Architektur: Filmporträts ausgewählter Bauten in Deutschland

„Betreten des Rasens erwünscht“ – 40 Jahre Olympiapark München

2012 war für München ein Jahr der Jubiläen. Das wichtigste ist der 40. Geburtstag des Olympiageländes – in seinem Schlepptau feiern auch der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund und die Fußgängerzone ihr 40-jähriges Bestehen.

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Konzept/Kamera: Andreas Christoph Schmidt, Schnitt: Michael Auer, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2012

Allein daran lässt sich erkennen, welche Auswirkung die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), die XX. Olympischen Sommerspiele 1972 nach München und Kiel zu vergeben, auf die Stadt- und Verkehrsentwicklung hatte: Die wichtigste Aufgabe der Abteilung „Verkehr“ beim Generalsekretariat des Organisationskomitees war der Bau der U-Bahn-Linie U3 zwischen Münchner Freiheit und Olympiazentrum. In 17 Tagen wurden hier insgesamt etwa vier Millionen Besucher befördert.

Heitere Spiele

Olympiade in München 1972, Foto: Reinhold Kocaurek

Dass die Spiele trotz der tragischen Ereignisse des 5. Septembers 1972, bei denen elf Mitglieder der israelischen Mannschaft von der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ getötet wurden, als weltoffen und heiter in Erinnerung blieben, ist maßgeblich das Verdienst von Otl Aicher, der das visuelle Erscheinungsbild verantwortete: ein System variabler, untereinander verwandter Elemente – die Farben hellblau, hellgrün, gelb, dunkelblau, dunkelgrün und orange, Adrian Frutigers Schriftfamilie „Univers“, die olympischen Ringe und das Logo der Münchner Spiele, die sich in einer Vielzahl von Varianten kombinieren ließen.

Olympiapark in München 1972, Foto: Reinhold Kocaurek

Den im Februar 1967 ausgelobten Wettbewerb für das Olympiagelände gewannen aus 104 Teilnehmern Behnisch und Partner (Tragwerksplanung: Heinz Isler; Landschaftsarchitektur: Günther Grzimek) mit ihrem von den grünen Hügeln des Allgäus inspirierten Entwurf eines in die Topografie des Oberwiesenfelds hineinmodellierten Gesamtkunstwerks, wobei Günther Grzimek den Olympiapark konsequent als strapazierfähigen „Benutzerpark“ realisierte: „Betreten des Rasens erwünscht“.

Dach des Olympiastadions im Bau 1972, Foto: Reinhold Kocaurek

Die Idee des luftig und leicht wirkenden Zeltdachs stammt von Frei Otto, der es in kleinerem Maßstab bereits beim Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Montreal 1967 realisiert hatte. Für ihr Wettbewerbsmodell im Maßstab 1:1.000 griffen die Architekten bei der Gestaltung des Dachs auf Rohlinge von Nylonstrümpfen zurück – heute befindet sich dieses Prachtstück in der Sammlung des Architekturmuseums der Technischen Universität München.

Innovativer Städtebau

Olympiagelände 1972, Foto: Reinhold Kocaurek

Das Olympische Dorf entstand 1968 bis 1972 als terrassenartig angelegte „Stadt in der Stadt“, fingerförmig von Grünanlagen durchzogen. Sie bot und bietet Einkaufsmöglichkeiten, Schule, Kindergärten und kulturelle Einrichtungen. Die Stuttgarter Architekten Heinle, Wischer und Partner verwirklichten dabei en passant auch einen revolutionären städtebaulichen Ansatz: die konsequente Entflechtung des unterirdisch geführten mobilen Individualverkehrs von den Wegen für Fußgänger und Radfahrer an der Oberfläche. Der Autofahrer erlebt die Anlage nicht wie Straßen, sondern eher wie ein Tunnelsystem oder eine riesige Tiefgarage. Trotz des damit verbundenen Gewinns an Lebensqualität blieb das Konzept bis heute ein Unikat – immerhin steht der gesamte Olympiapark seit 1998 unter Ensembleschutz.

Olympiadorf vor der Renovierung, Foto: Bernhard Betancourt

Die südlich der bis zu 18-geschossigen Hochhaussiedlung gelegenen, von Professor Werner Wirsing als Olympisches Frauendorf entworfenen „Bungalows“ – genau genommen handelt es sich um Maisonette-Reihenhäuser – wurden nach dem Ende der Olympischen Spiele vom Studentenwerk München ebenso wie die beiden Hochhäuser als studentische Wohnanlage genutzt. Weil sich nach intensiven Untersuchungen herausgestellt hatte, dass eine Sanierung des Bungalowdorfs unter Erhalt seiner architektonischen Qualität unwirtschaftlich wäre, musste die Anlage im Sinn einer „kritischen Denkmalpflege“ komplett erneuert werden.

Bis heute genutzt und geschätzt

Olympiadorf nach der Renovierung, Foto: Julia Knop

Heute gilt der Wohnwert des in den 1970er-Jahren als „Betonwüste“ geschmähten Olympischen Dorfs als sehr hoch: Neun von zehn Umzügen finden innerhalb des Quartiers statt. Und der Olympiapark hat auch nach 40 Jahren nichts von seiner ästhetischen Qualität verloren und sich trotz diverser Nutzungsänderungen einzelner Sportstätten – das Radstadion wurde zur Event-Area, der Fußball wanderte aus dem Olympiastadion nach Fröttmaning ab – bis heute bestens bewährt.

Jochen Paul
schreibt als freier Journalist und Autor über Architektur und Design für Fachzeitschriften, Magazine und Online-Dienste. Seit 2012 verantwortet er die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für E2A Eckert Eckert Architekten in Zürich. Er ist Mitglied des Deutschen Werkbunds Bayern und der Deutschen Gesellschaft für Designgeschichte.
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