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Eine Frage der Zeit
München: Knaus, 2007
304 S.
ISBN 978-3-8135-0272-5
Englische Übersetzung:
A Matter of Time (Haus Publishing Ltd, 2011)
Taschenbuchausgabe: btb Verlag, 2009
Es gibt wahre Geschichten, die sind grotesker, als alle erfundenen es sein könnten. Dieser historische Abenteuer- und Afrikaroman basiert auf einer solchen. Im Jahr 1913 schickte das Reichskolonialamt drei Handwerker von der Meyer-Werft im emsländischen Papenburg an den Tanganjikasee im damaligen Deutsch-Ostfarika, um ein 67 Meter langes Dampfschiff zu montieren, die "Graf Götzen".
Das Schiff war nach dem Stapellauf in Einzelteile zerlegt worden, die, verpackt in 5.000 Kisten, über Hamburg nach Daressalam verschifft und dann per Bahn nach Kigoma, dem einzigen Hafen am Tanganjikasee, transportiert wurden. Mit dieser technischen Höchstleistung sollte die deutsche Vorherrschaft über den See und damit die gesamte Region sichergestellt werden. Die konkurrierenden Briten hatten allerdings ähnliche Pläne: Sie beauftragten den exzentrischen Leutnant Geoffrey Spicer Simson, zwei kleine Kanonenboote in Einzelteilen von der Kongomündung her zuerst mit dem Zug quer durch Afrika und dann noch 166 Meilen mit Trägern durch den Busch ebenfalls zum Tanganjikasee zu transportieren, um dort den deutschen Dampfer zu versenken.
Als die beidseitigen Aufträge unter unsäglichen Opfern fast ausgeführt waren, brach der Erste Weltkrieg aus und stellte alle Beteiligten vor eine neue Situation. Briten und Deutsche lagen sich am Tanganjikasee gegenüber, es musste Krieg geführt werden. Statt einer heroischen Schlacht gab es aber nur ein lächerliches Scharmützel, das ein unrühmliches Ende nahm. Die "Götzen" wurde von den Deutschen zur Sicherheit selbst versenkt. Nach Kriegsende kam sie, wieder gehoben, als "African Queen" zu Filmruhm und befährt noch heute als "MS Liemba" den See.
Kommentar
Alex Capus: Eine Frage der Zeit
Alex Capus als Schweizer hat da vielleicht weniger Bedenken, fehlender Ernsthaftigkeit geziehen zu werden. Er ist in der an grotesken Ereignissen reichen Kolonialgeschichte auf einen besonders bizarren Stoff gestoßen, der zu einem Heldentum-Abbau-Roman geradezu herausfordert. So hat er eine augenzwinkernde Kolonialkritik geschrieben, die das heroische Selbstverständnis der sich überlegen fühlenden Akteure, ganz gleich ob Angehörige der deutschen oder der englischen Kolonialmacht, wunderbar ad absurdum führt. Eitelkeit und Exzentrik erscheinen vor der ungewohnten Kulisse noch krasser, ebenso wie die angeblich geschliffenen Umgangsformen der "feinen" Londoner oder Berliner Gesellschaft. Kein Wunder, dass es ein Einheimischer, ein Massai, ist, der als einzige Figur eine gewisse Souveränität an den Tag legt.
Capus hat gründlich recherchiert, nicht nur die historischen Fakten, auch die Landschaften, Gerüche und Geräusche einer afrikanischen Welt, die ihrerseits nicht nur pittoresk und romantisch, sondern auch ganz schön öde oder einfach nur zu heiß sein kann. Entstanden ist daraus ein wunderbar grotesker und doch ernsthafter Roman, der ein Stück Kolonialgeschichte mit leichter Ironie erzählt und dabei auch vor dem Spiel mit den Klischees des Kolportageromans nicht zurückschreckt. "Helden" können sich im afrikanischen Busch nicht halten, weder solche wilhelminischer noch solche viktorianischer Couleur. Und die Kolonisatoren-Rolle kann nur auf Kosten der eigenen Moral gespielt werden. Da seufzt Gouverneur Schnee: "Das ist das Einzige, das ich den Schwarzen wirklich übel nehme, dass sie mich zwingen, Dinge zu tun, die ich selbst für böse halte, und dass ich als Mensch nicht die Wahl hab zwischen dem Guten und dem Bösen".
Die wilhelminische Klassengesellschaft wird nach Ostafrika verpflanzt: Während Kapitänleutnant von Zimmer mit seinen Versuchen, heroisch den imperialen Machtanspruch des Deutschen Reichs zu erfüllen, ständig zur Tat drängt, sind die drei emsländischen Schiffsbauer dagegen biedere Arbeiter, die sich vor allem von der versprochenen guten Bezahlung haben anlocken lassen, mit der sie sich ihre völlig unheldischen Lebensträume erfüllen wollen, das Häuschen abbezahlen und vielleicht einen Urlaub auf Borkum. Es ist ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Heldentum, das diese drei am ehesten rettet, auch wenn sie ihre ganz persönlichen Desillusionierungen erleben müssen. Der Techniker Anton Rüter, der einfach ein Schiff fachgerecht zusammenbauen will, kann den Anforderungen der sich zuspitzenden Kriegssituation nicht ausweichen, Rudolf Tellmann, der Nieter, der sich ein Gepardenweibchen hält, kommt über den Verlust des Tieres nicht hinweg, und Hermann Wendt, ein aufrechter sozialdemokratischer Handwerksbursche, scheitert schnell mit der gut gemeinten Absicht, niemand für ihn putzen und kochen zu lassen. Zu Kriegsspielen haben alle drei keine Lust, und die Faszination der afrikanischen Kulisse hält sich in Grenzen. Die Landschaft ist vor allem heiß, und die exotischen Tiere lassen sich mit "Petermanns afrikanischem Tierlexikon" wunderbar bestimmen und einordnen. Leutnant Geoffrey Spicer Simson, auf der britischen Seite, verfügt über eine weit reichende koloniale Erfahrung und Erfahrung als Seemann, er war schon in China, Gambia und auf der Themse, aber die wahre Karriere ist ihm bisher versagt geblieben. Er ist eine schillernde Figur, eitel und narzisstisch, und die Aussicht auf eine heldenhafte Tat treibt ihn an – was ihm nicht erspart, sich der Lächerlichkeit ausgesetzt zu sehen.
"Eine Frage der Zeit" ist ein wunderbares Buch für Lehnstuhlreisende, für Liebhaber von abenteuerlicher Literatur, die sich doch der Fragwürdigkeit des Genres bewusst sind. Und: Wer Werner Herzogs "Fitzcarraldo" bisher für einen surrealistischen Film gehalten hat, wird hier eines Besseren belehrt: Nichts ist so surreal wie die Realität!










