Projekte des Goethe-Instituts zum Thema Oralität

Hier informieren wir über Projekte, die die Goethe-Institute in Subsahara-Afrika im Themenfeld „Oralität“ durchführen.

Caravane du Conte: Elfenbeinküste...

© Goethe-Institut Côte d'Ivoire

Das Goethe-Institut Abidjan führt seit 2011 das Festival Caravane du Conte durch. Die Erfinder und Hauptakteure dieses Projekts – Stefanie Kastner und Friso Maecker – standen dem Goethe-Institut Johannesburg Rede und Antwort.

© Goethe-Institut Côte d'Ivoire Die Caravane du Conte – französisch für „Die Geschichtenkarawane“ - fand zum ersten Mal im Dezember 2011 in Abidjan statt. Was genau ist die Caravane du Conte?

Stefanie Kastner: Die Caravane du Conte ist ein Erzählfestival, das aus drei Teilen besteht: Einem oder mehreren Seminaren, Diskussionsrunden, die sich mit der Erzähltradition und dem Erzählen unter wissenschaftlichen Aspekten beschäftigen und Erzähl-Abenden für das breite Publikum, bei denen Erzählerinnen und Erzähler Ihre Märchen und Geschichten präsentieren können.

Warum hat das Goethe-Institut diese Karawane gerade in der Elfenbeinküste initiiert?

Stefanie Kastner: Dafür gibt es drei Gründe:
1. Ich habe zu Beginn meiner Zeit in der Elfenbeinküste eine sehr interessante Erfahrung gemacht: Es ging darum, im Goethe-Institut Abidjan eine Information an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu kommunizieren. Damit beauftragte ich einen Kollegen und war davon ausgegangen, dass er eine E-Mail an alle Mitarbeiter schickt. Ich war sehr erstaunt, als ich sah, dass er von Schreibtisch zu Schreibtisch ging, um die Nachricht mündlich zu überliefern. Danach machte ich viele weitere Male die Erfahrung, dass ich in einer Schriftkultur und meine Kollegen in einer oralen Kultur sozialisiert wurden, und dass uns das in unseren Verhaltensweisen prägt. Ich begann mich für diesen Unterschied zu interessieren und daran zu arbeiten.
2. In der Elfenbeinküste ist das Erzählen noch immer sehr lebendig, aber es verschwindet mehr und mehr. Auch das gesellschaftliche Ansehen dieser Kunst nimmt ab. Ein Grund dafür ist der zunehmende Einfluss vor allem des Fernsehens auf erzählerische Traditionen in den Dörfern und die Schriftkultur, die in alle Lebensbereiche Einzug gehalten hat. Eines der Hauptziele der Caravane du Conte ist , eine Brücke zu schlagen zwischen der Schriftkultur und der mündlichen Kultur und die Frage zu stellen, welche Rolle die Medien und das Internet zur Erhaltung dieser großartigen Kunst des Erzählens und der mündlichen Überlieferung leisten können.
3. Zu diesen beiden Ausgangslagen kam die Aufgabe hinzu, gemeinsam mit der Bibliothekskollegin im Senegal für die Region Subsahara/Afrika ein wissenschaftliches Kolloquium zum Thema "Wissensgesellschaft und mündliche Überlieferung" zu organisieren. Aus der Zusammenarbeit mit verschiedenen Wissenschaftlern und Künstlern entstand kurz nach dem Kolloquium die konkrete Idee und Ausgestaltung der Caravane du Conte, die dann im Dezember 2011 umgesetzt wurde.

Friso Maecker: Bei der zweiten Caravane du Conte Dakar – Lomé – Abidjan 2012 legen wir auch großen Wert auf einen zusätzlichen Aspekt:
Man kann sich ja zu Recht fragen, warum eigentlich ein deutsches Kulturinstitut afrikanische Märchen fördert. Die Antwort hierauf liegt in unserer eigenen Geschichte:
Vor genau zweihundert Jahren haben die Gebrüder Grimm ihre „Kinder- und Hausmärchen“ herausgebracht. Sie hatten bereits die Bedeutung der Märchen für den Kulturerhalt erkannt und waren der Meinung, dass die Gründe für zeitgenössische Zustände in der Kulturgeschichte zu finden seien. Viele ihrer Argumente für die Vereinigung und damit Weiterentwicklung der deutschen Länder basierten auf der gemeinsamen Kulturgeschichte. In einem Land wie der Côte d’Ivoire, in dem es 60 Ethnien gibt, mit eigenen Sprachen aber doch auch sich in vielen Punkten überlappenden Kulturgeschichten, erachten wir die Kenntnis der (gemeinsamen) Geschichte, wie sie in den Märchen traditionell weitererzählt wird, für sehr wichtig im Hinblick auf die Entwicklung einer zukünftig stabileren Zivilgesellschaft.
Zusammen mit unserem Partner, dem ivorischen Verein Naforo-Ba, setzen wir uns mit der Caravane 2012 nicht nur für den bereits beschriebenen Kulturerhalt ein, sondern auch dafür, dass für eine professionalisierte Erzählerszene mit gut ausgebildetem Nachwuchs auch eine eigene Kunstsparte „Erzählung“ eingeführt wird.

Für wen ist die Caravane du Conte interessant – für Kinder? Für Lehrer und Bibliothekare? Wer sind die Zielgruppen?

© Goethe-Institut Côte d'Ivoire Stefanie Kastner: Es gibt viele verschiedene Zielgruppen:
Im theoretischen Teil, der ersten Caravane du Conte ging es um das Thema "Erzählen im Unterricht", da waren Lehrerinnen und Lehrer unsere Zielgruppe. Für die Diskussionsveranstaltungen sind unsere Zielgruppen Wissenschaftler, Kulturpolitiker und Erzähler und zu den Erzähl-Abenden sind alle eingeladen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Lehrer, Bibliothekare, einfach alle, die Spaß daran haben, schöne und spannende Geschichten erzählt zu bekommen.

