Oralität und Wissensgesellschaft

Hier stellen wir Initiativen vor, die zur Wissensproduktion und -vermittlung in oralen Kulturen beitragen und die Teilhabe afrikanischer Gesellschaften an der globalen Wissensgesellschaft fördern.

Multimedia, mündliche Überlieferung und die Zukunft des Wissens in Afrika

Schreiben ist ein wichtiger Aspekt des modernen Lebens. Texte verstehen und verfassen zu können ist eine der zentralen Voraussetzungen, die von einem Menschen erwartet wird, um in einer Dienstleistungsgesellschaft erfolgreich sein zu können. Die Fähigkeit, menschliche Gedanken und Ideen schriftlich zu dokumentieren, ist eine wesentliche Grundlage für das Schaffen und die Bewahrung von Wissen. Aufgrund dieser Tatsache hat sich die Bibliothek als Speicherort für das globale Wissen entwickelt.

Gesprochene Sprache bleibt das bevorzugte Kommunikationsmittel

Trotz der vielfältigen Vorteile des Schreibens bleibt die gesprochene Sprache das bevorzugte Mittel der menschlichen Kommunikation. Bei dem Bemühen, das Gedankengut des Menschen zu festzuhalten, nimmt jedoch die schriftliche Dokumentation im Laufe der Menschheitsgeschichte häufig eine vorrangige Stellung ein. Dank der Entwicklung der Digitaltechnik ist es heutzutage jedoch möglich, menschliche Gedanken und Ideen nicht nur schriftlich, sondern auch in Bildern und Filmen sowie durch Tonaufnahmen und andere Klangsymbole effizient und qualitativ hochwertig zu dokumentieren. Kostengünstige digitale Aufnahme- und Wiedergabegeräte sind mittlerweile fast überall erhältlich und mit vielen der heutigen Mobiltelefone können ebenfalls Fotos und Videos aufgenommen werden. Solche technischen Geräte bieten neue Möglichkeiten bei der Dokumentation von menschlichen Gedanken, Ideen und Erfahrungen.

Die Überlieferung des geschichtlichen Werdegangs von Familien

Gemeinschaften der Fula-, Mende- und Wolof-Völker, die vorwiegend in Westafrika leben, verlassen sich größtenteils weiterhin darauf, dass die Geschichte ihrer Familien von Griots bewahrt und wiedergegeben wird – die Griots stellen sozusagen „lebende Geschichtsbücher“ dar. In einigen anderen afrikanischen Kulturen existiert ein ausgeklügeltes hierarchisches System von Beinamen. Diese dienen der Unterscheidung von Mitgliedern derselben Familie oder desselben Clans und beinhalten die vielschichtige Lebensgeschichte der jeweiligen Personen – also ihre Familie, ihren Clan oder die Ortschaft aus der sie stammen. Diese Beinamen oder auch Spitznamen,werden von den Zulu in Südafrika als isithakazelo und von den Yoruba in Westafrika als oriki bezeichnet. Yoruba-Kindern wird als Antwort auf ihren morgendlichen Gruß immer ein Teil der Geschichte ihres oriki von der Mutter oder von einem anderen Mitglied der Großfamilie vorgetragen. Häufig wird der oriki auch bei Feierlichkeiten rezitiert. Darüber hinaus ist das Vortragen des oriki bei den Yoruba wesentlicher Bestandteil einer Feier zur Anerkennung einer Leistung oder dient als Appell im Rahmen eines Entscheidungsprozesses, bei dem eine Person überzeugt werden soll, etwas bestimmtes zu tun bzw. zu unterlassen.

Neue Wege zur Aufzeichnung mündlicher Überlieferung

Der literarische Corpus, der die Philosophie, medizinische und mathematische Kenntnisse, weitere Elemente der Wissenschaften und der Künste sowie die Spiritualität der Yoruba, Fon, Edo und einiger anderer westafrikanischer Kulturen verkörpert, existiert weiterhin vorwiegend in mündlicher Überlieferung. Es dürfte sich um eines der wenigen „mündlichen Dokumente“ handeln, die heute noch in Gebrauch sind. Obwohl die Sprachen, die in diesen Kulturen verwendet werden, inzwischen auch in schriftlicher Form bestehen, sind die Kulturen selbst noch tief in der Tradition der mündlichen Überlieferung verwurzelt und werden dadurch auch weiter geformt.

