Orale Literatur und Storytelling

Hier geht es um Initiativen zum Erforschen, Sammeln und Bereitstellen mündlich tradierter literarischer Texte sowie um performative Formen rund um orale Literaturen, wie z.B. Storytelling, Spoken Word, Musik, Tanz und Theater.

Griots in Westafrika – viel mehr als Geschichtenerzähler

Foto: Simon Rawles
Frauen singen und tanzen, als das Brautpaar aus dem Rathaus in Bingerville, ein Stückchen westlich von Abidjan, tritt. Die Vorsängerin benutzt ein kleines Megafon, um ihre Stimme zu schonen. Sie singen Lobgesänge auf die frischvermählte Frau und umringen die wohlhabenderen Hochzeitsgäste. Mit einem Augenzwinkern und in Erwartung einer Belohnung preisen sie deren Adel und Schönheit.

Ursprung

Die Griot-Tradition hat sich in Westafrika erstaunlich lange gehalten: ihre Ursprünge gehen auf das Reich der Malinke zurück, das sich vor 700 Jahren vom heutigen Senegal bis Timbuktu und Gao in Mali erstreckte und selbst Teile der Elfenbeinküste umschloss. Griots dienten am Hofe als Berater, sie waren Geschichtenerzähler, Musiker und Preissänger; sie alle gingen aus fünf führenden Griot-Familien hervor.

In einem Straßencafé in Williamsville werde ich mit einem breiten Lächeln von Bakary Koita begrüßt, einem Griot aus Abidjan. Bevor er meine erste Frage beantwortet, spricht er rasch noch ein Gebet auf Arabisch und bittet darum, dass unsere Unterhaltung fruchtbar sein möge. Dann sagt er: „Das Wort Griot hat viele unterschiedliche Bedeutungen. Vor allem muss ein Griot immer mit Ernst bei der Sache sein. Ganz gleich, was man tut, man muss immer professionell auftreten. Wenn es in der Nachbarschaft Probleme in einer Familie gibt, ist es der Griot, der eingreift. Bei Streitigkeiten wird ein Griot als Schlichter herbeigerufen. Der Griot hat also immer eine wichtige Rolle zu erfüllen. Er darf nicht unaufrichtig sein, er muss sich zu benehmen wissen, er ist ein Vorbild – andere schauen zu ihm auf und richten sich danach, wie er lebt und wie seine Familie lebt. Das ist schon mal der Anfang der Beschreibung eines Griots – sie sind Wohltäter.“ Bakary ist der Schatzmeister der Association de Griots d’Abidjan (Griot-Verband von Abidjan). „Man kann sich nicht selbst zum Griot machen. Man wird als Griot geboren. Ein Griot zu sein ist eine Kunst. Man wird mit dieser Kunst geboren und muss sie stets und überall ausüben,“ erklärt Bakary, der das Griot-Sein sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits geerbt hat.

Die sozialen Aufgaben der Griots

Ursprünglich bildeten die Griots eine Kaste, die es als ihre Aufgabe sah, die kollektive Erinnerung der Gesellschaft zu bewahren. „Ohne uns wären die Namen von Königen in Vergessenheit geraten, wir sind das Gedächtnis der Menschheit. Durch das gesprochene Wort lassen wir die Fakten des Lebens und die Handlungen von Königen vor den Augen der jungen Generation lebendig werden“, erklärt Mamadou Kouyaté, der Griot im Mandinka Epos Soundjata von Djibril Tamsir Niane (Soundjata ou l'épopée mandingue). Die Rolle eines Griots ist vielschichtig, doch ganz allgemein besteht sie aus Dienstbarkeit, insbesondere gegenüber den wohlhabenderen Mitgliedern der Gemeinschaft und solchen, die als adelig gelten (jedenfalls im herkömmlichen Sinne). Zwar können Griots jederzeit zu Hilfe gerufen werden, aber ihre spezielle Aufgabe sind formelle Anlässe und Festlichkeiten. „Wir werden zu jeder Hochzeit geladen, zu jeder Taufe und jeder Beerdigung“, sagt Bakary.

Wie es in den Gönnerschaftssystemen wohlhabender Herrschaften Sitte ist, erwartet der Griot eine Belohnung für seine Dienste. Manche Griots üben nebenbei allerdings auch ein Handwerk aus, beispielsweise Lederarbeiten. Ein Griot dient aber nicht nur einer Person, sondern der gesamten Gesellschaft. Bakary erläutert seine Position so: „Ich bin ein Griot – ich biete keine Waren feil und betreibe keinen Marktstand! Aber ich muss essen und meine Miete bezahlen. Wo kommt das Geld her? Es kommt von den Adeligen. Ich stehe im Dienste des Adels und dadurch kann ich der gesamten Gemeinschaft dienen.“

Der Griot der Moderne

Das gesprochene Wort ist weiterhin das wichtigste Werkzeug eines Griots, aber mit der Musik ist er ebenfalls eng verbunden. Unter den Griots gibt es auch Frauen, allerdings sind sie meist auf Gesang spezialisiert und spielen höchstens einfache Schlaginstrumente. Abgesehen von der Stimme wird die Musik der Griots im wesentlichen von drei Instrumenten geprägt: Kora, Balafon und Ngoni (Laute). So verwundert es nicht, dass einige der prominentesten Stars der westafrikanischen Musikszene Griot-Verbindungen haben. Künstler wie Mory Kanté aus Guinea und Mansour Seck aus dem Senegal stammen aus traditionellen Griot-Kasten, und der senegalesische Sänger Youssou N’Dour hat mütterlicherseits Griot-Erbe im Blut. Andere wiederum – allen voran Salif Keita – haben entgegen aller Tradition eine kulturelle Rolle übernommen, die ihnen in einer traditionellen Gesellschaft nicht zugekommen wäre.

Das Griot-Konzept hat sich über die Musik hinaus als flexibel und attraktiv erwiesen. Künstler aller Gattungen befassen sich mit seiner Bedeutung und schöpfen aus Jahrhunderte alten authentischen Traditionen. Der senegalesische Filmregisseur Djibril Diop Mambéty, dessen bekanntestes Werk Touki Bouki (1973) als einer der besten afrikanischen Filme gilt, sagte einmal: „Das Wort Griot (...) ist die Bezeichnung für das, was ich mache, und für die Rolle des Filmemachers in der Gesellschaft ... der Griot überliefert unsere Geschichte; er ist ein Visionär und gestaltet die Zukunft.“

Griots vergleichen ihre Arbeit gerne mit einem uralten Baobab oder einer Bibliothek – als lebendiges, gesprochenes Zeugnis des Werdegangs einer Gemeinschaft. „Wir können sagen, dass die Griots das Gedächtnis des Mandingue-Volkes sind“, erklärt Professor Dagri. „Eine Redensart der Mandingue lautet: Möge Gott so walten, dass Griots niemals auf dem Schlachtfeld eines Krieges umkommen; aber jedes Schlachtfeld braucht einen Griot, denn ohne seine Anwesenheit würde das Geschehene auf immer in Vergessenheit geraten.“
John James, Elfenbeinküste, 2012