Friso Maecker: Bei der zweiten Karawane gibt es einen Workshop zum Thema "professionelle Beleuchtung bei Erzählveranstaltungen" für Technikerinnen und Techniker. In diesem Workshop geht es um Aus- und Beleuchtung von Erzähl-Veranstaltungen. Ein weiterer Workshop richtet sich an junge Nachwuchserzählerinnen und –erzähler, aber auch Lehrerinnen und Lehrer und es geht um "Erzählen und Mehrsprachigkeit". Ziel ist hier die Professionalisierung der Nachwuchskünstler und die Förderung der Lokalsprachen/Mehrsprachigkeit. Die lokalen Sprachen sind in einem privaten Kontext sehr lebendig. Bei der von Stefanie Kastner eingeführten Veranstaltungsreihe „Freie Feder – Plume libre“, der ersten Lesebühne West-Afrikas, schreiben und lesen immer mal wieder junge Schriftsteller auch in ihrer Muttersprache. Das Publikum lacht dann quasi immer – auch wenn es sich um eine eigentlich traurige Geschichte handelt. Es ist sehr ungewöhnlich, die Lokalsprachen in einem offiziellen Kontext wie einem ausländischen Kulturinstitut zu hören – und das Lachen ist natürlich eine Art, auf diese ungewöhnliche Situation, auf die Überraschung zu reagieren. Dies war für mich der Anlass, die Lokalsprachen in der Fortbildung in den Vordergrund zu stellen – und auch alle Erzähler zu bitten, in ihren Geschichten die Anteile der Lokalsprache zu erhöhen.

Wer hat bei der Caravane du Conte mitgemacht – welche Künstler, Erzähler, Referenten?

© Goethe-Institut Côte d'Ivoire Stefanie Kastner: An beiden Caravanes du Conte haben Erzähler und Wissenschaftler aus vielen verschiedenen Ländern teilgenommen. Die mitgereisten Künstler waren Julia Klein (Deutschland) und Tormenta Jobarteh (Deutschland), Adama Adepoju alias Taxi Conteur (Côte d’Ivoire), Dr. Massamba Guèye (Senegal), Salif Berthé (Mali) und Allassane Sidibé alias Al Sydy (Togo). An allen Orten, in denen die Karawanen Station gemacht haben, wurden die Erzähl-Festivals noch durch zahlreiche lokale Künstlerinnen und Künstler ergänzt.

Friso Maecker: Bei der zweiten Karawane konnten wir so insgesamt 36 Erzählerinnen und Erzähler auf die Bühnen in Dakar, Lomé und Abidjan bringen. Bereits zu Beginn haben wir das Prinzip des „Beobachters“ eingeführt. Es werden ein Kulturmanager und ein Erzähler aus einem weiteren Land eingeladen, an den Fortbildungen und am Festival teilzunehmen und der Erzähler steht auch kurz auf der Bühne. So wollen wir Partnern, die dann im nächsten Jahr auch einen Stopp der Karawane bei sich zu Hause beherbergen wollen, vermitteln, wie die Karawane aus unserer Sicht stattfinden kann. Natürlich folgen dann vor Ort viele Diskussionen zwischen Kulturmanager und Erzähler, um den lokalen Gegebenheiten gerecht zu werden. Bei der ersten Karawane waren dies der Erzähler Salif Berthé und der Leiter des Deutsch-Malischen Kulturzentrums in Bamako, Mali. Aufgrund der politisch instabilen Situation in Mali konnten wir zwar dieses Jahr leider nicht dorthin – aber Salif Berthé hat an der Karawane teilgenommen, und wir haben so auf unsere Art auf die Bedrohung der Kultur in Mali hingewiesen. Unser Publikum hat dies sehr gut verstanden. Für mich unterstreicht dies sogar die Bedeutung der Caravane du Conte und die Rolle, die sie beim Kulturerhalt spielt.

Wie geht es weiter? Sind weitere Karawanen und neue Stationen geplant?

Stefanie Kastner: Nach der zweiten Caravane du Conte, die mit drei beteiligten Ländern schon größer als die erste war, hoffe ich, dass es eine dritte Edition geben wird. Vielleicht können wir dann den Sprung über den Ozean nach Brasilien machen und uns auch mit der Erzähl-Tradition Südamerikas beschäftigen.

Friso Maecker: Daran arbeiten wir auf jeden Fall! Besonders von Côte d’Ivoire und Ghana sind ja viele Sklaven nach Brasilien gekommen – die Frage, wie sich die Kultur dort weiterentwickelt und andere Einflüsse mit aufgenommen hat, halte ich für sehr spannend. Als zusätzliche Stationen werden 2013 Burkina Faso und ein dann hoffentlich befriedetes Mali hinzukommen. Damit werden wir dann schon fünf oder sechs Stationen haben – als Beobachter planen wir dann zum ersten Mal, ein anglophones Land - Ghana - mit hinzu zu nehmen… Das sind dann natürlich noch ganz andere (linguistische) Herausforderungen…


Zu den Interviewten:

Stefanie Kastner

Stefanie Kastner hat von September 2008 bis August 2011 den Bibliotheks- und Informationsbereich des Goethe-Instituts Abidjan geleitet und ist seit September 2011 am Goethe-Institut Sao Paolo tätig.

Friso MaeckerFriso Maecker leitet seit Januar 2011 das Goethe-Institut Côte d’Ivoire.

Visit us at Goethe-Institut Johannesburg