojanow sammelt in seinem Bestseller eine ganze literarische Welt um seinen Protagonisten Richard Francis Burton, einer schillernd ambivalenten Gestalt des britischen Kolonialismus: im Roman finden sich Anklänge an unterschiedliche, traditionsreiche Genres wie etwa biografischer, historischer, Abenteuer- und Schelmenroman.

    Trojanow gestaltet den "Weltensammler" als vielschichtiges Werk mit einer abwechslungsreichen Detailfülle. Eine Rahmenhandlung kreist das ereignisreiche Geschehen ein: der Roman beginnt und endet mit dem Tod Burtons. Am Anfang des Romans steht das symbolreiche Bild des Feuers, das die Tagebücher Burtons verbrennt. Die vernichtenden Flammen erwecken die Hauptfigur literarisch sogleich wieder zum Leben: "Das Kamelleder brennt, eine Grimasse knackt, Seitenzahlen brennen, Pavianlaute glühen, Marathi, Gujarati, Sindhi verdampfen, hinterlassen krakelige Buchstaben, die als Funken aufflattern, bevor sie als Kohlenstaub hinabsinken. Er, Massimo Gotti, ein Gärtner aus dem Krast nahe Triest, erkennt im Feuer den verstorbenen Signore Burton, in jungen Jahren, in altmodischer Kluft." Das zerstörerische Feuer ist zugleich zündender Funke: Die Vernichtungsaktion im Auftrag der Ehefrau Burtons ist der Auftakt der drei im Roman geschilderten Reisestationen im Leben des Offiziers Burton: Britisch-Indien, Arabien und Ostafrika.

    Der Leser folgt dabei nicht nur den Spuren Burtons, sondern auch der Recherchearbeit des Autors (übrigens eindrucksvoll geschildert in seinem Buch "Nomade auf vier Kontinenten"), denn dieser leiht seiner Figur nicht nur eine Erzählerstimme, sondern gleich mehrere: Der Indienteil besteht zum einen aus dem naiven Bericht des Dieners von Burton, Naukaram. Dieser erzählt einem Schreiber die Geschichte seiner Dienerschaft bei Richard Burton. Der Schreiber nutzt das Berichtete zugleich als Quelle seiner poetischen Darstellung des kuriosen britischen Offiziers. Die darin eingeschlossene Liebesgeschichte mit der Geliebten Kundalini erweckt beim Leser Erinnerungen an Scheherazade. Wo in Indien Burtons Initiation in tantrische Liebespraktiken und das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Burton und dem Brahmanen Upanitsche ins Zentrum gerückt wird, ist es in Arabien eine Pilgerreise, die im Mittelpunkt steht. Dort erfährt Burton das Reisen als gemeinschaftliche Initiation: der Individualist Burton ist während der Haddsch auf seine Mitpilger angewiesen und erfährt religiöse Erbauung als Gemeinschaftserlebnis. Hier wechseln sich Abschnitte eines Reiseberichts mit dramengleichen Zeugenberichten ab. Erfolglos versucht die arabische und osmanische Elite, über diese Zeugenaussagen die Hintergründe von Burtons Haddsch zu ergründen. Im letzten Teil bildet der ehemalige Sklave Sidi Mumbarak Bombay das Pendant zum indischen Schreiber des Anfangsteils. Sidi ist jedoch kein Schreiber, sondern Erzähler, der seine Version über Burton Forscherreise an die vermeintliche Quelle des Nils dem Publikum in blumigen Farben schildert.

    Insgesamt entsteht durch diese vielstimmige Darstellung kein einheitliches Bild des Verwandlungskünstlers Burton. Burton verleibt sich nicht nur die Sprachen seiner Aufenthaltsorte ein, sondern er versinkt in die unterschiedlichen Kulturen. Dies geht über seine Spionagetätigkeit hinaus, ist keine reine Maskerade mehr, sondern die Maskerade führt zu einer Veränderung ihres Besitzers.

    Letztendlich bleibt die Figur des Nomaden Burton ein Geheimnis, das vom Autor nicht gelüftet wird. Stattdessen ist es der Fantasie des Lesers überlassen, die Zusammenhänge selbst herzustellen. Was zählt, sind die Graustufen zwischen Eigenem und Fremdem, und so stirbt Burton zu Beginn und am Ende des Romans "früh am Morgen, noch bevor man einen schwarzen von einem weißen Faden hätte unterscheiden können."

    Man mag die Unvollständigkeit des Glossars am Ende des Romans kritisieren - vom Autor selbst war ein solches nicht vorgesehen. Jedoch reihen sich die unbekannten Wörter in den musikalischen Erzählton des Werkes ein, denn die Wahrnehmung des Lesers konzentriert sich auf den Klang dieser fremden Ausdrücke. Der Leser muss die Bedeutung der Wörter, wie der sprachenlernende Burton, aus dem Zusammenhang erschließen. Trojanows bildhafter, klangvoller Schreibstil, sowie die kunstvolle Struktur des Romans machen den ästhetischen Reiz dieses vielfach hochgelobten Werkes aus.

    Der Autor schafft es, ein facetten- und fantasiereiches Bild Burtons zu entwerfen, das auch viele ironische Züge aufweist. Ein großes Verdienst Trojanows ist, dass er den Leser dabei nicht bevormundet. Dadurch, dass Trojanow eine Vielzahl einheimischer Stimmen zu Wort kommen lässt, die Burtons Leben beschreiben, bleibt das letzte Urteil dem Leser selbst überlassen.

    Kira Schmidt, 2008

    Links

    Deutschlandfunk   deutsch

    Rezension von Florian Felix Weyh, mit Textausschnitten aus „Der Weltensammler“, Deutschlandfunk vom 02.04.2006

    Frankfurter Allgemeine Zeitung   deutsch

    Rezension von Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 05.03.2006

    Frankfurter Rundschau   deutsch

    Rezension von Hilal Sezgin, Frankfurter Rundschau vom 15.03.2006

    Hessischer Rundfunk   deutsch

    Rezension von Nicole Rodriguez Cardenas im Hessischen Rundfunk vom 13.09.2006

    Literaturzirkel.eu   deutsch

    Leseprobe aus «Der Weltensammler» (PDF, 64KB)

    Neue Zürcher Zeitung   deutsch

    Rezension von Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung vom 25.03.2006

    Perlentaucher   deutsch

    Kommentierte Rezensionen aus diversen Zeitungen

    perlentaucher.de   deutsch

    Verschiedene Rezensionen deutscher Zeitungen