Die jüngsten Entwicklungen in der digitalen Technik machen die Dokumentation von Ideen, Überzeugungen, Erfahrungen und Kenntnissen in Form von Sprache und Bildern nicht nur möglich, sondern auch sehr einfach und leicht zugänglich. Die Möglichkeiten des Aufzeichnens von Wissen sind durch viele neue Medien und Techniken erweitert worden. Diese neuen Vorgehensweisen bei der Dokumentation von Information müssen mit Bedacht eingesetzt werden, um den speziellen Erfordernissen von Kulturen zu dienen, deren Überlieferung mündlich erfolgt. Die Technik sollten als Chance verstanden werden, sich positiv auf die Lebensweise von Menschen auszuwirken, ohne diese gleich zu verändern. Das erfordert ein Umdenken, da selbst die moderne Multimedia-Technik durch die Schreibkultur geprägt wurde. Mittlerweile ist eine Welt ohne Schrift fast undenkbar. Stellen wir uns vor, dass die Menschheit einen Weg gefunden hätte, gesprochene Sprache aufzunehmen, bevor die Schrift erfunden wurde: Hätte sich die Schrift jemals so rasant entwickelt? Hätten wir eine Gutenberg-Revolution erlebt, wenn es vor dem 15. Jahrhundert möglich gewesen wäre, Gesprochenes aufzunehmen und wiederzugeben?

Die Bibliothek als Wissensspeicher

Die Bibliothek als Speicherort des menschlichen Wissens ist nicht mehr auf geschriebenen Text beschränkt, sondern bietet heutzutage auch andere Medien an. Mit dem Voranschreiten des Informationszeitalters wächst jedoch der Bedarf, oral tradiertes Wissen festzuhalten und zu verbreiten. Das heißt es müssen Methoden entwickelt und optimiert werden, die es ermöglichen, das in mündlich vorgetragenen Geschichten, Sprichwörtern, Rätseln oder ähnlichem enthaltene Wissen zu dokumentieren, aufzubewahren und zu verbreiten. Zwar hat Schreiben in nicht geringem Maße dazu beigetragen, die Welt so zu gestalten wie wir sie heute kennen, jedoch sollte die Multimedia-Technik in diesem Gebiet auch zukünftig aktiv weiterentwickelt werden. Nur so kann man dem Reichtum an menschlichem Wissen gerecht werden, der in traditionell mündlich geprägten Wissenssystemen enthalten ist.

Die innerhalb des letzten Jahrzehnts rasant ansteigende Zahl an Mobiltelefonen in Afrika – inzwischen mehr als 600 Millionen – steht vermutlich in direktem Zusammenhang mit der Tatsache, dass man nicht lesen oder schreiben können muss, um ein Telefon zu benutzen. Die Beliebtheit von Mobiltelefonen ist ein gutes Beispiel dafür, wie Hindernisse, die mit Analphabetismus verbunden sind, durch bestimmte Innovationen umgangen werden können und somit zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen werden kann. Darüber hinaus haben globale Entwicklungen im Bereich von „Community Radios“ und ihre rasche Verbreitung im ländlichen Afrika dafür gesorgt, dass gesprochene Sprache jetzt sehr einfach aufgezeichnet werden kann. Millionen von Afrikanern eröffnet sich somit die Möglichkeit, ihre Gedanken, Ideen und Überzeugungen festzuhalten, selbst wenn sie nicht lesen und schreiben können. Für die globale Informationswirtschaft ergibt sich dadurch wiederum die Möglichkeit, mündliche Überlieferungen verschiedener Kulturen in Afrika und anderen Teilen der Welt zur Wissensproduktion zu nutzen. Durch die Vielfalt dieses Wissens und dieser Wissenssysteme vergrößern sich die Potentiale der globalen Informationsgemeinschaft. Unsere Welt wird dadurch bereichert werden, und die Vorteile des Wissenszeitalters werden der gesamten Menschheit in vollem Umfang zur Verfügung stehen.

Vor diesem Hintergrund wird die Bibliothek zu einem virtuellen Raum, in dem Menschen von überall auf der Welt Zugriff auf Information und Wissen haben – auf die Art und Weise, die ihnen am besten gefällt, durch das Medium ihrer Wahl und in der Sprache, die ihnen am geläufigsten ist. Da wir über die dafür notwendige Technik verfügen, sollten wir alles daran setzen, dies auch zu verwirklichen.
Tunde Adegbola, Nigeria, 2012

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