Orale Literatur und Storytelling

Hier geht es um Initiativen zum Erforschen, Sammeln und Bereitstellen mündlich tradierter literarischer Texte sowie um performative Formen rund um orale Literaturen, wie z.B. Storytelling, Spoken Word, Musik, Tanz und Theater.

Hira Gasy: Musiktheater in Madagaskar

Das Hira Gasy ist eine Art des Erzähltheaters mit musikalischen Elementen, das meist zu rituellen Anlässen und im Freien aufgeführt wird. Einflüsse aus Asien aufsagend, entstand es in Madagaskar gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Noch heute hat es eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

Bildung im Auftrag des Königs

Das Hira Gasy kam gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf. Der madagassische König Andrianampoinimerina wollte möglichst viele Menschen dazu bringen, seinen Reden zuzuhören. Also bat er Musiker zu seinen Auftritten hinzu. Diese sollten ein unterhaltsames Spektakel kreieren, sodass sich seine Botschaften und Gesinnungen schnell und weit verbreiten würden. Ein Mischung aus Rede und Musik – und das Hira Gasy war geboren. Seit jeher liegt auf dem Text eine besondere Bedeutung: Der König erteilte seinen Musikern ausdrücklich einen Volksbildungsauftrag. Verschiedene Beitragsformen kommen daher bei der Aufführung zum Einsatz: Kabary, die Kunst der Rede; Hain-teny, eine Art Kurzgedicht, ähnlich dem japanischen Haiku; die lyrischen Tolonkano sowie die bedeutungsvollen Ohabolana – Sprichwörter, von denen es tausende in der madagassischen Sprache gibt.

Ein weiterer Name für Hira Gasy ist Vakondrazana: „Tradition der Ahnen“. So werden Hira-Gasy-Gruppen häufig zur Begleitung religiöser Riten des Ahnenkults engagiert. Aber auch im Alltag kann man Hira-Gasy-Gruppen antreffen: sonntags auf dem Marktplatz beispielsweise oder auf einer Kirmes.

Einflüsse aus Asien

Der Hira Gasy ist zum Teil entstanden aus den Traditionen Südostasiens und Ozeaniens. Aus diesen Regionen besiedelten die Ureinwohner Madagaskars die Insel. So erinnern die Handbewegungen der Tänzerinnen noch heute an südostasiatische Tänze, und die abrupten Beinbewegungen der Tänzer wecken Assoziationen zur asiatischen Kampfkunst. Meist treten bei öffentlichen Aufführungen zwei oder mehrere konkurrierende Gruppen auf, die über ein Thema improvisieren, auf das man sich vorher geeinigt hat. Häufig steht die Liebe im Vordergrund, aber auch Politik, Moral und Philosophie sind gängige Themen.

Abwechslung von Rede, Tanz und Gesang

Die Aufführung eines Hira Gasys ist meist genau strukturiert. Schon das Anlegen der Kostüme und die Vorbereitung des Auftrittsorts zählen zum Stück dazu; sie bilden die Einführung, die Sasitehaka. Es folgt eine Rede als offizielle Eröffnung, die meist vom Anführer der Gruppe oder dem ältesten Mitglied vorgetragen wird. Dabei betreten die Frauen bereits die Bühne. Der anschließende Hauptteil Renihira, „Gesang der Mütter“, dauert ungefähr eine Stunde. Hier geht es um das vorgegebene Thema. Die Sängerinnen wenden sich direkt ans Publikum und wechseln mehrmals ihre Plätze. Sie betonen ihren Gesang durch tänzerische Handbewegungen. Die Zuschauer feuern sie durch Zwischenrufe und vor allem mit Geldstücken an, die sie während besonders gelungener Passagen auf die Bühne werfen. Zum Abschluss treten die Tänzer zum Dihy an: Einzeln oder zu mehreren tanzen sie mit teils wilden, abgehackten und manchmal akrobatischen Bewegungen. Am Ende kommen die Zanakira-Gesänge, in denen neue Themen angeschnitten werden. Die Vorstellung wird von ungefähr zehn Musikern begleitet. Sie spielen die traditionelle Flöte, die Sodina, sowie Trommeln, Pauken, Fiedeln und Blasinstrumente. Die Rhythmen sind stark synkopisch.

Eine Tournee schweißt zusammen

Eine komplette Hira-Gasy-Gruppe besteht aus mindesten dreißig Mitgliedern. Unbedingt dazu gehören der Koch und der traditionelle Heiler. Oft touren die Gruppen mehrere Tage durch das Land: Eine perfekte Organisation ist somit sehr wichtig. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können. Das fördert die Einigkeit und Solidarität der Gruppe. Oft bestehen die Gruppen aus einer Familie. Von frühester Kindheit an wachsen die Kinder in der Tradition des Hira Gasy auf und treten oft schon im Alter von zehn Jahren mit der Familie auf. Stirbt der Anführer oder die Anführerin – oft sind es Frauen, die eine solche Gruppe leiten– übernimmt ein jüngeres Familienmitglied die Führung. So werden die Verankerung in der Tradition und die Authentizität gesichert.

Ein Fest für das ganze Dorf

Eine Hira-Gasy-Vorstellung ist ein wichtiges Ereignis im Dorf und wirft seine Schatten lange voraus. Auch aus den benachbarten Ortschaften nehmen viele einen langen Fußmarsch in Kauf, um dabei zu sein. Es herrscht eine festlich-fröhliche Atmosphäre; alle lauschen gespannt den Texten. Oft beginnt die Veranstaltung am Morgen und zieht sich hin bis zum Sonnenuntergang. Die Künstler wenden sich gezielt an alle Bevölkerungsgruppen: Kinder, Männer und Frauen jeden Alters.

Seit der Erfindung des Hira Gasy ist die Entwicklung der madagassischen Musik natürlich nicht stehengeblieben. Hira Gasy ist jedoch nach wie vor ein lebendiges Volksspektakel, das nichts mit toter, reproduzierter Folklore zu tun hat. Die Fortentwicklung ist vor allem in den oft hochaktuellen Texten abzulesen. Nach wie vor hat das Hira Gasy zahlreiche und begeisterte Anhänger.
Ranja Raveloson, Madagaskar, 2012

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